Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 94 (27.11.1893)
- Date
- 1893-11-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1789 sich Eingang zu verschaffen, allein dieses ertü'ieS sich als zu eng. Kurz entschlossen machte sich der Brav? daran, die Oeffnung durch Abschlagen der das Fenster nttigdbendrn Ziegelsteine zu erweitern, was ihm auch gelang. Kaum hatte ßriitdkffen seinen Fuß in die Oifftung gesetzt, als dos Mauerwerk zusammenbrach und den unerschrockenen Retter unter seinen Trümmern begrub. Halb betäubt richtete er sich nach einigen Augenblicken wieder auf, drang in das Haus Uiiß küttt, Wn dem Jubelgeschrei der draußen versammelten Menge emfangen. nach wenigen Minuten mit sämmtlichen rei Kindetn zuin Borschein. Wt dieser Heldeuthat war seine Kraft erschöpft. Taumelnd stürzte er zu Boden und ein Arzt ließ ihn ins Krankenhaus bringen. Hier zeigte sich erst, welch' schwere Verletzungen der Mann davongctragen hatte. Die Kinnlade ist an zwei Stellen gebrochen, ebenso hat My-lis Verwundungen an der Hirnschale und im Gesicht davongetragen. Daß der Mattn, dessen Zustand leider ein sehr bedenklicher ist, trotz ver schweren Verwundungen seinen Vorsatz ausgeführt hat, kennzeichnet seine That als einen Akt wahrer heldenmüthiger Aufopferung. Bemerkt sei noch, daß Myslis anderweitigen Nachrichten zufolge 'ein aus Jerusalem stammender Jude ist. > vermischtes. *4- Berlin Die Vorsteher der Kaufmannschaft in Königsberg und Stettin bitten in einer Eingabe an den Reichskanzler, in einem russisch-deuischen Handelsveitrag, wenn möglich die Gleichberechtigung non Reichsangehörigen jüdischen Glaubens in den beiderseiligen Ländern festzustellen. Das fordert natürlich sofort den Widerspruch der „Kreuzztg." heraus. Sie hofft, daß die verbündeten Regierungen in heutiger Zeit, was also heißen soll, in der Blüthe des Antisemitismus, nicht geneigt sein werden, einem solchen Ansinnen Folge zu geben, umsoweniger, als die Erfahrungen mit Rumänien bewiesen hätten, daß durch eine solche Bestimmung alle Deutschen in Rumänien auf das Behandlungsniveau der Juden herabgedrückt würden. Das leitende Blatt der konservativen Partei fühlt sich überhaupt in der Stimmung, welcher Freiherr v. Minnigerode einst mit den Worten Ausdruck gab: „Wir führen die Geschäfte des Landes." — Dresden, im Nov. Ein ganzer Rattenkönig von Klagen kennzeichnet die holde Eintracht, die unter den sächsischen Antisemiten herrscht. Seit Monaten sind die hiesigen Gerichte mit einem Prozeß beschäftigt, den die Verleger der „Nachrichten" gegen ihren früheren Redakteur Dr. Liman anstrengten, weil dieser wegen des sanfter gewordenen Antisemitismus der „Nachrichten" einen Kontrakt nicht erfüllen will, der geschlossen wurde, als dieses Blatt noch scharf antisemitisb war. Dieser vorläufig zu Ungunsten Limans erledigte Prozeß, soll im Dezember noch ein Nachspiel mit Zeugenvernehmungen haben. Ein Freund des Dr. Limans, der Herr Rcichstagsabgeordnete und Rektor Ahlwordt, hat dagegen den politischen Redakteur der „Nachrichten", Dr. Lohan, verklagt, der ihn mit einigen allerdings sehr deutlichen Ausdrücken bezeichnete, durch die Ahlwardts Ehre beschädigt ist. Auch dieser Prozeß ist mit dem vor einigen Tagen abgehaltenen Termin, wie wir meldeten, noch nicht beendet, sondern wird gleichSfsöS ein Nachspiel mit umfangreichen Zeugenvernehmungen habest. Heute droht auch Dr. Liman feinem früher» Freund Dr. Lohan öffentlich mit Klage. Schreckliches ist geschehen! Noch im vorigen Frühling ließen sich beide Herren und antisemitischen Wortführer Arm in Arm photographiren und die Bilder wurden vier für die bewunderungssüchtigen Dresdener öffentlich ausgehangt, jetzt stellt Dr. Lohan die jeden Antisemiten eine Gänsehaut erregende Behauptung auf, sein früherer Freuüd Liman, der treue deutsche Mann, der unerschütterliche Vorkämpfer des Antisemitismus, der unerbittliche Judenfeind stamme von Juden ab Daneben behauptet Dr. Lohan noch andere Dinge, über die er, wie heute Dr. Lima« öffentlich verkündet, vor Gericht Rechenschaft geben soll. Zum Uebersiuß liegen auch noch der ReichStagSabgeordnete Hänichen und der Reichstagsabgeordnete Liebermann v. Sonnenberg mit einander in scharfer Preßfehde über persönliche Angelegenheiten. Anderen Parteien haben die Antisemiten augenscheinlich in solchen Dingen voraus, daß sich bei ihnen Alles in der Freundschaft abspielt. Ein Trost im Schmerz. A«S Sachse», 10. November. Einem für die antisemitische Reformpartei eifrig eintretenden Lehrer in Radeberg in Sachsen ist durch den Schuldirector, aus Veranlaffung des Schulvorstandes, ein ernster Verweis ertheilt worden. Lindhcm, 1. Nov. Der oberhessifche Verein für Volksbildung, welcher in seinen Statuten jede politische Thätigkeit uttd Agitation ausschließt und die Aufklärung, Bildung üntz Veredlung des Volkes Hand in Hand mit Religion und Vaterlandsliebe zu seinem alleinigen Ziel macht, wurde, wie der Präsident des Vereins Herr Dr. Leopold Ritter v. Sacher- Masoch in dem äußerst vielseitigen und interessanten Programm für den Winter 1893/94 schreibt, von allen politischen Parteien mit warmen Sympathien begrüßt. Derselbe hat in allen Schichten der Bevölkerung treue Freunde, energische Unterstützung in unserem trefflichen Lehrerstande und hochherzige Gönner gefunden, welche denselben durch bedeutende Spenden unterstützt habendem Verein sind vor Allem Spenden von gebundenen Büchern nöthig. Nur der Reichsherold hat gegen ihn Stellung genommen. Soll dies vielleicht beweisen, daß Aufklärung und Volksbildung, Vaterlandsliebe, Religion und gute Sitte mit dem Antisemitismus unvereinbar sind? München, 8. November. Bei den städtischen Behörden hatten um Zuschüsse nachgesucht: 1) der katholische Zentralkirchenbauverein für die Maxrmilianskirche; 2) die protestantische Gemeinde für eine dritte protestantische Kirche; 3) die jüdische Gemeinde für ihre neue Synagoge und 4) die altkatholische Gemeinde für ihre Kirchenzwecke. Sie Alle haben nicht vergebens gefleht- Es erhielten bewilligt: Nr. 1: 150,000 M., Nr. 2: 50.0 0 M., Nr. 3: 10,000 M.. und Nr. 4: 1000 M. (letztere Summe als jährliche Subvention).-^ Aus Kattowitz berichtet man, daß die dortige Schuldeputation einen Lehrer jüdischer Konfession, Dr. Fischer, zum Rektor der höheren Mädschenschule, einer Simultanschule, gewählt habe, was verschiedene christliche Familien veranlaßt haben soll, bei der Regierung in Oppeln Protest gegen die Wahl eines jüdischen Rektors zu erheben und zu bitten, dieser Wahl die Bestätigung zu versagen. , An dem Realgymnasium in Dortmund befindet pcy ein Oberlehrer B-, Vorsitzender des antisemitischen Vereins, der es mit der Würde seines Berufes vereinbar zu finden glaubte, einen jüdischen Schüler fortwährend zu beleidigen, so daß seine Eltern sich genothigt sahen, ihn von der Schule sortzunehmen. Die Angelegenheit wurde vor das Provinzialschulkollegium zu Münster gebracht, welches nach Untersuchung des Falles den Lehrer vorläufig vom 'Dienst suspendirte. Regierungspräsident von Tiedemann kennzeichnete in seiner Wahlrede in Bromberg als biSherigerMbgeordneter