Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-12-07 · Heft 97 (7.12.1893) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 97 (7.12.1893)
Date
1893-12-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448406--37578-2485649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1840 Kerrilletorr. <& Dir Menorah. Erzählung von H. Berger. (Fortsetzung^auS der Belletr. Beilage zu Nr. Sb.) (Alle Rechte Vorbehalten.) Der Inhaber des grüßen Privatpfandhauses Braun und Pollack war mit den Seinen wieder in die Heimath zurückgekehrt, von wo ihn die tückische Krankheit Ende August vertrieben hatte. In einem kleinen idyllisch gelegenen Dörfchen des Taunus hatte er mit Frau und Tochter die schweren Tage verbracht, während sein Sohn im Vereine mit einem getreuen Personal das Geschäft verwaltete. In Zeiten schwerer Noth machen die Pfandhäuser alle gute Geschäfte und so konnte Oscar Stamm dem Vater in geschäftlicher Hinsicht nur das Beste berichten und das Lob, mit dem sein Vater sonst sehr karg war, als wohlverdient annehmen. Er betrachtete mit Kennerblicken die in Versatz gegebenen Kleinodien, die goldenen und silbernen Gerätschaften, die Ringe, welche vor ihm aufgestapelt lagen. Seiner Brust entwand sich ein Seufzer und er sagte: „Wie manches Stück wird seinen Eigenthümer nicht Wiedersehen, weil er längst im Grabe modert." Er war mit seiner Durchsicht zu Ende, als Oscar zu ihm herantrat und sagte: „Noch ein Cabinetstück habe ich, mein Vater. ES steht drüben im Salon, da ich mich nicht entschließen konnte, es mit den übrigen Werthstücken zu verschließen." „Das ist Unrecht von Dir. Das Cabinetstück ist nicht unser Eigenthum und gehört in das Gewölbe." „Sieh' es erst Vater und dann urtheile." Sie gingen^ dem Privatcomptotr des Vaters über den HauSgang nach dem auf der Vorderseite des Hauses gelegenen Salon. Hier stand auf einem kleinen Tische die Menorah; sie sah aus, als ob sie eben erst aus dem Heiligthume genommen worden wäre, so blinkte das edle Metall, so glitzerten die kostbaren Steine. AlS Oscars Vater das heilige Geräth sah, wurde er bleich; feine Kniee zitterten als er näher trat, und als er es genau betrachtet und die Inschrift gelesen hatte, sagte er: „Kein Zweifel, es ist die Menorah meiner Eltern! Wie kommt sie hierher?" Oscar hatte den Vater nicht verstanden. Er sah nur, wie tief derselbe bewegt war und glaubte die Schönheit der Menorah sei daran Schuld. „Nun, Vater?" fragte er, „habe ich zu viel gesagt?" „Nein, mein Sohn," entgegnete dieser, „Du Haft nicht zu viel gesagt. Ich kenne diese Menorah seit meiner Kindheit. Sie war das Prunkstück meiner Ellern." „Aber Vater, wie kommt sie auf diese Weise wieder in unfern Besitz?" „Das weiß nur Gott. Sieh nach, wer sie gebracht hat, daß ich mich mit ihm in Verbindung setze und zurückerwerbe was auf eine nur unerklärliche Weise in fremde Hände gekommen ist." Oscar eilte in das Comptoir, während der alte Mann andächtig vor der Menorah stehen blieb und als ob er sie liebkose, sanft mit der Hand darüber strich. Die Menorah hatte die Erinnerungen an seine Kindheit, an sein Elternhaus in ihm geweckt, Erinnerungen, die seit Jahrzehnten in seiner Seele geschlummert hatten und selten ihm zum Bewußtsein kamen. Jetzt traten sie, von der Menorah geweckt, mit aller Macht zu Tage und er wehrte ihnen nicht. Wehmüthig überließ er sich ihrem Zauber und dabet wurde das harte, abgehärtete Gemüth des Pfandverleihers weich wie das Gemüth eines Kindes, und als Oscar zurückkam, fand er den Vater mit Thränen in den Augen in Gedanken versunken vor der Menorah stehen. „Hier Vater," sagte Oscar, „ist der Name des jungen Mädchens, welches die Menorah gebracht hat. und er deutete auf einen Schein, den er mitgebracht hatte.- Lina Ahronstamm." „Ahronstamm!" rief der Vater aus, „o großer Gott, der Name meiner Eltern, der Name, den ich als Kind und als Jüngling geführt habe. Das Mädchen muß eine Tochter meines jüngeren Bruders sein, den sein Geschick hierher verschlagen hat. Wenn er nur noch lebt! Wenn die böse Krankheit nur ihn und die Seinen verschont hat! Aber wie groß muß die Noth sein, in der er sich befindet, wenn er sich entschließen konnte, sich von diesem Kleinod zu trennen! Wir müssen ihn sofort aufsuchen; keine Mühe und keine Zeit soll mir zu viel sein, ihn zu finden und kein Opfer zu groß, um ihm in seiner Noth betzustehen und zu helfen." Sofort machte sich Oscar daran, seine Verwandten aufzusuchen. Das war keine leichte Aufgabe, denn das Adreßbuch gab ihm keine Auskunft über deren Wohnung und auch die Polizei konnte ihm nichts über dieselben mittheilen, ja, man rieth

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.