Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 90 (13.11.1893)
- Date
- 1893-11-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1718 davon, daß die Provinzial-Komitees selbst für durchwandernde Petenten Mittel zurückbehalten müssen, können die etwa der hiesiaen Centralstelle zufließenden Beträge dem Bedürfniffe auch nicht annähernd genügen, wenn, wie dies leider gerade während der letzten Wochen in wachsender Steigerung der Fall ist, der Zustrom der Auswandernden fortdauert. Es ist die Pflicht der russisch-jüdischen Blätter, auf diesen ernsten Nothstand mit allem Nachdruck aufmersam zu machen, um die Bcjammernswertden, welche diesseits der Grenze Hilfe zu finden hoffen, vor Enttäuschung zu bewahren. München, 2. Nov. Bor dem Landgerichte kam heute ein Stück antisemitischer Hetze zur B rhandlung. Das hiesige antisemitische Blatt hatte der mit vielen hiesigen und auswärtigen Filialen arbeitenden Waarenfirma Tietz vorgewoifen, daß sie ihre Ladnerinnen sehr schlecht bezahle (es wurde von 15 Mark monatlich gesprochen) und sie direkt auffordere, sich „Nachtverdienst" zu verschaffen, daß Männer die Mädchen untersuchen mußten, ob sie sich keine Maaren rechtswidrig angeeignet rc. Die umfangreichen Zeugenerhebungen ergaben das Unberechtigte dieser Angaben. Die vernommenen Ladnerinnen erklärten, daß die Firma am hiesigen Platze am Besten bezahle, daß einzelne Mädchen, die gerne gewechselt hätten, es unterließen, weil sie anderswo nicht so viel Gehalt wie bet Tietz erzielt hätten. Untersucht seien sie auf eigenen Wunsch worden, als unaufgeklärte W iarend^ebnähle vorkamen. Die Untersuchung sei stets durch eine besonders hierzu angestellte Frau vorgenommen worden. Redensarten, wie die vom „Nachtverdienst" seien nie gemacht worden, sie seien auch genügend bezahlt gewesen. Eine Ladnerin hielt die Erzählung von den 15 Mark und der erwähnten Zumuthung unter dem Widerspruch der übrigen Z ugen aufrecht, sie verwickelte sich aber so sehr in ihre Aussagen, daß sich Greifbares nicht herausbekommen ließ. Das Gericht sprach den Verleger des antisemitischen Blattes Weng schuldig und den damaligen Redakteur Büchner schuldig und verurtheilte sie zu 200 dezw. 300 Mk. Geldstrafe und in die Kosten. Der Mitangeklagte Drucker wurde freigesprochen. Die Kosten des bereits in zweiter Instanz spielenden Prozesses sollen an 6000 Mk. betragen. — Antisemitische. Zeitungen bringen die ständige Aufforderung „Kauft nicht bei Juden." Wie man hört, soll eine Anzahl Inserenten beabsichtigen, hiergegen gerichtlich vorzugehen. Man will nur den Jnftanzenzug im Prozeß eines auswärtigen sozialdemokratischen Blattes abwarten, das die Leser aufgeforderr hatte, gewisse Wirthschaften nicht zu besuchen, um ein Präjudiz zu haben. Oester.-Ungar. Monarchie. Wie«, 1. November. Heute wurde zum ersten Male fiit dem mehrhundertjährigen Bestände unseres Retchsheeres der Fahnenschwur der Wehrpflichtigen aller Religionen unter großem Prunke vollzogen. Die Reihe der Zeremonien wurde in dem israelitischen Tempel der inneren Stadt eröffnet. Noch vor der achten Morgenstunde marschirten vor dem alten Gebäude in der Seitenstettengaffe geschloff ne Abtheilungen von Soldaten des mosaischen Glaubensbekenntnffs 3 auf. Unteroffiziere, welche mit gezogenem Säbel diese Detachements befehligten, waren die Führer dieser Kolonnen; andere Soldaten kamen einzeln. Der in dämmeriges Halbdunkel gebüllte Kupp.lbau der Synagoge war in wenigen Minuten von dem militärischen Pibltkum gefüllt. Die Vorstehung der Gemeinde und B.ztrksausschuß Waldstein hatten rechts, ein Dutzend Offiziere in Paradeadjustirung links von dem Allerheiligsten Stellung genommen. Mehr wie dreihundert Unteroffiziere und Soldaten füllten den Gebetraum und die Gallerie. Die ersten zwei Bä-ike nahmen Mannschaften der in Wien garnisontrenden Traind Visionen — Cmko auf bettt Haupte und mit umhängtem Karabiner — ein; ihnen zunächst in Feldadjustirung Infanterie-Abtheilungen in Feldkappen mit angeschnallten Tornistern und geschulterten Mannlicher-Gewehren. Zwisch n diesen kompakten Massen sah man Hußaren in ihren betreßten Attilas, Dragoner mit funkelnden Helmen, Feldjäger mit flatternden Hahnenbüschen. Kanoniere, Matrosen, Sanitätssoldaten und Vertreter anderer Waffengattungen. Auch einige Fez der bosnischen Truppen leuchteten mit ihrem Roth hervor. Unter Psalmengesängen waren die Soldaten in den Tempel einqetreten. Nun trat der Prediger Dr. Jonathan Wolf an den purpurbehangenen Altar vor. Er betonte in beredter Weise, „daß der Waffendienst für den Monarchen und das Vaterland ein Ehrendienst sei. Der Waffendienst ist als eine religiöse Pflicht anzusehen unserem gütigen Fürsten gegenüber, dem das Heil des Staates als das oberste Gesetz gilt. Es rühme sich jeder von ihnen, daß er heute zu einer Fahne schwört, die uns allen theuer ist." Abermals klangen die Psa men der Sänger und es öffneten sich die goldschimmernden Pforten der Bundeslade. Der Prediger richtete an die versammelte Schaar der jungen Krieger die Worte: „So segne denn der Herr der Heerschaaaren Ihren Eintritt in ein neues Leben heiliger Pflichterfüllung für Kaiser und Reich, ich preise unsere Obrigkeit, daß sie diesen Ihren Eintritt durch eine gottesdienstliche Feier heiligte, ich preise das erhebende