Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1893)
- Date
- 1893-11-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448404--37538-2485607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1802 treu abspiegeln, wie in den allergrößten, aber der Geschichtsschreiber Drillichau's wird mit Behagen davon zu erzählen wissen, und ein Schmunzeln wird noch durch das Land gehen, wenn einst die Enkel den Bericht anhören von Heinrich Wecold, dem Armenvater. Wahrlich unter bedeutenden Verhältnissen würde dieser Mann mit dem starken unbezwingltchen Drange nach Arbeit, nach Bethätigung seiner Kraft ein Held geworden sein im Guten oder Bösen, in dem engen Kreise der verarmten Kleinstadt mußte notgedrungen das aus ihm werden, was er eben wurde: ein echter Drillichauer Charakter. Es war Wccold nicht gar so leicht geworden, den Schneider für sein Amt zu gewinnen, denn Zwillich war in seiner Art stolz und eigensinnig und wehrte sich krampfhaft gegen die Znmuthungen, der Gegenstand des öffentlichen Mitleides und Erbarmens zu sein. Arbeit sollte man ihm geben, mehr verlangte er nicht — er fühle sich Manns genug, seine Familie zu ernähren, meinte er. Wenn nur erst der Krämer und der Fleischer bezahlt seien, die ihnen den Credit aufgesagt, und der Wohnunsztns, fügte sein Weib mit eimm S.ufzer hinzu. Die konnte überhaupt so manches aufzählen, woran es seit Langem fehlte — und sie wußte dies in einer Weise zu thun, daß Wecold die dünne, weinerliche Stimme des Schneiders kaum hören konnte vor dem lauten Redeschwall der Frau, die sich mit ihrer breiten, massigen Gestalt zwischen ihn und den vor Wuth hüpfenden Zwillich gestellt hatte, der hie und da mit einem sanften Fußtritt zur Vernunft gebracht wurde, bis er nachgab und sich dazu herbeilicß, mit seinem Wohlthäter, der mit ihm so zart umging wie mit einem Kranken, einen förmlichen Hilfsplan zu berathen. Diese Conferenzen dauerten mehrere Tage lang und gaben Wecold sehr viel zu schaffen. Zwillich mußte für die einzelnen Punkte geradezu überredet werden, ehe cr zustimmte — und der Armenvater geradezu darum betteln, daß sich der arme, ausgehungerte, kranke Mensch übeiHaupt helfen lasse. Schließlich war aber das Programm unter Mithülfe der Schneiderssrau (und unter Berücksichtigung ihrer besonderen Wünsche) festgestellt worden. Es umfaßte alles, was eine methodische Armenpflege überhaupt verlangt: Verbesserung der Wohnung, der Nahrung und der Kleidung für die ganze Familie. In allen Einzelheiten war dies besprochen worden und von beiden Parteien gebilligt. Seit dieser Stunde machte es sich in Drillichau fühlbar, daß Heinrich Wecold seines Ehrenamtes mit allem Eifer waltete, dessen die gute Sache bedurfte. Die Familie Zwillich rückte mit einemmale in dm Vordergrund des Interesses. Dafür sorgte eben der Armenvatcr, dazu wendete er seine Energie auf, seine Rednergabe, das Pnthos seiner wohklingenden Stimme. Wie verstand cr es, das Elend Zwillichs zu schildern, seine unverschuldete, verschämte Armuth, die nackten, hustenden Kinder — wie wußte er die Frauen weinen zu machen und das Herz der Männer zu rühren! Die ersten Jahresbeiträge der Mitglieder reichten gerade dazu hin, den Z ns für den Schneider zu entrichten und die Wohnung reinigen zu lassen. Dort war jetzt alles freundlich blank, und sauber. Mit dem Krämer und Fleischer wurde ein Abkommen getroffen; sie sollten ratenweise bezahlt werden. Im übrigen verpflichteten sich die Hausfrauen täglich abwechselnd ein kräftiges Mittagsessen für die arme Familie herzurichten und ihr dasselbe zukommen zu lassen, und zwar möglichst heimlich, damit sie nicht vor den Leuten beschämt werden. (Schluß folgt.) Der .3*TattU' erscheint wöchentlich gtveimtl, Montag» und Donnerstag», jedeSmal in mindesten» zwei Bogen, »rei» de» Jahrgang» für Deutschland und Oesterreich IS ReichS-Mark, für'» Kurland 18 Re ich »-Mark. Man abonnirt ganz- Ü«i-, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel p» beziehe« bet«. /. Ktrtnacker, Leipzig, Dohplah 1». — Inserate 25 Pfennig die dreigespalteue Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cour». — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland m»d Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für'» SuSland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Ctec Rüstsendnug vo« an die Redaktion eingesandte« Manuskripte« findet nicht statt, «an bittet deshalb sich von allen Einsendungen eine Kopte znrück-ubehalte«. Inhalt fHarrptblatH r Leitender Artikel: Judenthum wider Christenthum. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Worms. Berlin. Homburg v. d. H. — Bulgarien: Sophia. — Feuilleton: Der Armenvater. Skizze auS dem jüd. Gemeindeleben einer galizischen Kleinstadt. Von Manuel Schnitzer. Inhalt der ersten Beilage: Sprechsaal. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Hamburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Nagy Nata. — Frankreich: Paris. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Mannheim. — Vermischte». Belletristische Beilage: Die Menorah. Erzählung von H. Berger. — Jüdisches Allerlei. — PceiS-Räthsel. Illustration im Hauptlatt: „Mauricio". Bau eines zweiten Administrations-Gebäudes (Dezember 189l). Extra-Beilage: Prospect der Buchhandlung von I Kauffmann in Frankfurt a. M. Verantwottliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition beS „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aetien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu vier Beilagen.