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Der Israelit · 1893-12-21 · Heft 101 (21.12.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 101 (21.12.1893)
Date
1893-12-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1908 Mff - Jw.- •. ■■ V.■■ zige, welches nicht ausschließlich die Tage seiner Siege verzeichnet und feiert, sondern gerade die Momente seines Niedergangs, die bei anderen Na-- tionen ignorirt und geflissentlich der Vergessenheit überantwortet werden, aufgreift und sie von Jahr zu Jahr neu in dem Gedächtniß jeder Generation belebt. Ohne Macht, schutzlos und wehrlos in die Mitte machtstolzer Staaten und Völker gestaut, sprechen wir, indem wir den letzten Rest materieller Kraft freiwillig durch Fasten noch herabmindern, die Wahrheit aus, wie wir von unserer Macht nichts, von GotteZ Beistand aber alles erwarten. Diese Eigenthümlichkett allein zieht einen geistigen Kordon, um die jüdischen Familien und macht ihre Fasttage zu niDis, zu einem mächtigen Mittel der Verbindung und Sammlung, das sie vor dem Aufgehen, in die sie umfluthende, mächtige Strömung schützt. Doch nicht in dieser nationalen, allgemeinen Bedeutung erschöpft sich Ziel und Zweck unserer Fasttage. Mehr noch als die zerstreuten Glieder des Volkes, sammelt und concentrirt jeder Fasttag alle Seelenkräste, jede Gemüthsbewegung und Geistesregung der einzelnen Fastenden, um sie mit beharrlicher, unwiderstehlicher Macht dem einen großen Ziele unterzuordnen, das jeder Fasttag anstrebt: Tschuwoh! (Buße.) Daß die Entziehung von Speise und Trank nicht Selbstzweck, sondern nur das mächtige Mittel ist, um Tschuwoh und die aus ihr erblühende Ertüchtigung für ein edles Streben und Wirken anzubahnen, haben die Propeteu, welche unsere Fasttage anordneten und xdie Weisen, welche sie uns deuteten, wiederholt betont. Gelegentlich bestimmter aus besonderen Anlässen angeordneter Fasttage tritt der Würdigste vor die fastende Gemeinde und gibt dieser Wahrheit durch die Worte Ausdruck; „Brüder! Nicht Trauergewänder und nicht Fasten thun es, sondern Tschuwoh und praktische Erfüllung des Guten. So finden wir, daß es von den Männern Niniveh's nicht yeißt, Gott sah ihr Trauergewand und ihr Fasten, sondern ihr Thun sah er. So mahnt auch die prophetische Ueberlieferung: „Euere Herzen zerreißt und nicht euere Kleider!" Solche und ähnliche Mahnungen, welche das Denken und Empfinden der Fastenden der Bedeutung des Fasttags unterordneten, nennt man ihrer Tendenz gemäß powa nan (Talmud, Taanith fol. 16.) Auch die allgemeinen, nationalen Fasttage haben kein anderes Ziel. „Die Tage, die ganz Israel, wegen der Leiden, die es betroffen, fastend begeht, haben den Zweck die Herzen anzuregen und die zur Tschuwoh führenden Wege zu öffnen. (Rambam, Hilchoth Taanijoth V, 1.) Sinniger und präciser dürften sich Wesen und Zweck unserer Fasttage vielleicht kaum wiedergeben lassen, als durch diese drei Wort nawn »am nns* die Wege zur Tschuwoh zu öffnen. Zu der aus den Worten unserer Propheten und Weisen bekannten Thatsache, daß das Fasten unsere sittliche Vollendung bezweckt, geben diese Worte einen Hinweis, wie dasselbe diesen Zweck anstrebt und erreicht. Ist Tschuwoh der feste Entschluß der Rückkehr zur Pflichttreue und seine Verwirklichung, ist Tschuwoh der siegreich gekämpfte Kampf gegen Gewohnheit, Trägheit, Gemüthlichkeit und alle anderen Ausgeburten Geister und Gemüther umstrickender Sinnlichkeit, wo böte sich dann ein besseres Mittel zur Erprobung und Ertüchtigung der festen, sittlichen Willenskraft für diesen heißen Kampf, als durch freiwillige Entsagung unentbehrlicher, sonst gestatteter Genüsse, wie sie jeder Fasttag dem Fastenden auferlegt! Wahrlich, wer durch Erziehung und Gewöhnung fasten gelernt hat, gelernt hat, einen Tag lang dem nagenden Hunger, dem brennenden Durst zu widerstehen, wer mitten in einer genießenden Welt die Befriedigung selbst derjenigen Genüsse von sich weist, die zum Fortspinnen des bloßen Lebens unerläßlich sind, wer durch einen einzigen Bissen Brod, durch einen Trunk Wasser die schwindenden Lebensgeister neu beleben könnte und dennoch Sieger in dem Kampfe bleibt, zu dem ihn jede Mrnute des Fasttags herausfordert, der hat der wahren Tschuwo vorgearbeitet, dem hat der Fasttag die Wege zur Tschuwoh geöffnet. Nimmermehr wäre das Verständntß, das Bedürfniß der Tschuwoh unserer Zeit so fremd geworden, nimmermehr hätte man die Rückkehr zu einem neuen jüdischen Pflichtleben geradezu einen Rückschritt genannt, nimmermehr hätte man den am Gottesgesetz verübten Treubruch als einen anzustrebenden Fortschritt gepriesen, wenn man nicht durch Abrogirung der Fasttage die sittigende Macht gelähmt, den mächtlgen Geistesschwung und die unbeugsame Widerstandskraft gebrochen hätte, mit welcher gerade die Fasttage die jüdischen Männer und Frauen auszustatten berufen sind. Dank dieser erziehenden Kraft seiner Fasttage war der Jüngling, der aus dem elterlichen Haus ins Leben trat, gefeit gegen die Macht der Versuchungen, die da seiner warteten. Die Reize keiner Table d’höte konnten ihn zu einer Verletzung seiner Speisegesetze verlocken, seine Fasttage hatten ihn bereits gelehrt, Magen und Gaumen einem höheren Willen freudig unterzuordnen. Die geübte freiwillige Entsagung an und für sich erlaubter Genüsse hatte ihn unem-

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