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Der Israelit · 1893-12-21 · Heft 101 (21.12.1893) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 101 (21.12.1893)
Date
1893-12-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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W 1912 daS alte Testament gemeint habe, und er, der Präsident, habe angenommen, daß der Abg. Rüdt dabei die Absicht hatte, zu sagen, es käme in der Bibel gewisse Anstößigkeiten vor, welche man im Interesse der sittlichen Schicklichkeit der Jugend vorzuenthalten bestrebt sei. Er sei aber daraus aufmerksam gemacht worden, daß Abg. Rüdt in seinen letzten Ausführungen eine Aeußeruug gethan habe, die dahin gegangen, die Bibel habe eine unmoralische Tendenz. Da er diesen Passus nicht gehört, habe er sich das Stenogramm der Rüdt'schen Schlußbemerkungen übertragen lassen, die wie folgt laute: „Dann will ich (bte Sache insoweit zurückweisen, daß es meine Ansicht, daß die Tendenz der Bibel in vielen Fällen unmoralisch ist, ich will das beweisen." Diese Ausdrucksweise ändere die Sache, diese verletze allerdings die Bekenner des christlichen Bekenntnisses, er würde diesen Ausdruck, so wie er jetzt vorliege, für unzulässig und zu rügen angesehen haben. Abg. Rüdt erklärt dem gegenüber, daß er das Alte Testament im Auge gehabt; unter unsittlich habe er dasjenige verstanden, was mit unseren jetzigen Anschauungen nicht übereinstimme. Das alte Testament habe aber auch nur eine Geltung für das jüdische Volk. Abg. Wacker hält es nicht für seine Aufgabe, die heilige Schrift gegen den Abg. Rüdt zu vertheidigen, er erkläre aber, daß er in seinen christlichen Gefühlen und in seinem"christltchen Glauben auf das Tiefste verletzt sei. Präsident Gönner glaubt nach den heutigen Ausführungen Rüdt's, hingesehen auf die Geschäftsordnung, keinen Grund zu haben, auf die gestrige Aeußerung hin einen Ordnungsruf zu ertheilen. Frankreich. Paris. Bedeutende Züge russischer Auswandererkommenunausgesetzt hter an. Diese armen, im vergangenenen Jahre aus Rußland ausgewiesenen Leute hatten es versucht, sich in der Türket oder im Norden Afrikas niederzulassen. Da sie in den mittelländischen Gegenden nicht die nöthigen Existenzbedingungen antrafen, wollen sie nach Amerika ziehen. Das Comite de Bienfaisance israelite zu Paris empfängt und unterhält sie während ihres Aufenthalts in Paris, und übernimmt es, diejenigen auf Kosten der Alliance nach Amerika zu schicken, die ein Handwerk verstehen, kräftig sind und den Eindruck machen, daß sie im Stande wären, in den Vereinigten Staaten ihren Unterhalt zu verdienen. Die vom Central-Comite für diese Expeditionen gemachten Ausgaben waren sehr bedeutend im Jahre 1893. Sie betrugen nahezu 100,000 Frcs. Andererseits hat die Alliance den holländischen Comites zu Hilfe kommen müssen, die für die durch Amsterdam und Rotterdam durchziehenden russischen Juden sehr große Ausgaben machen mußten. Endlich hat das Central - Eomite bedeutende Hilfsmittel gesandt an zahlreiche Auswanderergruppen, die sich an der preußischen Grenze versammelt, in der Hoffnung Rußland verlassen zu können, und die aller Mittel baar, den israel. Gemeinden Rußlands, die bereits von Armut und Elend niedergedrückt sind, zur Last fielen. Rußland. Petersburg. Es ist schon oft nachgewiesen worden, daß das Zahlenverhältniß der zum Militärdienst berufenen Israeliten ein zu hohes ist, und nicht im Einklang mit der Zahl der Bevölkerung. Die vom Kriegsminister veröffentlichte Statistik über das Contingent von 1892, die sich in Odeßki Listok von 4./16. November wiedergegeben findet, ist in diesem Punkt ganz zuverlässig. Von 260,390 Rekruten, die zum activen Dienst berufen wurden, zählte man 16,169 Juden, also 30°/0. Wenn man nun die jüdische mit der nichtjüdtschen Bevölkerung vergleicht, so dürfte die Zahl der jüdischen Soldaten kaum 4°/0 von der Gesammtzahl der russischen Soldaten betragen. > Vermischtes. *4- Beuthen O. S-, 12. Dez. Heute sind es 25 Jahre, daß Herr Dr. med. Mannheimer hier das Ehrenamt eines Stadtverordnetenvorstehers bekleidet. In Anerkennung seiner großen Verdienste um die hiesige Kommune haben die städtischen Behörden ihm die höchste Auszeichnung, die die Bürgerschaft zu vergeben hat, verliehen, indem sie itm zum Ehrenbürger ernannten. Die künstlerisch ausgeführte Urkunde wurde ihm heute Mittag durch den Obermeister Dr. Brühning überreicht. Osterode, 12. Dez. (Jüdischer Militärgottesdienst.) In Osterode i. Ostpr. haben, wie der „N. Niederschl. Ztg." von dort geschrieben wird, die militärischen Behörden, da eine größere Anzahl jüdischer Soldaten daselbst in Garnison steht, dafür gesorgt, daß ganz ebenso wie für die christlichen Soldaten ein besonderer Gottesdienst für die jüdischen eingerichtet wurde. Am Sonntag, den 3. d. M. hat der erste derartige Gottesdienst stattgesunden. Leipzig, 9. Dez. Ein „urteutonisches" Kraftstückchen hat Erwin Bauer, der Verleger des hier erscheinenden antisemitischen Parteiorgans „Neue Deutsche Zeitung", vollbracht, — er ließ seinen Nedacteur Adolf Schroot, der in einem Prozesse zu 500 Mk. oder zu 50 Tagen Gefängniß verurtheilt war, die letztere Strafe antreten. Schroot ist ein alter Mann und seine Familie mittellos, so daß jetzt öffentlich für ihn gesammelt wird. Der „Verein Leipziger Presse« hinterlegte sofort 50 Mk., damit dem Kollegen Selbstbeschäftigung gestattet wird. Karlsruhe. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog hat zu Handelsrichtern beim Landgerichte Karlsruhe ernannt: den Kaufmann Rudolf Hermann und den Kaufmann und Synagogenrath Leopold Ettlinger.

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