Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1893)
- Date
- 1893-12-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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SWWN8NMMM 1825 ohne sich selbst und die eigenen Familien zu schädigen. Mt geheimem Ingrimm bl^ckre man auf den Schneider, der immer rundlichere Formen anzunehmen anfing, die zu seiner Deniuth nicht mehr passen wollten, auf sein Weib, das den Kopf hochtrug, auf seine Kinder, die in den hergerichteten geschenkten Kleidern vornehmer aussahen als sich schickte. Die Zwillichs Imachten weit eher den Eindruck der Wohlhabenheit als die andern Familien, welche sich im Schweiße ihres Angesichts mühen mußten für ihren Lebensunterhalt und für den des in Scene gesetzten privilegirten Armen. Es gäbrte in der Gemeinde. Heinrich Wecold spürie das, aber es schien ihm nur seinen E fer zu verdoppeln. Den Annen. seinen Armen im Stich lassen — niemals. Die Statuten zwm gen schon die Mitglieder d» s V - eins, das zu lnft.n. was 'hr Oberhaupl für nöihig erachtet — dafür sollten fto denn forgtn. So eigentlich dankbar war der Armenvater nur 8 Frau Zwillich. Die hielt fest zu ihm und stand fest auf seiner Sette, und zwar dort, wo es für Wecold zumeist von Nutzen war, bet dem Schneider. Denn dieser hatte in einer Stunde des Unmuths erklärt, er habe dieses Faulenzerleben satt, bet dem nichts herausschaue, und er halte sich für zu gut, um sich ferner abfüttern zu lassen, und wolle hundertmal lieber hungern, als diese Bettler-Existenz weiter führen und dem Spott und der Verachtung ausgesetzt zu sein. Wenn man ihm keine ordentliche Arbeit schaffe, so wandere er aus und pfeife auf den ganzen Wohlthättgkeitsverein mitsammt dem Armenvater. Letzterer insbesondere möge ihn ungeschoren lassen. Ja, wenn er dies noch gekonnt hätte, wenn er nur im Stande gewesen wäre, ohne Zwillich zu leben und ohne die Mühe und Sorge, die derselbe ihm verursachte! Er mußte ihn haben und um jeden Preis im Orte behalten, und so wie er war, arm, ohne Arbeit; er mußte ihn haben als Einen, der ihn nicht rasten und kümmern ließ in dumpfer Untätigkeit. Schlaflose Nächte brachte er zu nach des Schneiders Erklärung, die wie Aufsage klang, und mit Schmerz mußte er sehen, wie dieser Mann, den er aus dem Elend gehoben, immer unwirscher, griesgrämiger und unhöflicher wurde, trotz aller Opfer und Gaben. Wer weiß auch, ob Zwillich seine Drohung nicht wahr gemacht hätte, wenn er, der an Kartoffeln und saure Milch gewöhnt war, infolge der üppigen Nahrung nicht an einem gastrischen Fieber erkrankt wäre. Zu Wecold's größter Genugthuung, wenn man so sagen darf. War ihm schon bisher der Schneider ans Herz gewachsen, so liebte er ihn zärtlich, jetzt, da er so viel für ihn thun durfte. Eine neue, aufregende Thätigkeit hatte sich ihm erschlossen zu der alten — eine, bei der er seine Kräfte in wohlthuender Weise anspannen konnte.! In Drillichau aber sagte man: „Wecold's Armer frißt uns auf." Man spürte ihn sitzt ordentlich in allen Gliedern: man verwünschte die Vereinsstatnten, welche bestimmten, daß allnächtlich ein Mitglied die Krankenwache halten oder einen Geldbetrag für dte Erfatzpflege zahle. Man fluchte Wecold, weil er auf genaue pünktliche Pflichterfüllung drang . ., und mit schweren Seufzern wachten und zahlten sie, die guten Leute von Drillichau, während ihre Frauen die Krankenspeisen zubereiten mußten, wollten sie mit dem aufgeregten Armenvater keine Händel bekommen. Denn der entwickelte in seiner Herzenangst, seinen Schützling zu verlieren, einen unsäglichen Eifer — er ries sogar die Aerzte der Umgebung zusammen, um den Schneider zu retten. Nie war ein Drilltchauer in seiner Krankheit so gepflegt worden, nie hatte das Stechthum eines ehrlichen Bürgers solche Geldsummen verschlungen. Die Erbitterung wuchs von Tag zu Tag. Indessen lag der arme Simon Zwillich in seinem Bette und starrte offenen Auges in die Lnft. Er brütete vor sich hin. Während ihn Fieberschauer schüttelten, stiegen schreckhafte Bilder vor ihm auf. Er sah Heinrich Wecold. Der wollte ihn durchaus todtfüttern, und er konnte sich durchaus nicht wehren, wenn der Armenvater ihm saftige Fleijchstücke in den Mund stopfte. Gestautes Fett fühlte er auf seiner Zunge. Er schmeckte und roch es. Er konnte an die leckeren Speisen nicht denken, ohne daß ihn Ekel erfaßte. „Ein Schneider verträgt's nicht", fiel ihm ein. O, man machte ihn krank, geflissentlich. ... Bei seiner dicken, saueren Milch hatte er sich wohl gefunden. Eine heiße Sehnsucht danach überkam ihn — aber wenn er rief, reichte ihm Wecold, der nicht von ihm weichen wollte, eine Fleischbrühe — brr, das widerte ihn an! Er stieß wilden Blicks den Mann zurück, der stch bewußt war ein großer Wohlthäter zu sein, und dankte mit einem derben Fluch. O, wie er ihn haßte, den, der sich der Noth erbarmt, der ihn heruntergebracht, dumm, faul und dick gemacht und der allgemeinen Verachtung preisgegeben hatte. Von der wußte er aus den Reden der Männer, welche nach den Statuten verpflichtet waren, des Nachts an seinem Bette zu wachen und weidlich darüber schimpften. Langsam erholte sich der Schneider unter der sorgsamen Pflege des Armenvaters. Aber damit war diesem noch nicht gedient — er mußte seine Mission zu Ende führen. Die Aerzte hatten nämlich gesagt, daß zur vollständigen Heilung Zwillich'»