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Der Israelit · 1893-11-30 · Heft 95 (30.11.1893) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 95 (30.11.1893)
Date
1893-11-30
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1817 WMWWWWWMMMPM. 1.' u . . „Guten Tag, schönes Fräulein, womit kann ich dienen? Mit wem habe ich das Vergnügen zu sprechen?" Lina nannte ihren Namen und den ihres Vaters und richtete dessen Auftrag aus. „So, so," sprach Herr Made, „eine Tochter von Ahronstamm sind Sie und er will ein Anleihen bei mir machen. Das Geld ist bei den jetzigen Zeiten knapp, sehr knapp — aber ich will sehen. Welche Sicherheit und wie viel Zinsen wird mir Ihr Herr Papa geben?" „Zinsen? Sicherheit?" fragte Lina erstaunt und fuhr dann fort: „Herr, wenn Sie wüßten, wie arm meine Eltern geworden sind, würden Sie nicht von Zinsen und Sicherheit sprechen." „Ei! ei! was Sie nicht sagen. Aber wenn Eltern solch eine schöne Tochter haben wie Sie, so sind sie nicht arm und wenn sie keinen Pfennig im Vermögen haben." Seine lüsternen Augen verzehrten siefast. während er dieses sagte und jetzt trat er neben sie, nahm ihren Arm und deutete auf das Sopha, indem er jagte: „Nehmen Sie ein Weilchen hier neben mir Platz, wir wollen uns schon verständigen." Das ahnungslose junge Mädchen wollte sich gerade setzen, als sie einen Blick auffing, der ihr Blut rascher durch die Adern trieb. Sie riß sich von ihm los und fegte: „Ich wüßte nicht, worüber wir uns verständigen sollten. Wenn Sie meinem Vater, der durch Sie so viel Geld verloren hat, durch dieses Darlehen aus der Noth helfen wollten, so werde ich ich dafür sorgen, daß Sie Ihr Geld bei Heller und Pfennig wtedercrhalten." „Gerade darüber wollen wir uns unterhalten. Sie zahlen mir das Kapital in zehn Raten zurück und für die Zinsen erfreuen Sie mich mit Ihrer Gunst und geben mir im Voraus einen Kuß." Er wollte sie umschlingen, aber ehe er es sich versah, sauste die zur Abwehr erhobene Hand mit Wucht in sein Antlitz nieder und das Blut drang ihm aus Mund und Nase. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern entfernte sich Lina, durchschritt erhobenen Hauptes das Comptoir und athmete erst wieder auf, als sie im Freien war. Wie eine Somnambule wanderte sie weiter; sie sah nicht, was um sie her vorging, sie hörte nicht den Lärm des Tages, sie fühlte nur den ungeheuren Schimpf, den man ihr angethan und der thränenlose Schmerz darüber machte sie unempfindlich für Alles. So kam sie nach Hause. An ihrem Antlitz sahen die Eltern, daß sie sich vergeblich bemüht hatte und sie schrieben das aufgeregte Wesen derselben diesem Umstande zu. Lina ließ sie auch bei diesem Glauben und erzählte nichts von der Nichtswürdigkeit des Herrn Made. Weßhalb sollte sie den armen Eltern auch noch diesen Kummer machen! Die Seuche breitete sich immer mehr in der Stadt aus, die Noth wurde immer größer und es war nichts abzusehen, wann sich dieser schreckliche Zustand ändern würde. Schon drei Tage hatten Lina und ihre Eltern fast nur von trocknem Brode gelebt. Da ging auch dieses zu Ende und trostlos saßen die drei hungernden Menschen in dem von allem Ueberflüssigen entblößten Zimmer. „Ja, Vater," begann die Mutter nach langem Sinnen; „es wird uns nichts helfen. Zur Mtethe müssen wir uns entschließen, uns von unserem Famitienerbstück zu trennen. Wir müssen unsere silbernen Chanukkahleuchter versetzen, um unser Leben zu erhalten." Seufzend nickte der Vater, während ihm dicke Thränen über die bleichen, eingefallenen Wangen fielen. Der Chanukkaleuchter war ein höchst werthvolles Familienstück, welches ein Uc-Urahne des jetzigen Besitzers zur Zeit des schwarzen Todes selbst angefertigt hatte. Es bestand aus gediegenem Silber und war ein Meisterwerk der Silberschmiedekunst. Dem Leuchter im Allerheiligsten des Tempels nachgebildet, mit edlen Steinen geschmückt, repräsentirte sein Werth ein Vermögen, aber die Sage, die sich an den Leuchter knüpfte, machte ihn unveräußerlich für seine Besitzer und fand ihren Ausdruck in einer Inschrift, die sich am Fuße des Leuchters befand und welche folgendermaßen lautete: „So lang die Menauroh am Chanukko brennt, wird über Dich und Dein Haus kein Geseroh genennt." Der Leuchter wurde deßhalb wie ein Kleinod behütet und wir verstehen, weßhalb der Vater sagt: „So geht mein Masol ganz dahin! Ach, wenn es Haschern jisborach nicht geboten hätte, zu leben, bis sein heiliger Wille uns abruft, so möchte ich einer von denen sein, die man jetzt so zahlreich in die kühle Erde bettet." „Vater", sagte Lina mit bebender Stimme, „sprich nicht so. Mit Gottes Hilfe geht der Kelch des Leidens und die Zeit der Noth an uns vorüber und am nächsten Chanukkahfeste wird unsere Menauroh von Deiner Hand entzündet mit ihrem milden Glanze unsere Wohnung erhellen und ungeahntes Glück unsere Herzen erfüllen." Wie eine Seherin stand Lina vor den Eltern; eine Begeisterung war über sie gekommen, als sie so gesprochen, und jetzt umarmte sie Vater und

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