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Der Israelit · 1893-11-30 · Heft 95 (30.11.1893) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 95 (30.11.1893)
Date
1893-11-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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jeder Besteuerung" seitens der Synagogen-Gemeinde Trier befreit bleiben, weil sie beim Austritt ihrer Väter aus der Synagogen-Gemeinde das 14. Lebensjahr noch nicht überschritten hatten. Hornburg v. d. H. Sozialismus und Judenthum, lautete das Thema, über welches Herr Provinzialrabbiner Dr. Munck gestern Abend bei vollbesetztem Saale des Schützenhofes im hiesigen Klub „Freundschaft" einen Vortrag hielt, und in diesem etwa folgendes ausführte: Die soziale Frage ist kein Kind der Neuzeit, sie bestand in allen Staatengebilden, wo Herrschende und Besitzende einerseits und Beherrschte und Besitzlose andererseits sich gegenüberstanden. In fast allen Ländern ward diese Frage zeitweise akut und führte dann zu Revolutionen, Bürgern- und Bauernaufständen. Ein Staat des Alterthums machte hiervon eine Ausnahme und dies war der palästinensische Staat. Die Gründe hierfür erblickte Redner in der vollständig nicht nur auf dem Papier durchgeführten Rechtsgleichheit aller Bewohner des Landes vom Könige herab bis zum Knechte; nach dem Grundsätze, daß alle Menschen Kinder eines Vaters, Brüder seien. Neben der Rechtsgleichheit bestand durch die biblische Gesetzgebung ein Ausgleich der Sozialen- Klassen. Der Arme hatte einen gesetzlichen Anspruch an Unterstützung. Dadurch daß die Juden keinen Handel trieben, sodern lediglich ein Ackerbautreibendes und Handwerkervolk waren, hatte bet dem Zinsverbot eine Ansammlung von Kapitalien keinen Werth. Nur produktiv angelegte Kapitalien waren von Nutzen. Durch die biblischen Agrargesetze war der völligen Verarmung der Familien vorgebeugt. Der Handwerker stand in höchsten Ehren. Altersversicherung und Jnvaliditätsverstcherung waren vor 3060 Jahren im jüdischen Staate schon gesetzlich eingeführt. Selbst der unfreie Knecht glich in Nichts dem Sklaven der anderen Völker. Er war nie ein Ding in den Händen seiner Besitzer, er war nur ein Arbeiter auf ewig, dessen Behandlungsart jedem freien Dienstboten gleichgestellt sein mußte. Wenn heute nach 3000 Jahren die modernen Staaten mit der sozialen Gesetzgebung allerdings nur langsam Vorgehen, so geschieht dies nach biblischem Vorbilde und je rascher das Ideal der biblischen sozialen Gesttzgebung in einem modernen Staate erreicht wird, desto eher ist er vor den Gefahren, welche die schroffen sozialen Gegensätze in sich bergen, gefeit. — Dieses in sehr gedrängter Form die Ideen des Redners, welcher in fast inständigem Vortrage die Zuhörer fesselte. Der Redner verfügt über ein sehr anziehendes wohlklingendes Organ und trug in formvollendeter Weise vor. Reicher wohlverdienter Beifall wurde dem Vortragenden zu Thetl. Bulgarien. Sophia. In einem Nachruf auf den Grafen Hartenau in der „Neuzeit" schreibt der Großrabbiner Grünwald von Bulgarien: Unvergessen werden die Worte des verklärten Fürsten bleiben, die er im Jahre 1885 nach der Schlacht von Pirot an die jüdischen Soldaten Bulgariens richtete: „Brave» IsraGlites, vous avez prouvö aujourd’hui par Votre eonduite höro'ique que Vous etes les vrais deseendants desMaechab^es. Plaise ä Dieu de vous donner l’occasion de Vous distinguer aussi dans toutes les carriöres paciflques qui peuvent contribuer au progres de la Bulgarie. (Tapfere Israeliten, Ihr habet heute durch Euer heldenhaftes Betragen bewiesen, daß Ihr die echten Nachkommen der Makkabäer seid. Möge es Gottes Wille sein Euch auch in den friedlichen Aemtern auszuzeichnen, zum Heile Bulgariens.) Feuilleton. Der Armenvater. Skizze aus dem jüd. Gemeindeleben einer galizischen Kleinstadt. Von Manuel Schnitzer. (Nachdruck verboten.) Seit einigen Wochen trug Einer im Besondern den Titel eines Gemeinde-Armen von Drillichau; Simon Zwillich, der Schneider. Er sah aus, als ob er ihn ehrlich verdiente: klein, hager, zusammengeschrumpft, hohlwangig und ausgehungert. Er hatte allerdings seit Jahren nicht anders ausgesehen und sich dabei nicht gar so schlecht befunden — nicht schlechter wenigstens als jetzt, da er anfing, alle Rechte eines von dem neuen Vereine ernannten und unterstützten Armen zu genießen. Im Besondern! Denn im Grunde genommen, giebt es in Drillichau keinen Bürger, der reich oder nur wohlhabend wäre. Sie Alle zehren seit Langem von dem, was sie in früherer guter Zeit erworben, damals, als der HandelSweg durch das Slädchen ging, die schwer befrachteten Fuhrwerke über die breiten Straßen sich bewegten und das Geld noch nicht so leicht davonrollte wie heutigen Tages. Seit damals hat sich ein Netz von Eisenbahnen um Dr llichau gesponnen und hat cs erwürgt; mit jedem Locomotlvpfiff ist ein Theil des Glückes von dannen geflogen in die weite Welt — wer kann es sagen, wohin? Das eine aber ist sicher: Im Städtchen ist cs nicht geblieben. Das ist einsam und still geworden und allmählich verarmt, wie sehr die Leute sich auch bemüht haben, das Bischen zusammenzuhalten, das sie erkargt. Nur der süße Dust der

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