Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1893)
- Date
- 1893-11-30
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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W Ärthodore «MuderrtHun^ if. AG. SO. Nov. 1893] INr. 12. Air Menorah. Erzählung von H. Berger. ie waren beide alt, sehr alt und lebten mit ihrer einzigen Tochter, einem bildhübschen Mädchen von vierundzwanzig Jahren seit fast einem Jahrzehnt in der Hansastadt an der Elbe. Ein langes, arbeits- und mühevolles, an getäuschten Hoffnungen und unerfüllten Erwartungen reiches Leben, aus dem sie nichts gerettet als den festen und unerschütterlichen Glauben an Gott und die Liebe zu Ihm und allen seinen Geschöpfen. Sie lebten ganz für sich und das Familienleben, das sie führten war echt jüdisch, patriarchalisch. Die einzige Freude des alten Ehepaares war ihre Tochter Lina, die mit ihrer Hände Arbeit die Eltern ernährte. Lina war eine geschickte und viel beschäftigte Schneiderin, welche von den Damen der höchsten Kreise der reichen Hansastadt sowohl wegen ihrer Geschicklichkeit als auch wegen ihrer Bescheidenheit und außerordentlichen Liebenswürdigkeit gesucht und geschätzt wurde. Die Eltern und auch sie selbst hatten früher beffere Tage gesehen, aber das Schicksal und schlechte, böse Menschen hatten sie mitleidslos verfolgt, so daß jetzt am Abend ihres Lebens die Eltern auf den Verdieuft ihrer Tochter angewiesen waren. Der Vater, dessen Haupt der Schnee des Alters deckte, hatte sein Vermögen durch „gute Freunde", für die er Bürgschaften übernommen hatte, verloren und war ein gebrochener Mann, der nur noch sich und seinem Gotte lebte; die Mutter, eine würdige Matrone, auf deren edlem Antlitz die Güte und Milde ausgeprägt waren, und die aus dem Schiffbruch des Lebens noch den Humor mit in's Alter herüber genommen hatte, war der gute Engel des Hauses, unter dessen schützenden Fittigen man wohl geborgen war und die mit Eifersucht jeden Mißton von der Harmonie des glücklichen Familienlebens - (Alle Rechte vorb ehalten.) fernzuhalten wußte. So lebten die drei Menschen, wenn auch in ärmlichen Verhältnissen, so doch zufrieden und glücklich. Da wurde die reiche und stolze Stadt schwer heimgesucht. Die Cholera, jene furchtbare Seuche Indiens, die in kurzer Zeit, Tausende dahinrafft, brach in furchtbarer Wnth aus und fand, da die Stadt nicht darauf vorbereitet war, ein günstiges Feld für ihre furchtbare Ernte. Wie Fliegen fielen die Menschen dahin und nur selten wurde ein Opfer, das sie ergriffen hatte, ihr entrissen. Die Kranken- und Leichenwagen durchrasselten ohn' Ende die Straßen der Stadt; angstvoll flohen die Menschen einander und selbst die nächsten Blutsverwandten mieden sich in schreckensvollem Grauen. Machtlos standen die Menschen der göttlichen Strafe gegenüber. Die Frommen warfen sich inbrünstig betend und Gnade erflehend vor ihrem Gotte nieder und selbst die, welche den Glauben an Ihn längst verloren hatten, fanden angesichts der Gefahr zitternd den Weg zu ihm zurück. Die öffentlichen Anstalten, Theater, Schulen, Pfandhäuser rc. wurden geschloffen; neue Krankenhäuser wuchsen wie Pilze aus der Erde; das sonst so geräuschvoll in den Verkehrsadern der Stadt pulsirende öffentliche Leben erlosch — in der Stadt des Todes. Die reichen und wohlhabenden Bewohner flohen angstvoll aus der verseuchten Stadt und nur die weniger Bemittelten und Armen blieben zurück und erwarteten muthig das, was das Schicksal ihnen bestimmt hatte. Mit dem Ausbruch der Seuche hatte für Lina jeder Verdienst aufgehört. Keine Dame wollte sich ein neues Kleid machen lassen, aus Furcht, die