Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1893)
- Date
- 1893-12-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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W4U4.VV XXXIV. Jahrgang. SeUagr M M 96 des „Israelit". ZeitttttgSttachrtchte« ««- Corresporrdeuze». Deutschland. Berlin, 30. November. In der heutigen Reichstagssitzung antwortete der Reichskanzler Capri v i dem Abgeordneten Ztmmermann (Antisemit) auf dessen Rede folgendermaßen: „Ich müßte mich dem Herrn Abgeordneten Ztmmermann zuwcnden; ja, auch aus der Rede Belehrung zu schöpfen, bin ich nicht im Stande. Ich glaube, es ist selten hier im Hause eine Rede gehalten worden, wo der Aufwand physischer Kraft so im Gegensatz gestanden hat zu dem Auswande geistiger Kraft. Ich habe nur ein paar Punkte gefunden, von denen ich glaubte, daß es zweckmäßig sein könnte, auf eine Erwiederung etnzugehen. Er hat im Anfang gesagt: Die Anklage, demagogisch zu sein, wäre nach und nach allen Parteien entgegengehalten worden, welche die berechtigten Interessen des Volkes vertreten. Ja, ist denn dem Herrn Redner bei seiner langen Thätigkeit, die doch auch einen demagogischen Charakter hat, nicht klar geworden, daß man die Dinge, dieselben Fragen demagogisch behandeln kann oder nicht? Das jDemagogische liegt in der Methode, es liegt nicht im Gegenstände; Sie können revolutionär sein und in einem Buche Ihre Ansichten niederlegen, ohne im Mindesten demagogisch zu sein. Aber die Methode, mit der Sie Ihre Ansichten im Lande zu verbreiten suchen, ist entschieden demagogisch, und, meine Herren, die ist gefährlich. Ich habe hier einmal im vorigen Winter mir erlaubt, dieser Seite des Hauses (rechts) die Betrachtung nahe zu legen, ob die Benutzung, die sie vom Bimetallismus und vom Antisemitismus machte, nicht bedenklich wäre, und glaube, ein nicht unerheblicher Theil der Herren ist inzwischen doch meiner Ansicht geworden, daß auch ihnen der Antisemitismus angefangen hat, unbequem zu werden, daß sie dessen gefährliche Seite erkannten, und das mit vollem Recht! Denn wohin führt der Antisemitismus, was will er? Er ist auch, um das vielgebrauchte Wort nochmals zu gebrauchen, eine Vorfrucht der Sozialdemokratie. Alles Erzeugen von Unzufriedenheit kommt heutzutage der Sozialdemokratie zu gute. (Sehr richtig!) Sie hat den breitesten Strom, und alle die kleinen Bäche, die von ihnen ausgehen, fließen zuletzt in diesen Strom hinein. (Sehr richtig!) Meine Herren, die Antisemiten sind nicht die, um diese Bewegung nach Belieben zu leiten oder aufzuhalten; geht die antisemitische Bewegung weiter, so kommt sie der Summe von Unzufriedenheit, die in dem großen Sammelbassin angesammelt wird, zu gute. (Sehr richtig! links; Zurufe rechts.) Sie haben angefangen mit der Agitation gegen die Juden; dabei sind Sie aber nicht lange stehen geblieben; Sie gehen weiter; sie suchten nach einem Jeden, der einen jüdischen Vater oder eine jüdische Frau hat; Sie verfolgten den Juden bis ins dritte Glied zurück. Es fing sich an zu vermischen der Religionsantisemitismus und der Raffenantisemitismus und was übrig bleibt, ist der Kapitalsantisemitismus. Das ist aber das Gefährliche in der Agitation. Das Gefährliche ist, daß zuletzt nicht mehr unterschieden wird. Die Kreise, an die Sie sich wenden, sind vielfach nicht geneigt, vielleicht auch nicht geeignet, Unterscheidungen zu machen; aber die Empfindung wird in ihnen erregt: Hier geht es gegen das Kapital. Also der Haß und die Abneigung der Menschen richtet sich gegen das Kapital als solches. Die Antisemiten werden die Bewegung nicht am jüdischen Kapital, wenn sie überhaupt weiter in Gang kommt, zum Stillstand bringen können. Die Bewegung wird sich gegen das Kapital überhaupt richten (Sehr richtig!) und deshalb, sage ich, hat Ihre Partei Zusammenhang mit der Partei auf der äußersten Linken dieses Hauses. Der Herr Abgeordnete Zimmermann hat dann die Reichsregierung aufgefordert, mit derselben Schärfe gegen die Juden vorzugehen, wie gegen die Landwirthschaft. Wo hat er mich schon einmal scharf gegen die Landwirthschaft borgehen sehen? Er mag behaupten, daß ich die Landwirthschaft, wie auch von dieser Seite des Hauses behauptet wird, nicht so förderte, wie ich sollte; aber eine Schärfe kann er mir nicht Nachweisen. Er wird mir auch nie eine Schärfe gegen die Juden Nachweisen können, denn wie ich auch zu der Sache stehe, ich werde es als meine Pflicht erkennen, mich meinen Mitbürgern, dem einen wie dem anderen, in gleicher Weise gegenüberzustellen und nach diesem Grundsatz meinen amtlichen Verkehr zu regeln. Berlin, 1. December. Die Antisemiten, Leuß und Genossen haben im Reichstag den Antrag auf Erlaß eines Gesetzes gegen die Einwanderung ausländischer Juden gestellt, welcher lautet: § 1. Die Einwanderung von Juden, die nicht Staatsangehörige sind, ist untersagt. - § 2. Ausländische Juden, die sich bei Inkrafttreten dieses Gesetzes in Deutschland aufhalten, um sich dauernd niederzulaffen, ohne bisher in einem deutschen Bundesstaate die Staatszugehörigkeit erworben zu haben und nicht schon vor dem 1. August 1893 ein selbst-