Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 91 (16.11.1893)
- Date
- 1893-11-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448400--37456-2485521- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Grafen oder Baron, gut situirt, kennen zu lernen, und wird die Einführung in einem Badeort in taktvoller Weise stattfinden können. Die Dame ist gesonnen, sich so taufen zu lassen, wie die Religion des Herrn ist. (!) Strengste Diskretion u. s. w. — Hierzu bemerkt die „Kreuzzeitung": Also Ehe, Religion, alles ein Geschäft. Ueberzeugungen, Charakter giebts nicht mehr; ideale Chimären, die gehören in die Rumpelkammer der Vorurtheile. Wir stimmen in dieser Beziehung mit unserer Busenfeindin vollkommen überein. Zu bedenken bleibt nur, ob nicht dieses Inserat von antisemitischer Seite aus einer vielleicht bereits zwanzig Jahre alten „Kölnischen Zeitung" herausgestöbert ist. Wenn wir uns recht erinnern, sind wir der Annonce schon in früheren Jahren in antisemitischen Blättern begegnet. Vielleicht ist der ,Evang. Kirchliche Anzeiger" so liebenswürdig, Nummer und Jahrgang der betreffenden „Kölnische Zeitung" anzugeben. Berlin, 12. November. Mit allen gegen eine Stimme wurde heute Herr Louis Bamberger, Seniorchef der alten Bankfirma L. M. Bamberger zum Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde seitens der Repräsentanten gewählt, ein Beweis welcher Beliebtheit sich der Gewählte bei allen Partheien erfreut. Insbesondere die orthodoxe Parthei hat allen Grund mit der Wahl dieses Herrn zufrieden zu sein, denn nicht allein daß er eine äußerst tüchtige, in Verwaltungssachen erprobte Kraft ist, er ist auch ein in die jüdischen Wissenschaften tief eingeweihter Mann, der den Bestrebungen der Reform, die sich innerhalb der Gemeinde geltend machen, jedenfalls energisch entgegentreten wird. Neben Herrn Bamberger wurde außerdem Herr Jsaac und zu stellvertretenden Vorständen Herr Regierungsrath Magnus und Herr Dr. Geiger gewählt. Mannheim. Consul Reiß dahier hat zur Errichtung eines Kriegerdenkmals in hiesiger Stadt seinen gezeichneten Beitrag von M. 1000 auf M. lOOOO erhöht. Ans Baden. Sr. Kgl. Hoheit der Großherzog hat eine Anzahl Feuerwehrleute für 25jährige Dienste mit Medaillen dekoriert, darunter finden sich folgende Glaubensgenoffen: Jonas Weil, Bäcker in Emmdingen, Elias Dreifuß, Handelsmann in Kuppenheim, Isidor Lindemann, Medizinalrath in Mannheim, Baruch Wolf Handelsmann in Oestringen, Karl Blum Kaufmann in Sinsheim. Karlsruhe. Auf der Ausstellung für Armeebedarf, Volksernährung, Hygiene und Kochkunst in Köln wurde der hiesigen Firma Max Homberger die höchste Auszeichnung, das Ehrendiplom und die goldene Medaille für selbstgebranntes Kirschzwetschgenwaffer zuerkannt. AuS Süddeutfchlaud. In der jetzigen ernsten Zeit muß man alles vermeiden, was zu einem werden kann. Dazu gehört auch, daß in vielen Gegenden Deutschlands, wo an einem D"’ oder an sonst einem hervorragenden Tage, von Juden arrangierte Festbälle in den Zeitungen unter „Israelitischer Festball" ausgeschrieben werden. Liest man je von einem „Evangel- oder „Kath. Festball?" ES hat dieses Ausschreiben bei Glaubensgenossen schon viel Aerger und bei Nichtjuden viel Gespötte hervorgerufen. Wie seiner Zeit der Bezirksrabbiner von Zweibrücken seine Bezirksgemeinden auf n"n ermahnt hat, sich einer rein deutschen Sprache zu befleißigen, so sollten alle Bezirksrabbiner in ihren Gemeinden mit aller Energie dahinwirken, daß diesem Unsuge endlich gesteuert werde. Rödelheim. Hier feierte dieser Tage Herr Louis Stern im Kreise seiner Familie in voller Rüstigkeit den 90. Geburtstag. Zahlreich waren die Glückwünsche und Gratulationen, selbst vom Auslande aus Anlaß dieses wichtigen Tages. Wrefcheu, 19. November. Wegen eines Vergehens wider die Religion verhandelte in vergangener Woche die Strafkammer in Posen gegen den Maurergesellen Joseph Sobeck aus Wronke, welcher sich gegenwärtig im Gefängniß zu Orb, Regierungsbezirk Kassel, befindet. Der Angeklagte, der im Juni d. I. in der Synagoge zu Wronke mit Maurerarbeiten beschäftigt war, legte ein Stück Wurstpelle in ein Gebetbuch, indem er die Worte hinzufügte, er müsse die ganze Synagoge „trefe" machen. Das Urtheil lautete auf vier Wochen Gefängniß. Feuilleton. Der Trödler. Erzählung von Ha«S Müller. (Fortsetzung.) (Alle Rechte Vorbehalten.) „Willst Du mir denn tausend Mark für einige Tage leihen?" fragte Caspar zögernd den Juden. „Nicht gerne", entgegnete dieser. „Geld verleihen gehört nicht in meinen Geschäftskreis. Ab.'r ich will Dir einen andern Vorschlag machen. Ich zahle Dir tausend Mark im Voraus auf Deine diesjährige Kartoffelernte und Du verzinsest mir den Betrag mit 5 pCt. bis zur Ablieferung der Ernte." „Auch recht", versetzte Caspar, nahm die Banknote und unterschrieb den von Koppel ausgestellten Schein. Der junge Mann hatte der Unterhaltung schweigend zugehört. Jetzt, da der Bauer sich entfernt hatte, sagte er: „Glaubt Ihr nicht, daß der meint. Ihr hättet ihn htntergangen? Habt Ihr nicht sein Gesicht, den Verräther seiner Gedanken gesehen? Ihr hättet vielleicht klüger gethan, die tausend Mark zn behalten, bis Ihr die Waare dafür in Händen habt." „Mag sein, daß Ihr Recht habt, aber die Klugheit soll nicht immer die Richtschnur unseres Handelns sein. Ihr selbst sagt, Ihr habet das Mißtrauen im Gesichte des Bauern erkannt. Nun Mißtrauen wird nicht durch Mißtrauen geheilt und so gut ich dem Bauern traue, ebenso gut muß er mir vertrauen, sonst verzichte ich auf jedes Geschäft mit ihm. Doch genug davon, wie ist es mit unserem Geschäft?" „Kann ich den Ring einmal mitnehmen?" „Wenn Ihr ihn kauft, sonst nicht." „Warum nicht? Mißtraut Ihr mir mehr als dem Caspar? Pfui! Das soll ein Jude dem andern bieten." „Ob Jude oder Christ, ist mir in geschäftlicher Hinsicht einerlei; ich arbeite mit jedem ehrlichen Mann. Hier liegt die Sache jedoch anders. Manchem Liebhaber scheint eine Sache weniger werthvoll, wenn viele Augen sie gesehen haben." „So behaltet Euren Ring und verkauft ihn selbst; meine Leute kaufen keine Katze im Sack." Aergerlich verließ der junge Mann den Laden, während Koppel lächelnd seinen Schatz wieder ver-