Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1893)
- Date
- 1893-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Doch diese Frage, ob die Aeußerung eines solchen Wunsches staatsrechtlich zulässig ist oder nicht, liegt außerhalb des Rahmens dieser Blätter. Wir halten uns an die Thatsache, daß der Kaiser auf das religiöse Moment auch in der Armee einen hohen Werth legt und es mit den Worten seines Großvaters: „D e m V o l k e muß die Religion erhalten bleiben" Ernst nimmt. Wahrlich, wahrlich, wenn irgend Jemand so haben wir Juden ein großes Interesse daran, daß die Gesinnung, aus welcher dieses kaiserliche Wort fließt, allenthalben Beachtung und Anerkennung finde. Jüdisch ist diese Mißachtung der religiösen Seite gerade bei der Armee, gegen welche sich diese kaiserliche Aeußerung wendet, entschiedet nicht. Wir feiern in wenigen Tagen das Gedächtniß der Heldenkämpfe der Makkabäer, die durch ihren Löwenmuth die nationale Selbstständigkeit Israels auf die Dauer von zwei Jahrhunderten gerettet haben. Daß sie in ihrem Sternenbanner den Gottesnamen führten, und unter dem Zeichen: 'v '.i rot». „Wer ist wie du, unter den Mächten o Gott" in die Schlacht zogen, (IIB. M. C. 15. V. 11.) ist bekannt. Unsere Ueberlieferung hat uns sogar den Wortlaut der Gebete erhalten, mit welchem sie sich für den Kampf ermuthigten. Erst vor einigen Tagen haben wir an dieser Stelle darauf hingewiesen, wie sich der Ahn des jüdischen Volkes durch Gebet für den ihm bevorstehenden Bruderkampf rüstete. Wir wiffen, wie der auf Gott gerichtete Blick und die Unterordnung unter Gott es ist, dem der vielgeschmähte Talmud den Sieg der Waffen Israels in offener Feldschlacht zuerkennt. (Mischna Rosch Haschana C. III. 8.) Nicht nur das tägliche Gebet war den jüdischen Wehrleuten zur Pflicht gemacht, sondern selbst die unachtsame Verrichtung desselben, fiel der kriegsbereiten Mannschaft so schwer auf's Herz, daß die bloße Ablenkung der aufmerksamen Andacht vom Gebete ihnen die Furchtlosigkeit benahm, mit der sie sonst in den Kampf gingen. (Schulchan Aruch Cap. 54. § 3. Nach Talmud Jeruschalmi.) Es begreift sich nach diesen Hinweisen, die sich noch vielfach vermehren ließen, mit welcher Genugthuung es grade die Bekenner des Judenthums zu erfüllen geeignet ist, wenn von so hoher, einflußreicher Seite dem Gebete auch für den Soldaten so entschieden das Wort geredet wird. Diese Genugtuung steigert sich noch durch den Umstand, durch das Gebet, das der kaiserliche Wille betont. Es ist das Vater - Unser - Gebet, dem jede confesstonelle Färbung abgeht, zu dessen Inhalt sich alle Menschen, welcher monotheistischen Religion sie auch angehören mögen, bekennen, dessen herrlichsten Perlen uns Juden spcciell aus unserer Bibel und unserem Gebetbuch bekannt und geläufig Mid. Wahrlich, wir Juden dürften uns glücklich schätzen, wenn die Vertreter des Wehrstandes das Vaterunser nicht nur beteten, sondern es auch in die That umsetzten, und in ihrem ganzen Thun und Lassen allen Mitmenschen gegenüber bekundeten, daß sie alle nur einen Vater haben, der uns alle zu Brüdern macht. Ein Major, der das Vaterunser betet, und die rechten Konsequenzen daraus zieht, wird sich sicher nicht zu Expectorationen über Juden Hinreißen lassen, wie sie kürzlich in Bochum vorgekommen sind. Wir glauben nicht fehl in der Annahme zu gehen, daß diese unsere Auffassung der in Rede stehenden kaiserlichen Kundgebung von allen Be kennern des Judenthums getheilt wird, sofern sie an der Religion ihrer Väter festhalten und von diesem Gesichtspunkt aus sich ihr Urtheil bilden. Die „Frankfurter Zeitung", die sich niemals als Vertreterin des Judenthums ausgegeben hat und auch von keinem halbwegs zurechnungsfähigen Menschen dafür angesehen wird, faßt in ihrer Besprechung der kaiserlichen Aeußerung die im Eingang angedeutete staatsrechtliche Seite in's Auge und begrüßt sie daher nicht mit der lebhaften Befriedigung, die ihr von den Bekennern des Judenthums als solcher entgegen gebracht wird, sondern übt daran Kritik. Wie weit die Bemerkungen der „Franks. Zeitung" am Platze oder nicht am Platze sind, tntereffüt uns hier nicht. Selbst angenommen die genannte Zeitung hätte sich in taktloser Weise über den Gegenstand geäußert, was geht das das Judenthum an? Der Verleger ist ein Jude? Wenn die Confession des Verlegers über die Confession des von ihm verlegten Blattes entscheidet, dann war z. B. der „Israelit", der lange Jahre hindurch im Verlag einer christlichen Hof-Buchhandlung erschien, mit demselben Recht ein „Christenblatt" wie die „Franksurter Zeitung" heute ein Judenblatt ist. Dies alles hielt aber die Berliner „Staatsbürgerzeitung" nicht zurück, den Auslassungen der „Frankfurter Zeitung" einen Leitartikel „Judenthum wider Christenthum" zu widmen, dieselbe als Organ der jüdischen Demokratie und dann schlechthin als Judenblatt zu bezeichnen, um daran den Stoßseufzer fügen zu können: „Das Judenthum, welches das Christenthum haßt, untergräbt dieses, um sein Ziel, die Verjudung und denAufbau der Weltherrschaft auf diese Weise leichter zu erreichen." Brauchen wir diese erlogenen Verdächtigungen erst noch zu widerlegen? Es existirt keine jüdische Demokratie. Diese nicht vorhandene Demokratie hat selbstredend auch kein Organ. Es cxfftirt ferner nicht ein einziges Judenblatt, in dem Sinne wie