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Der Israelit · 1893-11-09 · Heft 89 (9.11.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 89 (9.11.1893)
Date
1893-11-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 89 des „Israelit". Leitender Artikel. Menschliches, Allzu menschliches. — v. — Es ist so menschlich, von der Höhe seiner Macht herab den Schwachen zu vergewaltigen, dem Wehrlosen einen Fußtritt mehr zu versetzen, dem Verfolgten noch einen weiteren Stein nachzuwerfen — ach. es ist allzumenschlich. Aber deutsch ist es nicht, oder besser, sollte es nicht sein — so viel uns dünkt — deutsch sein heißt edel sein, deutsch sein heißt barmherzig sein, deutsch sein heißt ritterlich sein. Und menschlich, allzumenschlich, aber keineswegs deutsch ist es, wenn die „Grenzboten" in Belobigung des Schweizer Schächtsverbots sich zu den Worten hinreißcn lassen: „Sind diese äußerlichen Verrichtungen mit der Religiou so verknüpft, daß diese nicht ohne jene bestehen kann, dann sind die Juden eben in der Kultur hinter uns zurückgeblieben und wir haben das Recht, ihnen unsere Kultur aufzuzwingen. („Grenzboten" Anmerkungen zur Judenfrage*) Also aufzwingen! Man will den Juden die Kultur der „Grenzboten" aufzwingen. Es ist also ein neuer „Kulturkampf," der Kulturkampf gegen das Judenthum, den die „Grenzboten" predigen. Man hat also bereits vergessen, welch' zweifelhafte Lorbeeren man im Kulturkampf gegen den Katholicismus gepflückt hat. Man will dem Gang nach Canosfa also noch eine Fahrt nach dem Binsenmeer hinzufügen. Oder hält man etwa dafür, daß das Judenthum seine Glaubensfreiheit weniger zähe vertheidigen werde, als der Katholicismus? Der Kampf gegen Ideen — das sollten doch die „Grenzboten" ein für allemal wissen — läßt sich weder mit Poltzeiknütteln, noch mit Bajonetten, noch mit Ahlwardtfäusten auskämpfen. Freilich, wenn gewisse Leute das Wort „Kultur" tn den Mund nehmen, so weiß man schon im voraus, daß es sich um Barbarei handelt. Und um ihr kulturwidrtges Beginnen so recht zu kennzeichnen, sprechen die „Grenzboten" gleich in einem Athem die Worte „Kultur" und „aufzwingen" aus. Als ob „Kultur" und „Zwang" sich vertrügen? Kultur läßt sich mittheilen, in langsamer, oft Jahrhunderte erfordernder Weise. Wer Kultur „aufzwingen" will, begeht eo ipso schon Barbarei. *) Vrgl. unseren Leitartikel „Schechita, Mila und Sabbat" in Nr 85 d. Bl. (D. R.) Wenn die Auslassung der „Grenzboten" im „Pecktnger Staatsanzeiger" oder im Petersburger „Graschdanin" zu lesen gewesen wäre, wenn sie sich im ersten Falle auf die Christen, im zweiten auf die baltischen Protestanten bezogen hätte, so ließe sich das, wenn auch nicht billigen, so doch begreifen. Aber ein Blatt, das sicherlich über die chinesischen Christenverfolgungen den Stab gebrochen hat, ein Blatt, daS zweifellos die religiösen Drangsalirungen der baltischen Protestanten aufs schärfste verurtheilt, das sollte denn doch vorsichtiger sein in seinen Auslassungen, das sollte sich hüten, den Chinesen und Russen gefährliche Waffen in die Hand zu drücken. Was wollen denn die Chinesen anderes, als — natürlich in ihrer Weise — den in der „Kultur" hinter ihnen zurückgebliebenen Christen die fortgeschrittenere chinesische Kultur aufzwingen? Was wollen die Russen anderes, als — wieder in ihrer Weise — den in der „Kultur" zurückgebliebenen baltischen Protestanten die fortgeschrittenere moskowitische Kultur aufzwingen? Oder haben etwa die „Grenzboten" das bekannte Sprichwort derart mit „Kultur" beleckt, daß es nunmehr lautet; Was Du nicht willst, daß man Dir thu', das füge erst recht und ohne Gewissensbisse dem Anderen zu? Ist es nicht das Recht des Stärkeren, das die „Grenzboten" predigen? Lugt hinter ihren Auslassungen nicht die „blonde Bestie" hervor, von deren „Schweifen" uns Nietzsche so grausam schön zu berichten weiß? Die blonde Bestie mit ihrer transmoralischen Herrenmoral, die — gemeinsam mit dem Zuchthaussträfling — nur das für Lügenhaft, für schön, für „kulturell" erklärt, was ihr nützlich, ja, was ihr oft sogar nur angenehm erscheint. Menschlich ist diese Herrenmoral, allzumenschlich. Aber edel, aber ritterlich, aber deutsch ist sie nicht. Warum will man den orthodoxen Juden zwingen. entweder Vegetarianer zu werden, oder aber göttliche Gebote zu verletzen und sein Seelenheil zu gefährden, indem er Fleisch von nicht geschächteten Thieren genießt? Etwa, weil der Schächtschnitt dem Thiere Qual verursacht? Aber Autoritäten wie Vtrchow und Karl Vogt haben den Schächtschnitt als eine der wenigst thierquälerischen Schlachtarten bezeichnet. Doch das schert den modernen Thierschutz-Tartüffe wenig. Der Jude muß eben verbrannt werden. Nichts ist widerlicher, nichts ekelhafter, als der Blick heuchlerischen Mitgefühls, den Tartüffe bei dem Worte „Schächten" gen Himmel richtet. „O dieser kannibalische Schächtschnitt! Warum tödten

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