Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1893)
- Date
- 1893-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 95 des „Israelit". Sprechsaal. (Für alle unter dieser Rubrik erscheinenden Artikel übernimmt die Rebaction dem Leserkreise gegenüber keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung.) London, im November 5654. Antwort auf die versuchte Widerlegung des Artikels „Eia Nothfchrei aus London". Sehr geehrter Herr Redacteur! Ein Londoner Correspondent macht in Nr. 89 Ihres geschätzten Blattes einen gar kläglichen Versuch, die Angaben des Artikels „Ein Nothschrei aus London" zu entkräften, dagegen die hiesigen religiösen Zustände in vortrefflichem Lichte zu stellen. Derselbe beginnt vor Allem damit, beweisen zu wollen, daß die in genanntem Artikel erwähnten „Thatsachen" glücklicher Weise jeder Grundlage entbehren, bleibt aber diese Beweise alle schuldig. Dessen vorgebrachte Mittheilungen, die wohl als Beweise gelten sollen, gipfeln darin, daß er ein Mann der Wahrheit und demgemäß auch seine Angaben auf Wahrheit, beruhen; daß aber sämmtliche Unterzeichner der Broschüre DibtPni nnxn Männer seien, aus deren gehässiger Feder die Parteilichkeit herausspricht und man in Folge dessen deren Worten keinen Glauben schenken dürfe. Ganz naiv geht derselbe über die „Thatsache", daß hier das Reformjudenthum mit unbeschränkter Macht herrsche, hinweg und erklärt dieselbe mit Einem Federstrich als unbegründet. Es ist doch zur Genüge bekannt, daß die hiesigen Synagogen - Vorsteher, sowie das Concil of the uuited Synagogue mit einer verschwindend kleinen Ausnahme schon längst den Boden des gesetzestreuen Judenthums verlassen; dieselben sind die Leiter und unbeschränkten Führer der hiesigen Gemeinde und üben in religiöser Beziehung einen solch verderblichen Einfluß auf dem ganzen Gebiete der Gemeinde-Angelegenheiten aus, so daß alle Schichten der hier zusammengeströmten Bevölkerung von Groß bis Klein, von Arm bis Reich, der Unwissende mit dem Lamdon, der Leichtsinnige als auch der Fromme davon gepackt werden, in deren Folge sich hier Zustände entwickelt haben, die ans Unglaubliche grenzen und eben weil dieselben unglaublich erscheinen, auch um so leichter in Abrede gestellt und vor dem Auslande verdeckt bleiben konnten. Es wird mit Vorliebe darauf hingewiesen, daß noch keine Orgel, das Symbol der Reform, in irgend einer Synagoge zu finden sei. Freilich, die Herren Reformer haben von den Fehlern, die ihre Vorkämpfer begangen, gelernt; mit der Orgel würde man sich gleich verrathen und unnöthige Kämpfe zu bestehen haben; diesetben verzichten daher vorerst auf das Vergnügen des Orgelspiels in der Synagoge, da sie dieselbe ja doch so selten besuchen und begnu en sich einstweilen damit, eine solche bei einzelnen Gelegenheiten, bei Trauungen und an dem Chanukafeste hineinzubringen. — Das hiesige Jews’ College ist der Urquell der englischen Reform, von diesem geht die Lehre (Leere, aus und es „bricht" die Bahn zur höheren Cultur und Aufklärung. In der Verwaltung dieses Jews College, welchem der Chief Rabbi als Präses vorsteht, befinden sich Mitglieder der anerkannten Reformgemeinde in Upper Beikley Street und fungiren Lehrer KN demselben, die in Wort und Schrift Alles das befehden, was uns als Jehudim hehr und heilig gilt, deren Wirken und Streben, Thun und Lassen im schroffsten Widerspruch mit unseren heiligsten jüdischen Pflichten steht. Gegen die Verwendung namentlich zweier dieser Lehrer, Rev. Morris Joseph und Mr. Israel Abrahams, wurde schon des Oefteren der entschiedenste Protest erhoben, sowohl im Comite als auch außerhalb desselben, wie solches und noch mehrere- Andere, die Jews’ College Betreffende, aueiner interessanten Correspondenz in The Jews’ World vom 26. Mai, 2. Juni und 28. Juli dieses Jahres ersichtlich ist. Rev. Morris Joseph, der mehrere Jahre hindurch als Lehrer für Homiletik an dem Jews’ Collere gewirkt, hat vor einiger Zeit die Stelle als Reformprediger in der Reformgemeinde in Upper Berkley Street angetreten und nunmehr wegen Mangel an Zeit, dem Jews’ College seine Resignation als Lehrer eingeschickt. — The Jews College Literary Society besteht aus Mitgliedern aller Schattirungen, von dem liberalen Orthodoxen bis zum radikalsten Neologen. Deren Sitzungen resp. deren Vorlesungen und Vorträge finden während der Wintermonate jeden Sonntag Abends im Locale des Jews' College stets vor einem großen Publikum und den Schülern des College statt. Was dort geleistet wird, konnte den Rabbiner-Seminarien in Breslau und Cincinnati zur Ehre gereichen. Auf alle diese Vorgänge hier näher einzugehen, würde zu weit führen; es genügt, auf einen dieser Vorträge, mit dem der vorjährige CursuS am 13. November 1892 unter dem Vorsitze des Chief Rabbi, Dr. Adler, eröffnet wurde, hinzuweisen. Die genaueren Berichte darüber sind in The Jewish Chronicle und Jews World vom 18. November 1892 ersichtlich. Es wurde daselbst behauptet, daß der Tempel der Babylonier und dessen Einrichtung genau mit dem späteren, vom König Salomon erbauten Tempel und dessen Einrichtungen vollständig harmonirte und daß gleicher Weise bei diesen Babyloniern die Feier de- Sabbat und einiger Feste, sowie das Tragen von Tefillin u. s. w. üblich war, wie spater bei den Juden, so daß demnach die Letzteren alles dieses von den Ersteren entnommen haben müssen. Die Versuche der anwesenden sogenannten Orthodoxen, derartige Auslassungen und Argumente der Gesetzesleugner zu widerlegen, haben gewöhnlich die entgegengesetzte Wirkung. Das Publikum sowie die anwesenden Schüler, die einstigen Prediger und Geistlichen, klatschen den geistreichen Neologen Beifall zu und bewundern deren große Gelehrsamkeit. Daß den Hörern, namentlich den einstigen jungen Reverends, diese Lehren der Lüge und Täuschung nicht in den Kleidern stecken bleiben, sondern daß sie diese tief in ihr Inneres ausnehmen, liegt klar auf der Hand und leider bereits noch klarer jetzt vor unseren Augen. Dieser Geist des Abfalls wird von diesen, im Jews' College groß gezogenen Reverends in Synagoge und Schule getragen und wirkt verheerend, soweit die englische Zunge reicht. Welchen An'heil diese Reverends an dem Jubelfeste des 50jährigen Bestehens der hiesigen Reform genommen, ist wohl noch in Aller Erinnerung. Einer dieser Herren, Rev. Stern, Prediger an der Stsprey Street-Synagoge, rühmte sich, daß er jahrelang es nicht versäumte, jeden Sonntag die Predigten in der St. Paulskirche zu hören. Reo. A. A. Green ging noch weiter, indem er am Sonntag den l4. Mai dieses Jahres eine Predigt in Wesrdourne Park Cbapel hielt, nach dem Beispiele seiner amerikanischen Gesinnungsgenossen, die am rotP in der Synagoge und Sonntags in der Kirche predigen. Rev. Singer befindet sich gegenwärtig in Manchester, woselbst derselbe am jüngsten raff in dem Tempel der dortigen Reformgemeinde eine Gastpredigt hielt; so könnte ich noch eine ganze Reihe ähnlicher Fälle vorführen. Berühren wir kurz ein anderes Gebiet. Die hiesige Gemeinde hat in ihrem Auögabe-Budget nicht eine einzige Rubrik zur Erhaltung eines rituellen Bades; die hier bestehenden rituellen Bäder sind Privat-Unternehmungen und befinden sich, den.hiesigen Verhältnissen entsprechend, in