Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 90 (13.11.1893)
- Date
- 1893-11-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1714 sittlich-schöne Schauspiel, wie die junge» Waffengenoffen aller Bekenntnisse heute auf gleiche Weise zu den Stätten ihrer Gottesverehrung geleitet werden." Es erschollen nun vom Empor herab die herrlichen Akkorde von Haydn's Kaiserhymne, bei offener Bundeslade wurden die Gebete gesprochen und mit dem Gelübde auf die Fahne, der man zugeschworen, endete die weihevolle Feier. > Vermischtes. Berlin, 8. Nov. Die „Staatsb. Ztg." schreibt: Eine äußerst interessante Wendung hat die Angelegenheit des Herrn Karl Paasch genommen; derselbe ist gestern (Dienstag) aus der Irrenanstalt Herzberg entlassen worden, und damit dürste seiner Detinirung im Jrrenhause überhaupt ein Ende gemacht sein. Bekanntlich war Hr. Paasch von dem Dr. Siemerling an der Jrren-Abtheilung der Charitö und anderen für „gemeingefährlich geisteskrank" erklärt und auf Anlaß des Polizeipräsidiums in der Irren-Anstalt Herzberge untergebracht worden. Hieraus folgte aber die Notwendigkeit der Entmündigung des Herrn Paasch durch das hiesige Amtsgericht. Der dahingehende Antrag des Polizeipräsidiums ist jedoch vom Amtsgericht wegen Unzuständigkeit desselben abgelehnt worden, da Herr Paasch, wie durch die Leipziger Behörden auch bestätigt worden ist, in Leipzig und nicht in Berlin seinen festen Wohnsitz hat. Herr Paasch mußte daher aus dem Gewahrsam eines preußischen Irrenhauses entlassen werden, und ist gestern in Begleitung des Dr. Wesendonk, der als Bevollmächtigter der Familie des Herrn Paasch den Antrag auf seine Entlassung gestellt hat, nach Leipzig abgereist. Stuttgart, 29. October. Letzte Woche wurde, wie die Israelitische Wochenschrift berichtet, der auch in weiteren Kreisen bekannte Oberlehrer a. D. Liebermann, der bereits im 89. Lebensjahre stand, zu Grabe getragen. Der Verstorbene war über 50 Jahre lange Lehrer in Eßlingen und zugleich Religionslehrer am Schullehrerseminar daselbst. Seit 1842 war er auch Hausvater an der israel. Waisenanstalt „Wilhelmspflege." Im Jahre 1849 war er Mitglied der vom Ministerium einberufenen Kommission für Reorganisation des württ. Schulwesens. Im Jahre 1861 gründete Liebmann den Unterstützungsverein für die iSr. Lehrer Württembergs und war 25 Jahre lang dessen Vorstand. Von König Karl erhielt Liebmann für seine Wirksamkeit die goldene Medaille und von der Oberschulbehörde mehrmals Prämien. Im Jahre 1873 trat Liebmann in den Ruhestand und durfte noch in den günstigsten Verhältnissen 20 Jahre der wohlverdienten Ruhe genießen. Im Mai d. I. durfte er noch die goldene Hochzeit feiern. Mit Liebmanns Wirksamkeit hängt die ganze Entwicklung des israel. Schulwesens in Württemberg zusammen. Emmerich. Am 1. dss. Monats beging das noch recht rüstige und hier allgemein sehr geachtete Ehepaar Oster Benjamin Nathan und Bertha, geb. Koppel das Fest seiner goldenen Hochzeit. Abends vorher wurde demselben von verschiedenen städtischen Vereinen eine herrliche Serenade dargebracht, welcher eine unzählige Menschenmenge beiwohnte. Am Festmorgen, nach vorangegangener gottesdienstlicher Feier, empfing das Jubelpaar verschiedene Deputationen. Um 12 Uhr erschien der Herr Bürgermeister mit einigen Herren Beigeordneten und überreichte dem Jubelpaar unter herzlicher Ansprache im Namen Sr. Majestät die Ehejubiläumsmedaille nebst einem gnädigen Handschreiben aus dem Kabinette Sr. Maj. Außerdem wurden dem Jubelpaare von allen Seiten prachtvolle Geschenke verehrt. Unsere Gemeinde sowie die Schützengesellschaft Borussia ernannten den Jubilar zu ihrem Ehrenmitgliede. Desgleichen wurde dem Jubelpaar je ein Ehrensitz in der Synagoge überwiesen. — Um 2 Uhr begann das Festmahl im Hotel de Hollands. Es war eine Freude zu sehen, wie daS Jubelpaar, umgeben von seinen Kindern, Enkeln, zahlreichen Geschwistern, Verwandten und Freunden, aus Fern und Nah', an Allem, was ihm zu Ehren geboten wurde, lebhaften Antheil nahm. Unter ernsten und heiteren, sehr sinnreichen Vorträgen, verging Stunde aus Stunde und erst spät nach Mitternacht löste sich die Gesellschaft, welche solange in herrlichster Stimmung ausgehalten, unter herzlicher Verabschiedung auf. An dieses schöne Fest wird gewiß jeder, der demselben beigewohnt, noch lange mit Vergnügen zurückdenken. — Möge dem hochverehrten Jubelpaar die Freude zu Theil werden, auch die demantene Hochzeit zu feiern. I. Carsch, Lehrer. Wien. In der Dampfkammer des Römischen Bades dahier ereignete sich am 27. October ein Zwischenfall, der ein grelles Licht auf die erschrecklichen Folgen der antisemitischen Verhetzung wirft. Ein Badegast, der nach den bei ihm Vorgefundenen Papieren Michael Bleyer heißen und 54 Jahre alt sein dürfte, wurde plötzlich von Tobsucht befallen und fing entsetzlich zu schreien an, indem er gellend in einem fort rief: „Ist denn gar kein Christ hier? Der Rabbiner will mir das Blut abzapfen!" Nur mit großer Mühe gelang es, den Tobsüchtigen zu bändigen, der alsbald auf Anordnung des Polizeicommissariats Leopoldstadt von der Freiwilligen Rettungsgesellschaft der psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses übergeben wurde. Der Unglückliche leidet an Verfolgungswahn, der durch die systematische Verhetzung der Antisemiten, wenn nicht verursacht, so doch befördert und zu einer bestimmten Manie ausgebildet wurde. Wir haben also neuerlich einen unleugbaren Beweis für das Vorhandensein eines „antisemitischen Wahnsinnes." London. Der „Daily-Telegraph" berichtet von dem Gottesdienst am Neujahrstage, den Herr Charrington in der großen Ostendhalle für die Armen hat einrichten lassen. Mehr als 5000 Juden, englischer, russischer, polnischer und deutscher Abkunft vereinigten sich zur erhebenden Andacht. Sie kamen in großen Haufen schon um 6 Uhr morgens, um 7 Uhr war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt; vor dem Betlocale standen über 5000 Israeliten, die keinen Platz mehr finden konnten. Der Rev. Schewzig aus Ramsgate versah den Dienst und obwohl derselbe volle fünf Stunden dauerte, herrschte doch die schönste Andacht. Die Frauen, welche auf der ersten Galerie ihre Plätze hatten, brachen bei gewissen Gebeten in Thränen aus, welche wohl die Reflexionen über die eigenen traurigen Lebensschicksale veranlaßt haben werden. Briefkasten der Expedition. I. W. in Z. Gewünschte Erzählung nicht mehr vorräthig. _ *VDi“6 Halberstadt. Jeder Schochet hat gewiß des Oefteren die Erfahrung gemacht, wie schwierig es ist, in öffentlichen Schlachthäusern das rituell geschächtete Kleinvieh von gewöhnlich getödtetem zu unterscheiden und in derartigem Falle ist es nach dem nenDi pp7I p ")I£G p. — Um indeß solch unliebsamen Verwechslungen vorzubeugen, habe ich eine Art Zange erfunden, vermittelst deren man sofort nach stattgehabter Schechita auf die Zunge des Thieres ein nicht nachzuahmendes Zeichen eindrückt und dasselbe macht den Unterschied auf den ersten Blick kenntlich. Das Mittel ist seit längerer Zeit in hiesigem Schlachthause eingeführt und hat sich bestens bewährt." Näheres Inserat in heutiger Nummer. (7033