Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 93 (23.11.1893)
- Date
- 1893-11-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1765 Laden, um dort das Testament zu holen und es mit den übrigen Papieren zn verwahren. Erst nachdem dies geschehen war, fand er Ruhe. Von neuem suchte er sein Lager ans und jetzt fand er den erquickenden Schlummer, aus dem er in früher Stunde schon wieder erwackte. Das Frühaufstehen ist für den frommen Juden keine Tugend und auch keine Last. Es ist eine einfache religiöse Pflicht, welche die goldbringenden Morgenstunden dem Dienste des Herrn weiht. Und wenn sich der faule Prasser noch lange in den Federn wälzt, hat der fromme Jude längst sein Gebet verrichtet und kann die goldbringende Frühzeit seinem Geschäfte widmen. Das Judenthum, die jüdische Religion erziehen ihre Bekenner zu Fleiß und Mäßigkeit und die verweichlichende Bettruhe eines langen Morgenschlummers ist diesen fremd. Wenn kaum der Tag angebrochen ist, muß der Jude zu Gott beten, und da die Zeit, in der er beten darf, eine ziemlich kurze ist, kann er nicht lange im Bette liegen. Sein erster Weg ist ins Gotteshaus, sein erstes Wort, ein Gebet, sein erstes Thun dem Dienste Gottes geweiht. Als Koppel von der Synagoge zurückkehrte, sprach er bei dem verunglückten Bauern vor. Eine unerwartete Besserung war während der Nacht eingetreten, das Bewußtsein war zurückaekehrt und in freudiger Hoffnung wurde er von der Bäuerin empfangen. Sie erzählte ihm, daß ihr Mann zwar viele Schmerzen habe, aber er hatte sie erkannt und mit ihr gesprochen. Sie wollte in ihrer Freude den Trödler sofort zu ihm ans Bett führen, aber dieser lehnte es dankend ab; er wollte den Kranken nicht stören, sondern ihn erst dann besuchen, wenn er um vieles besser sich befinde. Die Bäuerin dankte ihm. daß er sich uni ihren Mann bekümmert habe, trotzdem dieser nicht gut auf den Juden zu sprechen sei, aber Koppel wies den Dank zurück und sagte: „Ich habe nur meine Menschenpflicht gethan und dafür bedarf es keines Dankes." Ohne eine fernere Erwiederung der Bäuerin abzuwarten, entfernte er sich und eilte nach Hause. Auch hier vernahm er die gute Nachricht, daß die Kranke sich seit einigen Stunden etwas besser befinde nnd in einen ruhigen Schlummer verfallen sei. Nun ging er zu Martha, die wie ein Engel in ihrem Bettchen lag und schlief. Zartes Roth lag auf ihrem Gesichtchen, ihre vollen Aermchen hatte sie über der Brust gefaltet und ein glückliches Lächeln umspielte ihre rosigen Lippen. Selige Kindheit! Heber Dich hat die Sorge noch keine Macht, Deinen Schlaf kann der Kummer Dir nicht rauben, Deine glücklichen Träume die Angst nicht zerstören! In dem Anblick des Kindes versunken, stand Koppel vor dem Bettchen. Armes Kind! Dir droht Gefahr und Du weißt es nicht; das Leben Deiner Mutter ist am Verlöschen und Du merkst es nicht. Ruhig schläfst Du und Gottes heil'ge Engel behüten Dich. Leise schlich sich Koppel wieder hinaus. Seine Wirthin brachte ihm sein Frühstück und er verzehrte es. Dann ging er in sein Geschäft wie alle Tage und arbeitete bis zur Mittagsstunde. Er hatte viel zu thun, aber trotzdem fiel es ihm auf, daß ein gewisser Theil seiner besseren Vauernkundschast ihn mied und er fragte deßhalb den nächsten Besten aus jenem Kreise. Dieser, ein alter, Mann, sagte ärgerlich: „Ach, mach Dir nichts daraus; die kommen schon wieder. Die Geschichte mit dem Schein von Easpar vergißt sich auch. Wer weiß, wo der ihn verloren hat, oder wo er ihm genommen worden ist." „Ich kann die Sache auch nicht ändern", versetzte Koppel, „ich habe ihn bezahlt und das andere ist seine Sache." „Ganz recht; und wer nicht zu Dir kommt, braucht nicht sortzugehen." „Das sage ich nicht; ich verliere nicht gerne gute Kundschaft." „Hat nichts zu bedeuten, sage ich Dir, die kommen alle wieder." Mit einem Händedruck nahm der Bauer Abschied und entfernte sich. Vierzehn Tage waren vorüber. Die Besserung in dem Befinden der beiden Patienten hatte angehalten und während der Bauer schon in den nächsten Tagen nach seinerHetmath gebracht werden konnte, war die Mutter Martha's erst so weit, daß keine direkte Lebensgefahr mehr zu fürchten war. Mit Thränen in den Augen nahm die Bäuerin Abschied von dem Trödler, beschämt, mit abgewandtem Gesichte, sagte ihm der Bauer, lebewohl. Er mochte fühlen, daß er dem Juden Unrecht gethan, der durch sein Verhalten, während der ganzen Zeit feurige Kohlen auf sein Haupt gesammelt hatte. Und als er droben saß auf dem leichten Jagdwagen, vor dem seine kräftigen Pferde unruhig scharrend standen, da stieß ihn seine Frau leise an und munterte ihn freundlich bittend auf, und aus dem stolzen Bauernmunde kamen stoßweise die Worte hervor: „Und wenn ich Dir Unrecht gethan, Koppel, wegen der tausend Mark, so — — — verzeihe mtr's." „Schon gut, schon gut", rief der Trödler, der sah, wie schwer dem Bauern diese Worte wurden, und er gab dem Kutscher einen Wink, die Pferde zogen an und in scharfem Trab rollte das Gefährt