Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1893)
- Date
- 1893-11-30
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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«J-M .j. UU.L<PPPn^pp^p| 1816 Schneiderin könne ihr die Cholera in's Haus bringen, ja die Damen, deren Costüme schon angemessen und in Arbeit waren, schrieben, daß sie auf die Anfertigung für's erste verzichteten und baten erst nach dem Erlöschen der Seuche die Sachen abliefern zu wollen. So zog die Arbeitslosigkeit in den stillen Kreis dieser Familie ein und ihr sieter Begleiter, das Gespenst der Noth, erschien mit jedem Tage deutlicher. Vater und Mutter gingen mit bleichen, abgehärmten Gesichtern einher und auch die Rosen, die sonst auf Lina's Wangen blühten, begannen zu bleichen. Das baare Geld ging zu Ende; schon schränkte man sich bei den Mahlzeiten ein und in nicht allzugrober Ferne mußte der Hunger, dieser unheimliche Vorarbeiter der Cholera an die Thüre pochen. Lina war ein tapferes Mädchen. Die Angst und Sorge, die sie bedrückten, wußte sie vor den Eltern zu verbergen, und so gelang es ihr, die Muthlosigkeit, welche das bedächtige Alter so leicht ergreift, von den Eltern fern zu halten. Schon hatte sie einen Theil ihres Schmuckes verkauft, einen anderen Theil, von dem sie sich nicht für immer trennen wollte, Privatpfandleihern in Versatz gegeben und mit dem wenigen Geld, das sie dafür erhalten, versucht, die Bedürfnisse des Lebens zu bestreiten. Aber es reichte nur für einige Tage; bald war ihre Kasse wieder leer und noch täglich stieg die Anzahl der Opfer der Seuche, noch hatte sie ihren Höhepunkt nicht überschritten. Traurig saß Lina mit ihren Eltern in dem einfach möblirten Wohnzimmer. Seit acht Tagen halten sie täglich nur einmal gegessen und sie selbst hatte nichts mehr in ihrem Besitz, was sie zu Geld hätte machen können. Schonend, doch unter Thränen theilte sie es den Eltern mit. „Vertrau auf Gott", sagte der Vater mit weicher Stimme, „unser Schirm und Schutz ist er." Und das Gottvertrauen wurde auf eine gar harte Probe gestellt. Die hohen Feiertage kamen und gingen und noch wüthete der Würgengel in der schwer heimgesuchten Stadt. Das waren Tage, an welche Jeder, der sie mit durchgemacht, ewig denken wird! Die Witterung wurde rauh, kalt. Man mußte in den Zimmern einhekzen. Wer aber kein Geld für Vrod hatte, wie konnte er daran denken, Holz und Kohlen zu kaufen. Hungernd und frierend faßen die Aermsten beisammen. Wohl hätte ihre Roth gemildert werden können, wenn sie sich an den Armenpfleger der Gemeinde gewandt hätten, aber dazu waren sie zu stolz, und sie hungerten und froren lieber. Nach und nach war fast alles Werthvolle der Haushaltung in die Hände des Pfandleihers gewandert, der immer weniger auf die Gegenstände gab und jetzt stand der Termin vor der Thüre. da man Miethe zahlen mußte. Rathlos stand Lina da. Sie wußte nicht, wie sie die bescheidene Summe beschaffen sollte. „Geh einmal zu Karl Made", sagte der Vater; „ich habe für ihn, als er noch Klonimos Käswurm hieß, eine Bürgschaft von sechstausend Mark übernommen und den Betrag bezahlt, ohne je einen Heller wieder davon gesehen zu haben. Er machte damals bankerott, schüttelte mit seinen Schulden seinen alten, ehrlichen Namen ab und begann als Karl Made von Neuem. Er hat Glück gehabt und ist zu Gelde gekommen. Vielleicht erinnert er sich seiner Schuld und leiht Dir hundert Mark." Seufzend gehorchte Lina der Bitte des Vaters und obschon sie wenig Vertrauen hatte, suchte sie anderen Tags das im Freihafengebiet liegende Comptoir des Karl Made auf. Erschöpft von dem langen Wege und bis in's Innerste erschüttert von all dem Schrecklichen, was ihre Augen auf diesem Gange gesehen hatten, kam sie an und fand nach einigem Suchen auch daS Comptoir der Firma Karl Made. Zögernd stand sie eine Weile vor der Thüre; ihr Herz pochte in lauten Schlägen — es mußte sein. So schwer es ihr eben wurde, sie mußte, wie ihr Vater gerathen, einem fremden Manne mit einer Bitte nahen. Aengstlich blickte sie um sich; Niemand nahete; jetzt klopfte sie erst zaghaft, und als keine Antwort kam, stärker an die Thür. Eine schnarrende Männerstimme rief herein, das junge Mädchen öffnete die Thür und trat in ein großes Zimmer, wo an verschiedenen Schreibpulten vier bis sechs junge Leute arbeiteten. Sie blieb zuerst an der Thüre stehen, und als sich Niemand um sie kümmerte, trat sie an das nächste Pult heran und fragte den an demselben schreibenden jungen Mann: „Kann ich vielleicht Herrn Made sprechen?" Ohne von seiner Arbeit aufzusehen sagte dieser: „Gehen Sie in's Privatcomptoir." Er wies mit der Hand nach einer Thüre, die in ein Nebenzimmer führte. Lina schritt an den jungen Leuten, die sie staunend ansahen, vorüber und stand bald im Pri- Valcomptoir, woselbst an einem eleganten Schreibtisch Herr Karl Made mit der Durchsicht von Papieren beschäftigt war. Als er Lina erblickte, sprang er höflich auf und sagte: