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Der Israelit · 1893-11-27 · Heft 94 (27.11.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 94 (27.11.1893)
Date
1893-11-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1780 „Alles was Joseph traf, traf auch Zijon. Bei Joseph ist gesagt: Er träumte einen Traum, und bei Zijon ist gesagt: Wenn Gott die Rückkehr Zijons wenden wird, werden wir wie Träumer gewesen sein. Bei Joseph ist gesagt: Siehe wir banden Garben, und bei Zijon ist gesagt: Er kommt, er kommt mit Jubel heim, tragend seine Garben." Wie die feindlichen Brüder Joseph den Träumer nannten und ihn dem Sklavenloos und dem Tod preiszugeben gedachten, um zu sehen, was wohl aus seinen Träumen wird, so nennt uns heute die Brudermenschheit, Träumer und Phantasten, so weist man seit Jahrtausenden auf Israel als auf den Träumer hin, der der Wirklichkeit entrückt ist, auf dessen traumhaftem Dasein ein schwerer, tausendjähriger Alp drückt. So gewiß aber Josephs Träume keine Schäume, sondern die sichere Vorahnung einer, wenn auch nach vielen Jahren erst erfolgenden Wirklichkeit waren, so gewiß wird sich das Geschick der Träumer verwirklichen, wenn Gott ihre Rückkehr nach Zijon eintreten läßt. Der Träumer, der Wesenloses, Nichtiges träumt, heißt in der heiligen Sprache am (V B. M. Cap. 13. 2.) Der Träumer, dessen Träume Sinn und Bedeutung haben, heißt a^nn byi oder wie es in unserem Wochenabschnitt heißt niaVnn byi, der Herr der Träume. Sowie nach der jüdischen Anschauung die Arbeit den Arbeiter nicht in ihren Dienst jocht, ihn nicht zum Sklaven, sondern zum Herrn der Arbeit, zum ^p3 macht, so stehen Joseph und das sein Schicksal theilende Volk nicht unter dem Bann eines traumhaften Lebens, sie sind die Herren der Träume, welche ihnen den Blick in die Zukunft enthüllen. Während ihre Umgebung sie in einen Zauberkreis utopischer Illusionen gebannt wähnt, säen sie ihre Thränensaat aus der ihnen einst jauchzendes Lebensglück erblühen wird, sammeln sie Halm zu Halm, binden gemeinsam Garbe um Garbe, bis die Stunde schlägt, in welcher der ganze Ertrag den der Acker der Menschheit zeitigen soll, zur Heimkehr beisammen ist. Ueber die schweren Mühen dieses Schnitterdienstes tröstet sie der Gedanke an den Tag der Heimkehr. Wie Joseph seine Brüder tröstet, so tröstet Gott Israel. Tun ■'iDim bp anm tnib anu* anyi L3'333 D'3*D 0'")3“) VHN b& O3^ by “D1D ITH» «pV n3“! 3TI3"D N"3pN N3'KO pnj O’DTTJ .nasi noD nnx bv d^cpit ib by „Er tröstete sie und redete ihnen zu Herzen." Lassen diese Worte nicht in gesteigendem Grade die Folgerung zu: Wenn schon Joseph, indem er zum Herzen seiner Brüder gute, trostvolle Worte redete, sie tröstete, umwie viel mehr wird dies Gott gelingen, wenn er kommen wird Jeruscholajim zu trösten, wie es geschrieben steht: redet zum Herzen Jeruscholajims!" u. s. w. Joseph tröstete seine Brüder durch die Erwägung, daß das Böse, was sie ihm gethan, ihm zur Quelle all des Glückes und Segens geworden sei, die ihn heute erfreuet, wenn die Brüder auch die Absicht zum Bösen gehabt hätten, Gott habe alles zum Guten umgewandelt. Trifft dies nicht in noch viel höherem Grade für all das Trübe und Herbe zu, das Gott in den Lebensweg seines Volkes gestreut hat? So gewiß die Erde durch die Pflugschaar aufgerissen und verwundet werden muß, um die Aussaat aufzunehmen, sie zum Wachsthume und zur Reife bringen zu können, so gewiß werden sich alle Furchen, welche die Pflüger auf dem Rücken des Gottesoolkes zogen, als unerläßliche Vorbedingung für die Saat von Gott gesäet erweisen, die am Ende der Zeiten in so ungeahnter Herrlichkeit aufgehen wird. Aber nicht nur, wenn uns erst Gott durch Gestaltung unserer Zukunft trösten wird, auch jetzt schon, wenn dieselbe noch in ungewisse Ferne gerückt erscheint, wenn der schwere Ernst der Gegenwart den Blick trübt für die Herrlichkeit der Zukunft, dürfte gerade in der Trostlosigkeit unserer Lage, die Bürgschaft für ihr heiteres Ende liegen. Je größer die Verlassenheit ist, die wir empfinden, je sehnsüchtiger wir nach dem Morgenroth ausschauen, das unsere düsteren, nächtigen Zustände verscheuchen soll, desto näher steht es uns bevor. Unsere Sehnsucht nach einer Wendung zum Besseren ist die Garantie derselben. Nur für Abgestorbenes gibt es einen Trost, für dem Tode Verfallenes ein Vergessen. Wenn aber Vater Jakob untröstlich ist über den Verlust seines Joseph, so ist sein Joseph nicht todt. Ware er todt, so würde die Zeit den Schmerz mildern und der Todte würde vergessen. Und wir? Rabbi Gamliel, Rabbi Elieser ben Asarjah, Rabbi Jehoschna und Rabbi Akiba waren auf der Reise. Noch in weiter Entfernung von Rom hörten sie das rauschende Wogen des dort sich bewegenden weltstädtischen Lebens. Sie weinten, aber Rabbi Akiba lachte. Warum lachst du? Warum weint ihr? Diese Heiden, die sich vor Bildern niederwerfen und Götzen Weihrauch streuen, leben in sorgloser Sicherheit und wir, deren Gotteshaus im Feuer verbrannt daliegt, wir sollten nicht weinen? Deßhalb gerade, erwiederte Rabbi Akiba, freue ich mich. Wenn Gott so mit den Uebertretern seines Willens verfährt, was haben dann erst die Erfüllet' desselben zu erwarten!"

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