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Der Israelit · 1893-12-07 · Heft 97 (7.12.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 97 (7.12.1893)
Date
1893-12-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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thun, was ich noch vor keinem Menschen gethan habe. Hier", sie fiel auf ihre Kniee nieder, „auf meinen Knieen flehe ich Sie an, erfüllen Sie meine Bitte." Der alte Herr war auf sie zugeschritten und hob sie unwillig auf, indem er sagte: „Sie thun Unrecht, mein Fräulein; wir sollen nur vor unserem Gotte knien." „Und Sie wollen meine Bitte erfüllen", fragte das junge Mädchen, und sich an den Sohn wendend, sagte sie: „O, helfen Sie mir, Ihren Vater — ich sch' es an der Aehnlichkeit, daß Sie der Sohn sind — bitten —" „Es bedarf meiner Bitte nicht mehr, nicht wahr Vater?" sagte Oscar mit Thränen in den Augen. „Nein, mein Kind", sagte nun der Vater, indem er Lina bet der Hand nahm und ihr tief in die Augen blickte. „Ihre Bitte, mein Fräulein, ist gewährt. Hat Gott mir doch selbst heute eine außerordentliche Gnade erwiesen, daß er Sie, die ich seit einiger Zeit vergeblich in der ganzen Stadt suchte, in mein Haus geführt hat. Ja, ich habe Sie und Ihre Eltern vergeblich gesucht, und doch mußte ich Sie finden, denn nach Allem, was ich gehört habe, liebes Fräulein, stehen wir uns gegenseitig nicht so fremd. Auch ich hieß einst Ahronstamm. —" „So sind Sie der Bruder meines Vaters!" rief Lina erregt. „O, ich wußte es sofort, als ich Sie sah und war meiner Sache sicher, als ich Ihre Stimme hörte. Ganz so wie Sie spricht mein lieber Vater; und Sie sehen ihm auch zum Verwechseln ähnlich." „Ja, mein Kind, ich bin Dein Onkel und ich danke dem lieben Gott, dessen Wege unerforschlich sind, daß er durch die Menorah mich meinen Bruder wieder hat finden lassen." Er nahm ihren Kopf, legte seine Hände auf ihren Scheitel und segnete ste. Dann drückte er einen Kuß auf ihre Stirne und sagte: „Möge Gott Dir vergelten, was Du Deinen Eltern Gutes erwiesen hast." Jetzt trat auch Oscar näher, schüttelte ihre Hände und wollte sie küssen, aber in mädchenhafter Scheu entwand sie sich ihm und sagte: „O, lasse mich nach Hause, daß ich meinen Eltern die frohe Botschaft mittheilen kann." „Das sollst Du", sagte der Onkel, „aber Du gehst nicht allein: wir begleiten Dich. Doch zuvor erzähle uns." „Lafle mich, Onkel, halte mich nicht auf, der Vater bedarf meiner Botschaft zum Leben'" Nun hielt ste der Onkel nicht länger. Sie packten die Menorah ein, Oscar ließ etnen Wagen Polen und zu Dreien fuhren Sie hinaus nach der Vorstadt, woselbst in einem kleinen Seitengäßchen Lina mit ihren Eltern wohnte. „Lina bleibt lange", sagte der Vater mit schwacher Stimme zu seiner Frau, „und ich fürchte, Sie hat den Weg vergeblich gemacht. Fremde Leute haben kein Herz für fremden Kummer; jeder sorgt nur für sich selbst und sieht mit kaltem Blut die Noth seinen Nächsten. Ich stehe am Ende meines Lebens. Wer weiß, ob ich noch den morgenden Tag erblicken werde. Wir sind jetzt allein, darum komme her, mein Weib, Geliebte meines Herzens, laß uns Abschied nehmen, daß ich, wenn der Ruf Gottes an mich ergeht, ihm ungesäumt folgen kann." Weinend trat die Mutter an das Krankenlager und bedeckte schluchzend die abgezehrte, welke Hand mit Küssen. „Sprich nicht so, mein Mann", sagte sie, „der liebe Gott wird helfen, er wird die Trennungsstunde noch hinausschieben und Dich am Leben lassen." „O, bete nicht darum. Ich habe lange genug gelebt und bin bereit vor des Allmächtigen Richterstuhl zu erscheinen. Seit die Menorah nicht mehr in meinem Besitz ist, habe ich die Hoffnung und die Freude am Leben verloren." „Sie wird wieder kommen; ich bin dessen sicher. Gott wird uns nicht verlassen." „Ich danke Dir, mein liebes Weib, für Dein unbegrenztes Gottvertrauen, mit der Du in Zeiten böchster Noth, da mein Vertrauen zu wanken anfing, mich stütztest, daß ich nicht verzweifelte. Ja, der Vater im Himmel hat uns nie verlaffen, aber ich bin alt, meine Stunde ist gekommen, ich werde einberufen zu meinen Vätern und da will ich, bevor mein Auge sich für immer schließt, ehe mein Mund für ewig verstummt, Dir danken für alle Liebe und Güte, für die Treue die Du mir bewahrt hast, ein ganzes Leben lang. Ich darf es Dir sagen, Du hast Deine Pflichten stets erfüllt, Du hast mich glücklich gemacht. —" „Ach, mein lieber Mann", entgegnete schluchzend die Gattin, „beschäme mich nicht. Horch, ich höre Schritte; jetzt klopft man an die Thüre. Laß mich Nachsehen, wer Einlaß begehrt." Sie öffnete die Thür und war erschrocken, als sie Lina in Begleitung von zwei Herren drarchen stehen sah. „Wie geht es dem Vater?" war Lina's erste Frage.

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