Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1893)
- Date
- 1893-11-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1801 Akazien ist derselbe geblieben wie einst; gleich einem feinen Nebel liegt er zur Sommerszeit über dem glückverlassenen, aber noch immer schmucken Nest. Den Simon Zwillich hatten sie also zum Gemeinde-Armen gemacht, die armen Drillichauer. Es war kein Anderer und Besserer dagewesen, und sie mußten durchaus Einen haben, nachdem sie nun einmal den neuen Verein gegründet, der sich die werkthätige Unterstützung der Armen und Kranken zur Aufgabe gestellt. Dringend nöthig war ein solches Institut freilich nicht gewesen, weil so eigentlich alle Mitgtieder hätten unterstützt werden müssen, und im Uebrigen Keiner vorhanden war, der etwas Besonderes thun konnte — aber Heinrich Wecold hatte sich in den Kopf gesetzt, daß in einem ordentlichen Gemeindewesen für alle Fälle ein solcher Verein bestehen müsse, und er hatte die Gründung desselben durchzusetzcn gewußt und zugleich für sich die erste Würde, jene eines Armenvaters, errungen. Es scheint aber, daß er überhaupt nichts Anderes hatte bezwecken wollen. Und dies ist erklärlich. Denn Heinrich Wecold gehörte zu jenen Menschen, die eine Beschäftigung haben müssen, fortwährende Beschäftigung, eine Lebensaufgabe. Seitdem jedoch sein Geschäft aufgelassen und er von den regelmäßigen Unterstützungen seiner Söhne lebte, denen es in Wien wohl ging, wußte er mit sich nichts anzufangen in der Welt. Zu alt — er war über Fünfzig, ein mittelgroßer Mann, dem das etwas vorragende Bäuchlein, der graugesprenkelte Backenbart und die goldene Brille ein fast gelehrtes Aussehen gaben — zu alt und bei aller Lebendigkeit zu bequem und behäbig, um, wie die Jungen, auszuwandern und in der Fremde ein neues Leben zu beginnen, war er in gezwungener Unthätigkeit mißmulhig und verdrossen geworden, mürrisch und zänkisch — ein leidenschaftlicher Debattirer und Händelsucher. Zutiefst in seinem Wesen aber ein friedfertiger Mensch, erbitterte seine Wandlung ihn selbst noch mehr als Jene, die unter seinem Stich zu leiden hatten, da er es mit Schmerz empfand, wie er bei seinen Mitbürgern das Ansehen zu verlieren begann, dessen er sich seines Charakters und seiner Bildung wegen — und diese war für seine Stellung in der kleinen Stadt eine bedeutende — bisher im hohen Grade erfreut hatte. Glücklicherweise ereignete es sich zu jener Zeit, daß sein Nachbar zu ihm kam, um seinen Rath einzuholen, bezüglich eines kleinen Bauwerks, das er außerhalb der Stadt — auf freien Fttde — aufzuführen gedachte, eines Petroleumkellers. Begierig nahm Wecold sich der Sache an; das war doch etwas, das ihn eine Zeit lang zu beschäftigen versprach. Er gab seine Rathschläge, drängte zum Anfängen, und als die Maurer draußen zu werken begannen, sah man ihn täglich in aller Frühe und bei jeder Witterung eiligen Schrittes auf das Feld hinausgehen, Mittags bestaubt, vom Mörtel verunreinigt, mit kothigen Schuhen zurückkehren, dann nach dem Essen wieder hinauslaufen — Alles mit der Miene eines Mannes, der sich einer wichtigen Mission bewußt ist. Diese Mission freilich war ihm von Niemanden übertragen worden und er hatte bet der Arbeit nichts zu thun, als den Handwerkern im Wege zu stehen und den Polier mit Rath- und Vorschlägen zu behelligen — aber es machte ihm Freude, sich um etwas kümmern zu dürfen, wenn es ihn auch nicht im Geringsten anging, Anordnungen zu treffen, die niemals befolgt wurden, und bei jedem Fehler, der begangen wurde, in allem Ernst zu versichern, daß er vermieden worden wäre, wenn man auf ihn gehört hätte. Freilich, nach seiner Meinung würde man täglich von Neuem haben ansangen müssen, denn er fand jeden Augenblick einen besseren Platz für den Bau oder einen zweckmäßigeren Plan, so daß er den Nachbar mit seinen Auseinandersetzungen und Vorschlägen fast zur Verzweiflung brachte. Er aber gewann seine Zufriedenheit wieder; er wurde heiter und wußte, wozu er auf der Welt war. Als der Bau vollendet war und die ltebgewordene Thätigkeit ein Ende nehmen mußte, kehrte die trübe Stimmung zurück; und sie hätte angedauert und Wecold wieder zum verbitterten Murrkopf und Menschenfeind gemacht, wenn er nicht eines Nachts — er hatte vor Lichtanslöschen ein philosophisches Buch gelesen — einen Gedanken gehabt hätte, der ihn vollständig gefangen nahm, ihn festhielt und nicht mehr losließ; einen Gedanken, der so wohl paßte zu den Beglückungsplänen, von denen er als Knabe geträumt; die Gründung jenes menschenfreundlichen Vereins, als dessen Schützling nunmehr Zwillich proclamirt worden war, Simon Zwillich, der Schneider. Wie gesagt, sie mußten einen Armen haben im Orte selbst — Durchwandernden giebt ja der Drillichauer ohnedies Almosen und Wegzehrung — sie mußten ihn haben, well der Verein sonst seine Aufgabe nicht hätte erfüllen können; der Arme war durchaus nothwendig, und es war das erste Verdienst Wecold's um das neue Institut, daß er diesen Armen in der Person Simon Zwilliches so rasch ausfindig machte, daß er ohne Verzug in die Lage kam, mit seiner gottgefälligen Thätigkeit zu beginnen. Es ist möglich, daß die große Historie nicht von dem melden wird, was sich in jenen Tagen in dem weltentrückten, lodomerischen Städtchen abspielte, wiewohl sie, es. thun könnte, da sich in den kleinsten Ereignissen Weltgetst und Menfchenschtcksal ebenso