Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1893)
- Date
- 1893-11-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1744 Jemand ein bissiges Thier am Ohre zupft, oder einen Räuber erst zur Verübung einer Blutthat aus dem Schlafe weckt, so habe er gegen Esaw gehandelt, indem er ihm sagen ließ: So spricht dein Diener Jakob. In wiefern liegt in diesen letzten Worten eine Provokation? Folgende Erwägung dürfte darüber Licht verbreiten. Als die feindlichen Brüder noch unter dem Mutterherzen ruhten, ward der Mutter die prophetische Verheißung: tj» -wy an „der Aeltere wirdder Diener des Jüngeren sein." Indem somit Jakob mit solcher Geflissentlichkeit wiederholt sich als den Diener, den Bruder dagegen als den Herrn erklärt, hat er von selbst damit sich auch die Rolle des Erstgeborenen und dem Bruder die des» Jüngeren zuerkannt. Wenn daher nach langjähriger Trennung die Brüder zum ersten Male wieder Zusammentreffen, so möchte Jakob, wie sehr ihm auch die guten Beziehungen zu seinem Bruder am Herzen liegen, diese doch nicht durch Preisgcbung seines Erstgeburtsrechts und durch den Verzicht auf den ihm in dieser Eigenschaft gewordenen väterlichen Segen erkaufen. Hätte Jakob das gewollt, so hätte er nicht seine Eltern verlassen und Jahre lang in der Fremde weilen müssen. Darüber soll Esaw von vornherein nicht im Unklaren sein. Die Erklärung: Ich bin dein Diener und du bist mein Herr in diesem Augenblick, wenn auch in noch so verbindliche Form gekleidet, sagt dem heranziehenden Bruder schon vor dem persönlichen Zusammentreffen: Ich schicke Dir Geschenke, ich werfe mich Dir zu Füßen, aber es bleibt bei unserer einstigen Vereinbarung, daß mir das Recht der Erstgeburt zusteht, auf welches Du leichthin verzichtet hast. Der Herr bist Du, der Erstgeborene und der Besitzer des an ihn geknüpften Segens bin ich, bin somit dein Diener und unterziehe mich bereitwillig diesem Dienste. Ist das nicht genau das Verhältniß, wie es noch heute zwischen den Nachkommen der beiden Brüder waltet? Der Streit zwischen ihnen dreht sich um das Recht der Erstgeburt, dreht sich darum, wer den Vorrang in der Menschheit einnehmen soll. . ntoff nnn 'j*d «s» tnpa nvb Warum führt der Berg, auf dem sich Gott Israel offenbart hat, den Namen Sinai? Weil von ihm Sinnah, der Haß in die Welt kam, unter dem die von Gott Erwählten leiden. Die geschichtlich über allen Zweifel erhabene Thatsache, daß Gott uns guserwählt hat vor allen Völkern, sie ist es, die man uns nicht verzeihen und nicht vergessen kann. Da man das Faktum nicht aus der Welt schaffen kann, so möchte man gerne Diejenigen aus der Welt schaffen, die seine lebendigen, unvertilgbaren Zeugen sind. Oder man räumt die Thatsache, die man nicht ungeschehen machen kann, ein, aber^möchte'sielverschleiern, benörgeln und bespötteln. Wohl — giebt man herablassend zu — hat eine solche Erwählung^vor Jahrtausenden stattgefunden, aber die.^Erwählten haben sich dieser Bevorzugung unwürdig gezeigt und heute sind sie das anserwählte Volk längst nicht mehr. Man spricht von den NachkommenfJakobsZ als dem auserwählten Volke mit Hohn und Spott, wirft ihnen Verblendung, Trotz und>Hartnäcklgkei^vor, dichtete ihnen alle Auswüchse und sittlichen Defekte an, warum? Weil sie ihr Erstgeburtsrccht j nicht für ein Linsengericht von Würden und Ehren hingcben wollen, die man ihnen gerne dafür in Kauf gäbe; weil sie die Berufung und Erwählung Gottes sich weder wegfoltern noch wegködern lassen wollen, weil sie ihrer Würde trotz der schweren, damit verbundenen Bürde' treu bleiben möchten. Was Rabban Gamliel zwei großen Gelehrten erwiederte, als sie eine ihnen angebotene Würde zu bekleiden sich weigerten. das trifft für Israel und seinen welthistorischen Beruf in seinem ganzen Umfange zu: .ojb irvu w nnay nob inu 'JN nm»» onn ponoa „Ihr glaubt eine Würde lege ich euch auf, Knechtschaft ist's. was ich euch aufeilege." (Talmud, Horijoth fol. 10.) Mit dem Worte: Vto»' ’naa 'ja „Mein'erstgeborenes Kind ist Israel," haben die Nachkommen Jakobs alle Menschen als Brüder achten und lieben gelernt und sind in ihren Dienst getreten. Der Aeltere dient dem Jüngeren. Der Dienst ist , oft schwer und hart, aber er wird leicht durch das Bewußtsein, daß er die Bürgschaft und Verbriefung der Erstgeburt und des Vorrangs ist, den die jüngeren Brüder ihm streitig machen möchten. Diese höhnen den dienenden, abhängigen Bruder, und möchten aus dieser gedrückten Lage sein^Unwürdigkeit und Verworfenheit erweisen. Daß Israel sich durch den Druck und Spott seiner Herren nicht in seinem Dienste irre machen läßt, den es jeden Augenblick mit der Rolle der Herren vertauschen könnte, wenn es seinem Gottesberuf untreu werden wollte, das nennen sie den jüdischen Trotz und finden darin eine Provocation. Aber ein Blick auf das Geschick des Ahns erfüllt sie mit der unerschütterlichen Zuversicht, daß dieser Kampf nicht ewig dauern, daß auch für ihn die Stunde kommen wird, in welcher der Gegner ihnen den Besitz des wahren Segens mit den Worten zugesteht: ^b -hm*, -jb \*v „Möge das was dir zukommt, dir verbleiben." nianan by min Bis diese Stunde kommt, spricht die Welt uns j die Berechtigung ab, diesen Segen als unser Eigeni thum zu reklamiren. Aber daß selbst bis dahin in