Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 89 (9.11.1893)
- Date
- 1893-11-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1692 sie das geliebte Vieh denn nicht mit dem gesitteten Keulenschlag, mit der thierfreundlichen Bouterolle, mit der tugendhaften Schießmaske, mit dem kulturfortschrittlichen Genicksttch? Mögen diese Juden doch vcrhungen, wenn nur unser geliebtes Rindvieh nach unserer Fa?on-geschlachtet wird!" Das ungefähr drückt jener Blick aus. Ec erinnert an den persischen Statthalter, der in vorahnendem Cäsarenwahnsinn Selbstmord begehen wollte, weil sein Lieblingsttger im Kampfe mit dem verendenden Kriegsgefangenen eine Kcatzwunde erhalten hatte. Er erinnert an den südamerikanischen Sklavenhalter, der in Thränen ausbrach, weil sein Bluthund auf der erfolgreichen Jagd nach einem entlaufenen Sklaven sich einen Dorn in die Pfote getreten hatte. Die Thierschutzidee, obzwar aus England zu uns herübergekommen, ist eine edle, eine ritterliche, eine deutsche Idee. Aber sie darf nicht in hysteris he Krämpfe verfallen, sie darf sich nicht in epileptischen Zuckungen winden. Hat sie nicht unzählige Gebiete, auf denen sie sich legitim bekunden kann, ohne den religiösen Gefühlen Hunderttausender die empfindlichsten Wunden zu schlagen? Warum wendet sie ihr Erbarmen nicht dem verfolgten Wilde zu, das der frische Waidmann in fröhlicher Hatz zu Tode jagt? Hat das schauderhafte, herzerschütternde, menschenähnliche Stöhnen des angeschossenen Rehes sie noch niemals aufgerüttelt? Duldet sie es ohne Widerspruch, daß mordgierige Jagdhunde den säugenden Hasen von seiner mütterlichen Beschäftigung hinweg dem tödtlichen Blei entgegentreiben? Freilich, der frische Waldmann braucht weitere Erfrischung seiner Nerven und die Tafel des Millionärs kann des Wildprets nicht entbehren. Da mutz man schon ein Auge zudrücken. Wie aber kann der orthodoxe Jude das unverschämte Verlangen stellen, daß man ihm die allereinfachste Fleischnahrung durch Aufhebung der Schächtverbote ermöglicht? Ist das nicht recht jüdische Ueberhebung? Und dann: Der Waidmann gehört meist hohen, oft sogar sehr hohen Gesellschaftskreisen an. Und da wagt es der niedriggeborene Jude, die Thierschutzidee von der Schächtfrage ab und auf die frische, fröhliche Jagd hinzuverweisen? Auf die Jagd mit ihrem Rossegestampf und ihrem Meutegekläff? Auf die Jagd mit ihren rothen Kavalierfräcken und ihren flatternden Amazonengewändern? Auf die Jagd mit ihrem melodischen Hörnerklang tara — tara — tara? „Ist das nicht eineUnduldsamkeit — hier ist der Ausdruck Dührings durchaus am Platze — die der Staat nicht dulden darf?" („Grenzboten" Anmerkungen zur Judenfrage.) Seid nur recht duldsam gegenüber den Passionen der Hochgeborenen! Seid nur recht freigebig mit den Fußtritten, die Ihr den Unterdrückten versetzt! Während Ihr in dieser Weise „Kultur" aufzwingt, brodelt und gährt es in dem Vulkan, auf dem Ihr Eure antisemitischen Schuhplattler aufführt. Während die „Grenzboten" 6 tutti quanti über Bouterolle und Schächtschnitt und Keulenschlag und — nicht zu vergessen — über „Kultur" geschwätzig sich ergehen, da dröhnen schon aus der Tiefe herauf die Keulenschläge unterirdischer Mächte und die morsche, von Fäulnitz angefressene Grenzbotenkultur erbebt in ihren Gmndvellen. Wehe Euch, wenn erst die allerneufte, die fortgeschrittenste Kultur Euch „aufgezwungen" wird, nach dem Rechte des Stärkeren, das Ihr predigt! Und diese allerfortgeschrittenste Kultur ist nicht einmal judenfeindlich, wie die Eurige. Habt Ihr den Lockruf vernommen, der soeben von der rheinischen Domstadt aus an die Juden ergangen ist? Und wäre es nicht menschlich, wäre es nicht allzumenschlich, wenn die gehetzten Söhne Jakobs den sozialdemokratischen Sirenentönen Folge leisteten? Was gibt der Jade heutzutage auf, wenn er der neusten Kultur tu die weitgeöffueten Arme sinkt? Der Jude, welcher — mag er noch so königstreu, mag er noch so staatserhaltend gesinnt sein — gesellschaftlich geächtet ist, wie nur irgend ein Sozialdemokrat auch? Beginnen doch schon die protestantischen Theologen ihren Frieden mit der allerfortgeschrittensten Kultur zu schließen, schlägt doch schon der kluge Papst Leo XIII. in seinen Enzykliken Brücken zu ihr hinüber. Es wäre doch so menschlich, wenn auch die Inden, dieses Volk von Priestern, sich vor der ausgehenden Sonne verneigen würden. Denn nicht nur das Verfolgen ist menschlich, auch die Rache ist menschlich. Doch der gesetzestreue Jude rächt sich nicht. Dem Menschlichen, dem Allzumenschlichen gegenüber nimmt er seine Zuflucht zu dem Göttlichen. Er weiß, daß „nicht schläft noch schlummert der Hüter Israel'--." 'jni nnn 'n 218 'v ntpjr ns 81'8 'b '1 . WEG 7I81X Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 2. Nov. Aus einem Briefe, den der hiesige Korrespondent der „Nowoje Wremja", Herr Lwow, an sein Blatt gerichtet hat, bringen hiesige Blälter einen Auszug, der angebliche Schritte deutscher Antisemiten zur Annäherung an russische Kreise betrifft. Die Stelle lautet: „Ich habe noch ein sehr interessantes und be-