Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 102-103 (28.12.1893)
- Date
- 1893-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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der gotttreuen, jüdischen Brust, vor dem die Sor- , gen des TageS und der Kampf mit dem Leben! kleinlich erscheinen und vollständig in den Hinter- { grund treten, und in diesem Weh liegt eine Kraft, ein Schwung der Seele, die alle von ihm Erfüllten hoch über die Misöre des täglichen Lebens hebt. Seine eigenen Sorgen und Bitternisse hat jeder Einzelne in Hülle und Fülle. Da ist es die materielle Noth. dort ist es der Gedanke an die Familie, bet dem schon höher Strebenden ist es die Schmach und Verkennung, unter welcher sein ganzes Volk leidet, bet allen aber ist es das persönliche Wohl und Wehe des Einzelnen oder der Gesammtheit, welches das Sinnen und Denken, das ganze Sorgen und Hoffen in Anspruch nimmt. Aus diesem Bannkreis, in den wir uns mit unserem Ringen und Kämpfen, unserm Hoffen und Fürchten etngesponnen haben, reißt uns der Fasttag heraus. Was ist die Sorge, die den Einzelnen, waS ist die Schmach, welche die Gesammtheit zu Boden drückt, im Vergleich zu der Verkennung und Verachtung, welche Gottes Sache auf Erden dadurch erfährt, daß sein Volk seit Jahrtausenden noch immer die Tage fastend begehen muß, die Gottes Land und Stadt der feindlichen Eroberung, die Gottes Heiligrhum und Altar der Verwüstung und Zertrümmerung überwiesen haben? Ist Israels ganzer Beruf, ein heiliges Volk und ein Reich von Priestern zu sein, die der Menschheit das getrübte Bewußtsein von seinem Gotte und Seinem Gesetze, in voller Klarheit als unverlierbares Eigenthum wiederbringen sollen, ist die Erfüllung dieser Aufgabe der Beitrag, den Israel für die Entwickelung der Menschheit betzusteuern hat, ließ zur Verwirklichung dieser Aufgabe Gott sich inmitten seines Volkes sichtbar in einem nnyn p»o, an einer Stätte nieder, die lautes Zeugniß dafür ablegte, daß Gottes Schechina in Israel weile, dann kann es keinen härteren Schlag für dieses Volk geben, als der Zusammensturz dieses GotteSheiligthums, wie ihn unsere Fasttage in seinen Stadien verewigen. Dieser Zusammensturz hat dann vor aller Welt bekundet, daß Israel nicht die Aufgabe erfüllt hat, für die es lediglich ins Dasein gerufen wurde, daß in Folge dieser Versündigung Israels an seinem Lebensberuf, die! Schechina keine Stätte mehr im Kreise der Menschen hat, daß sie sich zürnend zurückgezogen und I das von Gottes schützender Nähe verlassene heilige / Land dem Schwerte der Eroberer, das einst von \ ihr erfüllte Hetligthum der Verwüstung und Israel - selber der Verachtung seiner Feinde überantwortet; hat. Wo diese Verachtung sich äußert, wo man j Juden schmäht, wo man Juden höhnt, wo man sie verfolgt und wo man sie beleidigt, indem man sie > duldet, statt sie als Menschen zu achten, alles Leid und alles Weh fließt aus den Trümmern unserer nationalen Selbstständigkeit und unseres Tempelheiltgthums, das ist das m'20 n&i, das Exil der Herrlichkeit Gottes. So halte es in seiner Scheidestunde der große erste Führer seinem Volke bereits Jahrhunderte voraus verkündet: »jiNjfö '21P2 'x by t*bn Kinn M'2 10x1 .r6xn rr'jnn „An jenem Tage des Verhängnisses spricht cs: nur weil Gott nicht mehr in meiner Mitte ist, treffen mich diese Leiden." (V. B. M. 31. 17.) Wenn aber Gott und sein Gesetz wieder der Mittelpunkt seines L'bens und Strebens ist, wird keine irdische Macht mehr Gewalt über Gottes Volk haben. Im heißen Kampfe ums Dasein mitten in den Reihen der Kämpfer stehend, vergeffen wir oft diese Wahrheit, die uns jeder Fasttag in die Seele redet. Bon der Höhe der Anschauung, zu welcher uns jeder Fasttag erhebt, erscheint unser Ringen und Jagen und gar unser Hoffen und Bitten um die Güter des Lebens, um Erwerb und Genuß geradezu unwürdig und sündhaft, wenn wir darüber Gottcs und seiner Sache auf Erden vergeffen. Und wir vergessen sie! Wir vergeffen Gott und seine Sache in den verschiedenen Schicksalslagen, die uns beschieden sind, in der Fülle und im Mangel. Die Gefahr, die der Ueberfluß an allen Gütern des Lebens für das volle Gedächtniß dessen mit sich bringt, dem wir doch allein alles verdanken, ist die Klippe, an welcher unsere nationale Selbstständigkeit zerschellte. Vor ihr warnt schon das Gotteswort: vnntD iiD^n »r't* ti nw tobti p io»n □'ins h nnx robn x -n nx not? ox nrn 121 .121 1112xn 12N '2 Dl’n D22 TVIIjn 12 „Hüte dich, daß du nicht vergissest Gott, deinen Gott, nicht zu hüten seine Gebote, seine Rechtsordnungen und Satzungen, zu welchen ich dich heute verpflichte: Daß dn nicht issest und trinkst, gute Häuser baust und darin wohnst — — und dein Herz sich erhebe und du vergissest Gott deinen Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Lande Mizrajtm, aus dem Hause der Knechte. — Vergissest du Gott deinen Gott, gehst anderen Göttern nach, dienst ihnen und wirfst dich vor ihnen nieder, so zeuge ich heute gegen euch, daß ihr vollständig verloren gehen werdet" u. s. w. (V. B. M., C. VIII, V. 11 ff.) Essen und Trinken werden uns hier als die ersten Schritte der abschüssigen Bahn bezeichnet, die zum endlichen Vergeffen an Gott führen. Damit ist auch schon ausgesprochen, daß das Gegentheil, daS Gegentheil bewirkt, daß also Nicht-Effen und