Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 91 (16.11.1893)
- Date
- 1893-11-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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kau hat angeblich in Folge „principieller Meinungsverschiedenheiten" mit dem Curatorium, dessen Mitglied er war, seine Demission als Präsident und Mitglied des Krakauer Executiv-Comitss gegeben. Herr N. Landes, Schulinspector der Baron Hirsch- Stiftung, weist nun die bei dieser Gelegenheit gegen das Curatorium und seine Person erhobenen Verdächtungen folgendermaßen zurück: Herr Professor Rosen blatt war darüber verletzt, daß das Präsidium des Curatoriums dem Executiv-Comitö über dessen viele Versäumnisse und arge Vernachlässigungen bei Ueberwachung der Sttftungsinstitutionen eindringliche Vorstellung machte, um dieselben vor weiterem Verfalle zu bewahren. Ueber die „Pflichteifrigkeit" des Krakauer Exccutiv - Comitäs bei Ueberwachung der in seinem Sprengel gelegenen Stiftungsanstalten sind wir in der Lage, einen classtschen Zungen anzuführen. Der mit den localen Verhältnissen genau vertraute ehemalige Verwalter der Krakauer Handwerkerschule, ein sehr achtbarer Mann, sagt hierüber wörtlich: Jahrelang betreten sie (die Mitglieder des Krakauer Executiv-Comites) nicht einmal die Schwelle des Institutes und erscheinen nur dann, wenn ein Mitglied des Wiener Curatoriums dasselbe besucht. Gilt es doch bei diesem Anlasse die schönen Leistungen der Zöglinge als sichere Gewähr ihrer „wirksamen Thätigkeit" zu präsentiren." Wenn schon bei einer solchen im Sitze des Executiv - Comites selbst befindlichen und äußerst kostspieligen Anstalt die „Ueberwachung" derart geübt wird, so ist es allerdings begreiflich, daß die Stiftungsschulen des Krakauer Sprengels keineswegs zu „Musterschulen" sich entwickeln konnten. Ich hatte leider in der That auch als Schulinspector in der kurzen Zeit meiner Amtsthäligkeit Gelegenheit genug, mich davon zu überzeugen. Um nur ein eclatantes Beispiel anzuführen, will ich die Zustände der Schule in Tarnow hervorheben, wo durch die verhetzende Thätigkeit des Executiv-Comttüs und seiner Organe eine solche Desorganisation im Lehrkörper einriß, daß sämmtliche Lehrer versetzt werden mußten und erst jetzt, wo das Curatorium eine strengere unmittelbare Beaufsichtigung geschaffen, treten allmälig consolidirtere Verhältnisse ein. Wie es mit der von Herrn Professor Rosenblatt gerühmten „Schonung der religiösen Empfindungen der jüdischen Bevölkerung" unter der Aegidc des Krakauer Execntio-Comitss bestellt war, möge uns wieder der genaue Kenner der dortigen Verhältnisse, den wir oben citirten, erzählen: „Derartige Schulen erweisen sich doch in den kleineren Ortschaften Galiziens als dringend nothwendig, und wie bekannt, begegnet man eben bei der jüdischen Bevölkerung dieser Gegend einem blinden hartnäckigen Fanatismus, welcher sich gegen den wohlthuenden Einfluß der Cultur noch ganz ablehnend verhält. Es handelt sich also zuvörderst darum, den starken Widerstand, auf den man hier noch stößt, in einer besänftigenden Weise zu legen, indem man nicht allein auf die Wohlthat des Schulunterrichtes überzeugend hinweist, sondern allseits auch die Beruhigung aufkommen läßt, daß Bildung und moderne Aufklärung das religiöse Bewußtsein durchaus nicht ausschließen und im Gegentheil mit der Religion Hand in Hand zu gehen vermögen. Was wird aber gethan? Anstatt in solchen Fällen, trotz der persönlichen Freigeisterei, zum mindesten äußerlich den Schein zu wahren, erregt der Secretär des Krakauer Excutiv- Comites durch sein ostentativ irreligiöses Auftreten in allen kleinen Orten Galiziens öffentliches Aergerniß, welches umsomehr dazu angethan ist, die Erreichung der angestrebten Ziele zu durchkreuzen. In Wisnicz z. B., in Mielec und anderen kleinen Städtchen, deren jüdische Bevölkerung vom Fanatismus geradezu umnachtet ist, findet es der Secretär für gut, um dort die Gründung von Schulen anzubieten, gerade am Samstag seinen Einzug zu halten und wiewohl in jenen Gegenden ausschließlich nur jüdische Gasthäuser zu finden sind, absichtlich und ostentativ ein christliches Restaurant aufzusuchen, nur um nicht in den Verdacht eines rechtschaffenen Gläubigen zu kommen. Wie können die Vorsteher irgend einer Gemeinde zur Gründung von Schulen ihre Hand reichen, wenn sich ihnen hiezu ein Mann vorstellt, in welchem sie einerseits )en leiblichen Vertreter des gottgesandten edlen Baron Hirsch zu sehen glauben, der andererseits durch seine erbitternde Handlungsweise allgemein Anstoß erregen muß. Wo daher dem religiösen Bewußtsein der Individuen im Vorhinein schon nahegetreten wird, wo deren heiligstes Gefühl öffentlich ohne jede Nothwendigkeit verletzt, wo nicht das mindeste Zartgefühl, nicht die geringste Rücksicht auf ihre Glaubensbegriffe beobachtet wird, welche Vorstellung können sich dann dieselben von Baron Hirsch selbst bilden und welche mannigfachen Bedenken erwachen naturgemäß in ihrer Seele! Diese Strenggläubigen befürchten dann das Schlimmste von der Wirksamkeit einer solchen zu errichtenden Schule. Fast glauben sie, man wolle ihnen ihre Kinder gewaltsam taufen, den verderblichen gotteslästernden Geist der Aufklärung ihnen einimpfen. Liegt es denn in den Intentionen des Stifters, daß alles Religiöse von seinen Schöpfungen abgestreift werde? „Daß die Bureaux der Stiftung gerade am Samstag und an jüdischen Feiertagen offen, an christlichen Festtagen hingegen geschloffen bleiben, daß Tausenden von frommen Leuten die ihnen aus der Unterstützungscaffe angewiesene Gabe dadurch vergällt werde, daß sie zur Aufnahme des dabei üblichen Protokolls häufig nur für Samstag vorgeladen sind und sich die peinlichsten GewiffenSbiffe daraus machen, unwillkürlich Anlaß zu einer Gebotsverletzung zu geben. Unter solchen Auspicien kann diese Stiftung für Galizien unmöglich heilbringend sein!" Es wird daher kein so „arger Mißgriff" gewesen sein, wenn das Curatorium diese „besten Pläne" des Executiv-Comttäs „durchkreuzt" hat. In den polnischen Blättern allerdings wurden als Motiv des Rücktrittes des Herrn Professor Rosenblatt „principielle Meinungsverschiedenheiten" hingestellt, um denselben aus politischen Gründen zum Märtyrer für das Polenthum zu stempeln. Wenn es Herrn Prof. Rosenblatt wirklich ernst ist um die Sache der Stiftung, wenn zwischen ihm, der ja auch Mitglied des Curatoriums ist, und diesem in Wirklichkeit „principielle Meinungsverschiedenheiten" herrschten (was er bis zu seiner Resignation dem Curatorium gegenüber niemals behauptete), war dann nicht das Curatorium der