Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-12-11 · Heft 98 (11.12.1893) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 98 (11.12.1893)
Date
1893-12-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448407--37608-2485680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1861 Augen sah, da vergaß er die schweren, unhetlbaren Wunden, die das Schicksal ihm geschlagen hatte und liebte sie desto heftiger, jemehr er sich mit dem Gedanken vertraut machen mußte, daß seine Liebe aussichtslos sei. Sie war arm, wie er. Ihre Mutter, die Witwe eines Lehrers, bezog eine kleine Pension, die im Verein mit dem Wenigen, das die Tochter durch Ertheilen von Privatunterricht verdiente, eben hinreichte, um die bescheidenen Bedürfnisse des Hausstandes zu blstrciteu. Da war sehr wenig Hoffnung vorhanden, daß sich sein Herzenswunsch je erfüllen werde. „Sie müssen trachten, sie zu vergessen", das kam ihm wieder und immer wieder in den Sinn. Er konnte es der guten Frau gar nicht verargen, wenn sie darauf bedacht war, ihre Tochter möglichst bald versorgt zu wissen; sie war alt und schwach, und starb sie, dann erlosch auch ihre Witwenpension. Was sollte dann aus Rosa werden? Sein gutes Herz konnte den Gedanken gar nicht fassen, sie in Roth und Elend zu sehen. Hier war seines Bleibens nicht länger; es trieb ihn fort, weit fort. Er wollte sich der Residenz zuwenden, vt-lleicht, daß cs ihm dort gelänge, sich bald eine gesicherte Lebensstellung zu erwerben; vielleicht ist die Liebe, die Sehnsucht, eine bessere Lehrmeisterin, als die peinliche Sorge um den Lebensunterhalt. „Und wenn nicht?", klang es ängstlich zweifelnd in ihm, „wenn nicht? — dann, ja dann hast Du sie — verloren."- Die weiten Räume der Synagoge der Proviuzialhauptftadt N. boten an einem Sabbat des Jahres 56** einen ungewöhnlichen Anblick dar. Die Bänke, sonst nur spärlich besetzt, waren gefüllt, fast kein Platz blieb frei, wie an einem hohen Festtage. Doch die Mehrzahl der hier Versammelten hatte nicht das religiöse Bedürfniß hergesührt; statt der Andacht war in vielen Mienen nur Neugierde und Schaulust zu lesen. Das allgemeine Interesse concentrute sich auf einen jungen Mann, der oben bei den Vorstehern saß; er candrdirte für die vacant gewordene Stelle des ersten Volbeters und sollte „probesingen." Der frühere Kantor, der fast ein halbes Jahrhundert hindurch seinen Berus ausgeübt hatte, war in den Ruhestand versetzt worden. Er hatte seine Stimme allmählig eingebüßt und sein früher so volltönendes, melodisches Organ hatte seine Kraft verloren. Sowohl als Beamter wie als Privatmann hatte er sich die Achtung der Gemeindemitglieder erworben. Alles ehrte und liebte den gutmüthtgen, alten Herrn und cs war schwer einen seiner würdigen Nachfolger zu finden. Die Gemeinde N."war eine der größten und ältesten des Reiches und zählte viele der vornehmsten und angesehensten Bürger zu ihren Mitgliedern, es war daher nicht zu verwundern, wenn so mancher mit seiner bisherigen Anstellung unzufriedene Kantor sich um den ausgeschriebenen Posten bewarb. Die Vorsteher, welche über die Neu-Besetzung zu entscheiden hatten, machten ihnen die Sache nicht leicht und stellten große Anforderungen. Jeder mußte sich genau über seine Herkunft, seinen Lebenswandel, seine bisherige Thätigkeit ausweisen und sich einer Prüfung seiner musikalischen Kenntnisse unterziehen. Aus der großen Anzahl der Bewerber wurden endlich drei, welche den gestrengen Herren am meisten zu entsprechen schienen, zum öffentlichen Probesingen in der Synagoge zugelaffen, alle übrigen abschlägig bcschieden. Von den dreien hatten bereits zwei dieses Examen abgelegt. Ihre Chancen standen ziemlich gleich, ihr Gesang hatte allgemein gefallen, sie hatten eine mehrjährige Thätigkeit hinter sich, ihre Zeugnisse und die Erkundigungen, welche über ihr Vorleben eingezogen wurden, lauteten günstig. Wenn der dritte nicht Außergewöhnliches zu bieten vermochte, dann war es nur noch die Frage, auf welchen von den zweien die Wahl fallen würde. S.ill und in sich gekehrt saß der Jüngling da, schüchtern wich er den zahlreichen Bltcken aus, die sich auf ihn richteten. Wir kennen ihn bereits, es ist Joseph. Wie kam er auf diesen Platz? Wie war es ihm möglich geworden so viele, schier unüberwindliche Hindernisse zu bewältigen? Hatte sich sein Geschick so günstig gestaltet? Hatteer mächtige, einflußreiche Fürsprecher gefunden? — Eine schlimme Zeit war es, auf die er jetzt zurückblickte. In der Residenzstadt war es ihm nicht geglückt, sich emporzuarbeiten. Er mußte bitteren Mangel leiden, kein Freund, kein helfender, ratender Tröster stand ihm zur Seite, fast unterlag er im fürchterlichen Kampfe um's Dasein, nur sein festes Gottvertrauen und die wehmuthvolle Erinnerung an sie hielten ihn noch aufrecht. Nach langem, harten Ringen hatte er endlich das erreicht, was er gewesen, er wurde Chorist bei einem Vorstadttheater. Er b saß einen ganz prächligen Tenor, und wenn er verstanden hätte, sich bei seinen Vorgesetzten beliebt zu machen, würde er gewiß als Operettensänger Carriere gemacht haben. Aber der Beruf, den er doch nur unfreiwillig ergriffen hatte, gefiel ihm durchaus nicht, seine Umgebung, der Verkehr mit den leichtlebigen Leuten, widerten ihn an, auch hoffte er noch immer etwas Besseres seinen Fähigkeiten, seinem Streben Entsprechendes zu finden. Er bewarb sich mehrmals um die Stelle eines Vorbeters, welche kleine Gemeinden zu vergeben hatten, aber theils wurden seine Gesuche zurückgewiesen, theils verlangte man persönliche Vorstellung, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.