Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 93 (23.11.1893)
- Date
- 1893-11-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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WH*#*- y,. ^--^-.Jgl^-'-^^WygJWMW»»? XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage M M 93 des „Israelit". Leitender Artikel. Schriften gegen und über den Antisemitismus. 8. Eine der traurigsten Folgen der Pest, welche die Gegenwart heimsucht und vergiftet, jener Pest, welche mit dem Namen Antisemitismus bezeichnet wird, macht sich in der Fluih von Schriften bemerkbar, welche diese Krankheit erzeugt hat. Wir meinen nicht jene Lügen- und Schundliteratur, welche mit bodenloser Frechheit jedes Gefühl von Wahrheit und Recht im Volke erstickt, — nein, wir meinen die Anzahl von Schriften, die sich im Kampfe gegen die Gemeinheit abmühen, die den Krankheitsstoff zu ertödten suchen. Welch' ein ungleicher Kampf! Ein Gifttropfen vermag einen ganzen Organismismus zu vernichten, wieviel Arbeit und Mühe, wie mannigfaltige und reiche Mittel müffen aufgeboten werden, um die Wirkung des ein en Tropfens aufzuheben, wenn sie es überhaupt noch imstande sein sollten. Wleviel Zeit und Mühe und Geisteskraft wird in dem Kampfe der Gegenwart aufgewendet und — verschwendet, die so segensreich im friedlichen Wettstreit der Wissenschaft und der edelsten Güter der Menschheit verwendet werden könnten! Jene edlen Männer, die nicht um das Beifallsgcjohle einer fanatisirtcn Menge werben, und die unbekümmert um Beifall, ja selbst unbekümmert um die Gefahr, ihre eigene Person Schmähungen und Beschimpfungen auszufetzen, der Wahrheit die Ehre geben und die Sache des Verfolgten zu ihrer eigenen machen, auch sie können mit vollkommenen Recht ausrufen: „Und mit solchem Gesindel muß ich mich hcrumschlagen!" Aber gerade dies legt uns die Pflicht auf, ihnen öffentlich die Anerkennung zu zollen, die ihnen gebührt, indem wir ihre Thäligkert öffentlich besprechen. Ob es stattliche Bände sind, die sie zur Abwehr und zur Belehrung hinaussenden, ob wenige unscheinbare Blättchen, dies ist gleichgiltig; auch die kleinste Hilfeleistung nimmt eine ehrenvolle Stellung in diesem Kampfe ein. — Einen Vortrag nennt Dr. Bernhard Fischer seine 110 S starke Schrift „Talmud und Sch ul ch an Aruch", einen Bortrag „für den Leipziger Antisemiten-Verein." (Leipzig, Selbstverl. d. Vers.) Nun, es ist eine wohlausgcarbetteie Abhandlung, die weit über den Rahmen eines Vortrags sich ausdchnt, die aber dafür einen reichen Inhalt von Wissenswerthem und tief Durchdachtem bieten. Der Vers, ist kein Neuling auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Lttteratur, und was er schreibt hat Hand und Fuß. Wir stimmen demselben zwar nicht iu allem, was er als Resultat seiner wissenschaftlichen Untersuchungen bietet, bei. dies hält uns aber doch nicht zurück, diese Schrift als eine ganz vorzügliche in Bezug auf die Zurückweisung der antisemitischen Schmähungen zu erklären und einem größeren Leserkreise zu empfehlen. — In einer Antisemitenversammlung als Jude gegen die Antisemiten aufzutreten und deren Lügen zu brandmarken, dazu gehört Muth, und diesen Muth hat Georg Wolfs in einer von Spandauer Antisemiten am II. Januar 1893 einberufenen Wahlversammlung bewiesen. Diese Rede liegt jetzt als Sonderabdruck aus der „Veltener Zeitung" unter dem Titel „Ist die antisemitische Bewegung ein nationalerFrei- Heilskampf?" (Velten 1893, Verl. Veltener Zeitung) vor uns. Daß Herr Wolff überhaupt zum Worte kommen konnte, verdankte er der Versammlung, in der ein großer Theil Nichtantisemiten gegenwärtig war, daß der Reoner oft aber auch von Geheul unterbrochen und ihm schließlich das Wort entzogen wurde, ist ja in einer Versammlung, die von Antisemiten einberufen, und deren Vorsitzender ein Antisemit war, nur natürlich. Allerdings zogen die Herren Antisemiten den kürzeren, denn sie, obwohl die Herren des Saales, mußten schließlich weichen und nicht deren Gegner, welche die mannhafte und kräftige Rede mitBeüall belohnten. Es sind mächtige Schläge, die auf die Häupter der Antisemiten und deren Kandidaten niedeifielen, man lese die Rede selbst, keinem wird die Zeit gereuen, die er ihrer Lektüre widmet. Daß bei der Rcichstagswahl in Spandau die Antisemiten 35, die Kandidaten der Gegenpartei jedoch 1167 Stimmen erhielten, zu diesem Erfolg dürfte auch die Rede des Herrn Wolff ihr Scherfletn beigetragen haben. Eines wollen wir aus derselben hervorhebeu, es kennzeichnet so recht die Art und Weise der „wahrheitliebenden und patriotischen Teutonen." Als Herr Wolff das Rescript des preußischen Staatskanzlers Fürst von Hardenberg sich vorzulesen anschickte, das sich in Ausdrücken des höchsten Lobes über die jüdischen Freiwilligen, die das Joch der Napoleonischen Herrschaft brechen halfen, ausspricht, unterbrach der Vorsitzende den Redner mit den Worten: „Hardenberg war von den Juden bestochen!" Den Antisemiten ist eben kein Andenken, keine Person heilig, wenn sie nicht für ihre Zwecke zu verwerthen ist. „Schämen Sie sich!" das der Redner dem Vorsitzenden zurief, war die einzige richtige Antwort auf diese Schamlosigkeit. —„Ass i-