Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 91 (16.11.1893)
- Date
- 1893-11-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage zu M 91 des „Israelit“. Seiten»«» Art»«». An der Wahre des Wruders. Selten hat ein Trauerfall eine so allgemeine und tiefe Theilnahme in weitesten Kreisen hervorgerufen, wie der Heimgang des verewigten Dc. Marcus Hirsch y»j. Bet dieser Theilnahme dürfte es einem allgemein gefühlten Bedürfnisse entsprechen, nun auch die intimeren Seiten der Persönlichkeit des Heimgegangenen zu zeichnen, nachdem die allgemeine Charakteristik in so trefflicher W.ffe bereits gegeben wurde. Dazu eignen sich am besten die Worte, die an seiner Bahre dem Herzen des Mannes entströmten, der mit dem Verewigten ein halbes Jahrhundert durch Bande der Verwandtschaft, der treuesten Freundschaft und der tiefsten Uebereinstimmung aufs innigste verbunden war. Wir meinen die Rede des Herrn Direktor Dr. Hirsch, die, von freundwilltger Seite fixirt, uns gütigst zur Verfügung gestellt ist und aus der wir im folgenden einige die Persönlichkeit des Heimgegangenen lebenswahr und lebenswarm charakterisirende Auszüge bringen: „— Sie steht uns allen in diesem Augenblicke vor Augen, die herrliche, milde, liebenswürdige, vertrauenerweckende Persönlichkeit mit ihrem hellen Blicke, mit ihrem klaren Urtheil, mit ihrem warmen Herzen, mit ihrer Frische, ihrem Lebensmuthe, ihrem stets sprudelnden Humor, ihrer unverwüstlichen guten Laune. — — Wenn ich den Kern seines Wesens in einem Worte zusammfassen soll: er war ein echter Sohn seines großen Vaters. Cr war die Verkörperung des Prinzips nh oy nn. Er vereinigte eine gediegene und umfassende allgemeine wissenschaftliche Bildung mit einer nach dem competenlen Unheil seiner Fachgenossen ebenso gediegenen fachwissenschaftlichen Bildung. Dabei besaß er ein gründliches, iüd. W.sseu, dieses und seine allgemeine und philosophische Bildung befähigten ihn zu einem tiefen Eindringen in die Forschungen unseres Vaters. Er begriff den gewaltigen durch sie in der Geschichte des Judenthums bewirkten Fortschritt, er erkannte die noch von so vielen kaum geahnte, geschweige denn begriffene, lpochemachende Bedeutung dieser Erkenntniß des nach seinem geistigen Gehalte wissenschaftlich erfors hten Judenthums. Ec war der ausgesprochene Gegner jener Ansicht, die auf dem Boden der jüdischen Gesctzestreue mit der allgemeinen Bildung nur widerwillig und gezwungen ein innerlich unwahres Compromiß schließen möchte. Er war vielmehr die Verkörperung des Prinzips, daß in unserer Zeit eS gilt ein gebildeter Jude zu sein, nicht obgleich, sondern weil man ein gesetzestreuer Jude ist. Es war die tiefe Ueberzeugung seines Lebens, daß in einer Zeit, in der kein Kind ein Zettungsblatt in die Hand nehmen kann, ohne darin die höchsten und heiligsten Wahrheiten in Frage gestellt, als nur auf einem gewissen Standpunkte gütig, auf einem andern, angeblich ebenso und noch mehr berechtigten Standpunkte aber als unwahr und zu dem Aberglauben längst vergangener Zeiten gehörig erklärt zu sehen, daß in einer solchen Zeit nur in der immer weiteren Ausbildung dieser Erkenntniß des in seinem geistigen Gehalte erfaßten Judenthums die Erhaltung und Gewinnung des kommenden Geschlechts für das gesetzestreue Judenthum zu erhoffen sei Diese Ueberzeugung vertrat er stets mit aller Energie seines Wesens, dieser Ueberzeugung ist er treu geblieben bis in den Tod. In dieser Treue hat er sich bewährt als ächter Sohn seines Vaters. An diesen erinnerte er ja in so manchem Zuge seines Wesens. An ihn erinnerte sein blitzendes Auge, seine thatkräftige Energie, wie bei unserem Vater war der Grundton seiner Lebensstimmung ein stets heiterer, wie unser Vater befolgte er die Lebensmaxime des großen Weisen: rrn rons dvs (Pred. 7, 16) am Tage des Glückes, in der Stunde der Freude gehe auf in dem Augenblick, trübe dir die frohe Stunde nicht durch den Gedanken an das weniger freudige Morgen mit seinen Kümmernissen und Sorgen; jedoch n*n njn dvu, am Tage der Trübsal, in der Stunde der Betz ängniß, da schaue über das Trübe, über Nacht und Dunkel hinaus auf das Morgenrot, das unwandelbar auch auf das tiefste Dunkel folgt. In diesem Sinne war er tapfer und blieb aufrecht auch in den herbsten Prüfungen, die ihm nicht erspart blieben, in diesem Sinne bewahrte er seinen Humor in den Schmerzen seiner qualvollsten Stunden.- Und wie hat er sich als Sohn seines Vaters b'währt in der Vertretung der Sache des Judenthums nach Außen! Und hätte er nichts geleistet als die herrliche Schriit, die ihm mit einem Schlage die Herzen aller unserer Brüder in weitesten Fernen eroberte, es gälte von ihm: njnra ruip v' r-HN, er hätte sich damit einen dauernden Ehrenplatz unter den jüdischen Männern erworben. Welche Sprache, welch fesselnde Beredsamkeit, welche Kraft, welches Feuer und welche Kühnheit l- Und dieser Mann mit dem weiten Blicke, dem in Wahrheit nichts Menschliches fern lag, war zugleich seines Berufes einer der tüchtigsten und beschäf-