Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1893)
- Date
- 1893-12-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1829 stalten, welche die Steine zum Mitleid erregen könnten. Das zitirte „Journal" behauptet, daß Militär Pflichtige und Reservisten, welche dieser Pflicht genügt haben, von dem Ausweisungsgesetze ausgeschlossen sind. Diese Behauptung wird von den Thatsachen Lüge gestraft. Ja, man ging diesmal so weit, auch .gegen Wtttwen verstorbener Soldaten Ausweisungsdekrete zu erlassen. Also selbst schwache Frauen, die weder Halt noch Stütze im Leben haben, sind dem schrecklichen Schicksal der Vertagung anheimgefallen! Ueber die Art der Austreibungen haben wir oft genug eingehend berichtet. Ein paar Fälle möchte ich indessen zur Charakteristik der Handhabung und Vollziehung der Primarordres anführen. Am 18. Oktober, an dem Morgen, an welchem die Geburt des präsumtiven Thronfolgers mit allgemeinem Jubel und mit Kanonenschüssen dem Lande verkündet wurde, begab sich der Primär Theodoroche Maris mit seinen Sbirren zu dem Minenverwalter Josef Davidsohn, weckte ihn sammt Weib und Kindern auf, jagte sie aus dem Hause, das sie ausleerten, und legte ein Schloß an dasselbe. Sodann ging es zu dem Fabrikanten und Kaufmann Schulem Singer, der demselben Loose verfiel. Ein Greis Leib Leibovici wurde mit ein paar Ohrfeigen aus dem Schlaf geweckt, da er nicht gehen konnte, auf einen Wagen gelegt, auf dem man das Bischen Habe des Unglücklichen geladen hatte, und so aus dem Dorfe geschafft. Noch drastischer verfuhr man mit Salomon Sin Moise Grünberg. Nachdem man ihn und die Seinigen aus dem Hause gebracht, band man ihm die Hände auf den Rücken, so daß die Stricke blutige Zeichen in das Fleisch drückten. Nachdem man ihn und seine von den Vandalen halb zerbrochenen Habseligkeiten bis an die Ufer des Trotusch gebracht, verlangten die Sbirren, daß er sie bezahle. Als er darauf erwiederte, daß er sie nicht damit beauftragt habe, seine Sachen nach dem Trotusch zu transportiren, so vergriffen sie sich zuerst an ihm und den Setnigen und dann an seinen Hausgegenständen, die sie sich als „Honorar" aneigneten. Man vergegenwärtige sich das Elend, das Klagen und Weinen der Frauen und Kinder, die auf den Straßen herumlungern und nach dem Gatten und Vater rufen, welche zu allen Beamten-Jnstanzen eilen, um gegen das ihnen angethane Unrecht zu reclamiren. Reclamiren! Es klingt wie ein Hohn! Wo? Bei der Justiz, die sie mordet? . . . Und diese Scheußlichkeiten geschehen unter den Augen des gesitteten Europas, ohne daß eine Hand sich rührt! Ja, wir haben's herrlich weit gebracht an der Neige des 19. Jahrhunderts!! Rußland. Petersburg, 2. Dec. Die heute ausgegebene Nummer der Gesetzessammlung enthält einen kaiserlichen Mas von 21. Juli 1893 betreffend Erleichterungen bei Ueberfiedelungen von Juden in ihnen zur beständigen Niederlassung angewiesenen Oertlichketten aus denjenigen Oertlichketten, in denen sie sich ungesetzlicher Weise aufhtelten. Amerika. v. New-Aork, 2. Nov. Heute fand hier die Jahresversammlung der vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsveretne statt. Die in derselben unterbreiteten Berichte lieferten werthvolles Material für die Geschichte der Masseneinwanderung jüdischer Flüchtlinge aus dem Osten und Südosten Europas. Ueber den Zustand der jüdischen Bevölkerung auf der Ostsette New - Jorks sagte der Vorsitzende des Executive Comitss, Jsaac H. Jsaacs: „Der überfüllte Zustand auf der Ostseite, wo die eingewanderten Juden in so riesiger Anzahl ihre Quartiere aufschlagen, versetzt natürlich alle wohldenkenden Bürger in gerechte Besorgniß. Unsere Gesellschaft hat zu keiner Zeit die Einwanderer darin ermuthiqt. ihren dauernden Aufenthalt dahier zu nehmen. Die Beamten und Mitarbeiter dieser Gesellschaft haben Alles aufgeboten, die Leute zu veranlassen, Wohnungen im anneklirten Theile der Stadt und im Innern des Landes zu suchen, indem ihnen dadurch eine größere Möglichkeit geboten wird, sich einen Lebensunterhalt zu verschaffen. Jedoch ist dieser Versuch nicht als hoffnungslos anzusehen, so schwierig er auch dem Anschein nach ist, und wir geben uns der Hoffnung hin, daß es uns gelingen wird eine Uebersiedlung dieser Leute zu ermöglichen." — M a r o c c o. Dem „Jewish Chronicle“ schreibt man aus Mogador von neuen Grausamkeiten, die unsere Glaubensgenossen zu erdulden hatten. Die Unmenschlichkeit des jetzigen Gouverneurs Hadjt Mohamed W idah und des Kadi Mouftapha gegen die lüdische Gemeinde der Hauptstadt Marokkos übersteige alles Dagewesene. Durch Drohungen und Ueberredung waren zwei Juden zum Islam übergetreten, beide Uebertritte wurden die Quelle von schweren Beunruhigungen und Sorgen für die dortige jüdische Gemeinde. Der erste Convertit forderte nach Abschwörung seines Glaubens feine Frau und Kinder, welche seinem Beispiele nicht hatten folgen wollen. Der Kadi befahl nun. daß die Frau Mohamedanerin werden sollte; diese floh, um das Unglück abzuwenden, nach einer anderen Stadt. Die Aeltesten der Gemeinde wurden nun aufgefordert, mit oder gegen ihren Willen die Frau vorzuführen, sonst hätten sie Prügelstrafe, Gefängntß und die Beschimpfung der heiligen Grundsätze ihrer Religion zu erwarten. Diese Forderung gibt den