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Der Israelit · 1893-12-11 · Heft 98 (11.12.1893) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 98 (11.12.1893)
Date
1893-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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dürften, und als er dies verneinte, fragten sie: aber doch ein Judenbäumchen? — So eine Art Judenbäumchen ist jedenfalls auch diese bislang noch in keiner Botanik erwähnte neueste Pflanze. Man kann sich denken, welche tiefe Religiosität, welches Kaschrns unter dem Schatten dieses Manzanilla-Baums gedeiht. Ein solches dem Gehege philharmonischer Lippen unbedacht entschlüpftes Wort, ist oft charakteristischer und lehrreicher als ganze Abhandlungen. B. Feuilleton. Derlorrn und Miedergefunden. Erzählung von Jakob Frankfurter. „Ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich Ihnen schon so oft gesagt habe. Meine Tochter ist nun einmal nicht für Sie, Sie müssen trachten sie zu vergeffcn. Gegen Ihre Person habe ich durchaus nichts einzuwenden, ich kenne Sie als braven, rechtlichen, strebsamen Menschen, abei\:tüeldie Garamien können Sie mir für Rosas Zukunft bieten? Ich bin ja nicht hochmüthig, Gott bewahre! Wenn Sie nur ein einfacher Handwerker, ein kleiner Geschäftsmann wären, ich könnte! ihr kaum einen besseren Mann wünschen als Sie, aber Ihr gegenwärtiges Einkommen reicht ja kaum hin Sie selbst nothdürftig zu ernähren. Die wenigen hundert Mark, die ich meiner Tochter mitgebcn kann, die mühseligen Ersparnisse meines seligen Mannes, sind bald aufgezehrt, und was dann? Daß Sie einmal eine Kantors stelle in einer kleinen Gemeinde zu stnden hoffen, ist ja recht schön, aber eine solche Stelle findet man nicht so schnell, das hängt vom Zufall ab, und einem Zufall kann ich doch das Geschick meiner einzigen Tochter, meiner einzigen Lebensfreude nicht anheimstellen, das werden Sie doch einsehen?" Er sah es ein. Leider nur zu gut sah ers ein, sie hatte recht, die Frau, er konnte ihrer offenherzig ausgesprochenen Meinung nichts entgegnen. Es war nicht seine Schuld, daß er seiner Rosa nichts bieten konnte, als seine Liebe. Das war wenig, sehr wenig, und doch so viel, so unendlich viel. Sein Vater war ein rechtschaffener, tüchtiger Kaufmann in einer kleinen Stadt, er fand sein hinreichendes Auskommen, v elleicht auch noch mehr, bis zum Tode seiner jungen Frau, der wenige Monate nach der Geburt eines Knaben erfolgte. Von^da an, ging es bergabImit ihm, er konnte den herben Verlust nicht verschmerzen. Er mußte sein Geschäft aufgeben und sich als Hausierer sein Brot verdienen, doch blieb er wie er gewesen, fleißig und arbeitsam und sparte sich den Bissen vom Munde ab, um seinem einzigen Sohne eine gute Erziehung angedeihen zu lassen. Er schickte ihn ins Gymnasium seiner Heimathstadt,und der kleine Joseph wurde durch seine Lernbegier und jeine Sittsamkeit bald der Liebling seiner Lehrer. Wenn der Vater spät abends ermüdet nach Hause kam, war es seine einzige Freude dem eifrigen Studium feines Sohnes zuzusehen, der, wie wenige seiner Kollegen, sich auch die Zeit nahm, seine Kenntnisse in der Sprache und Geschichte seiner Vorfahren zu erweitern. Schwer war der Abschied, als Joseph endlich fort mußte, um die Universität der Pcovinzial- Hauptstadt N. zu beziehen. Ter Vater mußte sich die größten Entbehrungen auferlegen, denn der Aufenthalt in der großen Stadt kostet trotz der bescheidenen Lebensweise des jungen Studenten viel Geld, und was so vielen Anderen gelang, ihm wollte es nicht gelingen, seine Einkünfte durch Ertheilen von L^ctionen zu vermehren. Das hatte seinen Grund wohl hauptsächlich in seinem schüchternen, zurückhaldenten, ja scheuen Wesen, dessen Ursache die freudlose Jugend des tagsüber sich selbst überlassenen Knaben war. Da starb sein Vater. Ein schwerer, harter Schlag! Der theure Ernährer, der um seinetwillen soviel Mühe und Qual geduldig ertragen hatte, dem er gehofft hatte, dereinst in reichem Maße seine aufopfernde Liebe zu vergelten, ihm eine Stütze zu sein im Alter, er war ihm nun entrissen. Eine schlimme Zeit begann für ihi. Der Erlös aus den wenigen Habscligkeiten des Verstorbenen reichte gerade hin, ihn für die erste Zeit vor drückendem Mangel zu schützen. Die väterlichen Freunde konnten nichts für ihn thun, sie lebten zumeist in ärmlichen Verhältnissen und hatten Mühe genug, für ihre Familien zu sorgen. Er fand Niemanden, der sich seiner erbarmte, er stand nun ganz allein in der Welt, war nur auf sich selbst angewiesen. So schwer es ihm ankam, so bittere Thränen es ihn auch kostete, er mußte das Studium aufgeben und sich eine Existenz suchen. Es bedurfte langer Zeit. Der Dirigent eines akademischen Gesangsvercines, dem er früher ang hört hatte, interessine sich für ihn und verschaffte ihm endlich, dank seiner schönen Stimme einen Posten als Chorist am städtischen Theater. Das war freilich nicht viel für den ehrgeizigen, jungen Mann, und es wurde ihm schwer sich Leuten unterordnen zu müssen, die ihrem Bildungsgrade nach tief unter ihm standen, aber er war vor dem Verhungern geschützt, das war die Hauptsache. Auf einem Konzert, welches ein Wohlthättgkeitsverein veranstaltet hatte, lernte er Rosa kennen, er sang und sie begleitete ihn auf dem Klavier. Er hatte sich in sie verliebt und fand Gegenliebe. Wenn er mit ihr plauderte, ihr in die großen, blauen

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