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Der Israelit · 1893-12-21 · Heft 101 (21.12.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 101 (21.12.1893)
Date
1893-12-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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pfänglich für die unheiligen Freuden gemacht, denen andere die Lauterkeit ihres Charakters und ihrer Sittlichkeit opfern. Dem Streben nach Genuß, das ausgesprochener- und unausgesprochenermaßen die letzte Triebfeder fast aller anderen Kreise bildet, war durch die Fasttage ein mächtiger Zügel angelegt. Und dieses einfache, wunderbare Mittel zur Erhaltung der jüdischen Einfachheit und Sittenstrenge hat die moderne jüdische Weisheit als unzeitgemäß von sich gewiesen! Wohl ist es unzeitgemäß. Aber gerade weil es das ist, weil Genuß und Vergötterung des Genusses das Charakteristische unserer Zeit bilden, weil das Streben nach schrankenlosem Genießen unsere Zeit vor keinem Wege des Erwerbs, vor keinem Mittel zurückschrecken läßt, um dieses unersättliche Verlangen zu befriedigen, weil hier der ganze Schaden unserer Zeit und die Quelle all des namenlosen Weh's liegt, unter dem das gesammte sociale Leben seufzt, deßhalb gerade müßte der Jude, der die Zeit begreift und unter ihrem Fluche mitleidet, es seinem himmlischen Vater aus der Tiefe seines Herzens danken, daß er ihm mitten in der Fluth der Zeiten Merkzeichen und Denktage gestiftet, die ihn an die unabweisbare Pflicht mahnen, den unberechtigten, gefährlichen Anforderungen einer leichtlebigen Zettströmung für sich und seinen häuslichen Kreis entgegen zu treten, und sich so durch ein unzeitgemäßes Mittel vor dem zeitgemäßen Strudel zu reiten, der Gut und Blut, Familienglück und Mannesehre, der aber vor allen den Juden und die von ihm vertretene jüdische Wahrheit zu verschlingen droht. Daß dem erziehenden, sittigenden Geiste unserer Fasttage diese Kraft innewohnt, alle von ihm durchdrungenen Kreise, gegen die Gefahren zu schützen, welche aus diesen Auswüchsen unserer Zeit fließen, dafür zeugt die instinktive Feindseligkeit, die gerade diejenigen gegen unsere Fasttage erfüllt, welche sich so gerne und so laut als die Anwälte der Zeit und ihrer wirklichen und vermeintlichen Forderungen geriren. Wenn diese Parisane des Fortschritts im Namen der Zeit und des Zeitgeistes die Abrogirung des jüdischen Reltgtonsgesetzes fordern, dann sind es die Fasttage in erster Reihe, die als unzeitgemäß von dem fortschrittlichen Unwillen betroffen werden, und selbst diejenigen unter ihnen, welche noch nicht alles Verständniß für die hohe nationale und ethische Bedeutsamkeit dieser Institution etngebüßt haben, halten es doch für eine „Zumuthung" von den verhätschelten Söhnen und Töchtern unserer Zeit das Opfer eines Fasttags zu verlangen. Aber es ist und bleibt doch eine wunderliche Sorte von Fortschritt, dessen Jünger bei allen Phrasen von „Bildung" und „Veredlung" und der „Macht der Idee" nicht einmal die kleine Dosis Willensstärke besitzen, die eben ein Fasttag verlangt, über welche die vtelgeschmähten, unerleuchteten Alten kein Wort verloren und verlieren, deren Mangel aber bet den Bannerträgern dieses Fortschritts nicht als ein Mangel an geistiger Widerstandskraft gegen die Gemächlichkeit des Lebens erkannt, sondern als beneidenswerthe Errungenschaft laut und keck angepriesen wird. Sie haben längst die Fasttage des vierten und fünften, des siebenten und zehnten Monats in Tage der Wonne und Freude umgewandelt, und blicken verächtlich auf die Brüder und Schwestern, welche „noch" fasten, ja sie haben so jedes Bewußtsein von der nationalen und individuellen Bedeutung der Fasttage ihres Volkes verloren, daß sie die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit der Gesinnung zu verdächtigen wagen, welche durch dieses Fasten zum Ausdruck gelangt. — Demgegenüber dürste es wohl am Platze sein dieser Gesinnung treuen und entschiedenen Ausdruck zu geben. (Schluß folgt.) AeitrrrrgSrrachrichteu «rrd Correspouderrzeu. Deutschland. Berlin, tjto rw 'v 'nnv. Im großen Festsaale der Gesellschaft „der Freunde" fand sich heute eine nach vielen Hunderte zählende Versammlung von Männern der Gotteswiffenschaft und deren Verehrern zusammen, um das 150jährige Bestehen des hiesigen Beth-Hamidrasch zu feiern. — Welche Bedeutung allseitig diesem Momente betgelegt wurde, bewies die allgemeineAnthetlnahme der maßgebenden Kreise Berlins. Jeder Besucher der Heidereuter-Synagoge hat wohl einmal seinen ersten Blick nach dem ersten Stockwerk im Synagogenhofe gerichtet, deffen Bogenfenster einen Beisaal decken, der in majestätischer Ruhe seinem Berufe dient, alle Eingriffe der Außenwelt, welche sein Allerhetligstes anzutasten versuchen, mit starkem Arm abwehrend. Jeder kennt das Beth-Hamidrasch und findet es, wenn der Sterbetag der geliebten Hingeschiedenen wiederkehrt, um an diesem Tage also zu beten, wie es seine Eltern gethan. In dieser feierlichen Stunde will er nicht ein Anderer sein, als sein ftommer Vater. — Was im zweiten Stockwerke vorgeht, das entzieht sich allerdings seiner Beurtheilung. Er steht blasse Gestalten auf- und niedergehend er merkt es ihnen an, sie haben von des Lebens reichen Gütern nur wenig — oft auch nichts — empfangen. Man nennt sie Bachurim; sie sind wohl sehr.dürftig, dennoch wagt der Mildherzige nicht ihnen eine Gabe in die Hand zu drücken. Ihrer Intelligenz haben sie sich

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