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Der Israelit · 1893-11-09 · Heft 89 (9.11.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 89 (9.11.1893)
Date
1893-11-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1689 „Wer hätte vor einem Jahre geglaubt, als der Kummer um unser Kind uns niederzudrücken drohte, daß noch so viel Liebe zu ihm in unseren Herzen wohne! Schien mir doch alle Liebe ihm aus dem Herzen gerissen, als ich hörte, daß er dem Glauben unserer Väter untreu werden wollte, und nun, da er krank und dem Tode nahe ist, fühle ich erst, wie sehr ich mich getäuscht habe, wie tief die Liebe zu meinem Kinde doch in meinem Herzen wurzelt. Mein lieber Mann, laß uns zu Gott beten, daß er unser Kind genesen läßt!" Und,wieder — zum wie vielten Male? — flehten sie heiß und innig zu dem, der da die Kranken heilt, zu dem, der da vergibt Schuld und verzeihet Miffethat. Und wiederum fühlten sie sich getröstet. Gabriel hatte in der Stadt vollauf zu thun. Er führte das Geschäft Maibaums, kontrollirte den Geschäftsführer des Sohnes und sorgte, daß dessen kostspieliger Haushalt aufgelöst wurde und fand trotz der koloffalen Arbeit doch noch täglich Zeit, eine Stunde bei den Eltern zu verbringen, sie zu trösten und zu erfreuen. Von den hochadeligen Freunden und Bekannten ihres Sohnes ließ sich Niemand mehr sehen. Man erkundigte sich nicht einmal nach seinem Befinden. Wie ein Meteor in jenen Kreisen zu erscheinen und unvermißt und unbeklagt plötzlich zu verschwinden, ist dort nichts seltenes. Auch der schöne und reiche Jude Maibaum war erschienen und verschwunden und niemand vermißte ihn und beklagte sein Verschwinden. Und Madeleine d Nun die Gräfin hatte noch genug Curmacher und Freier; was fragte sie nach dem Herzen des Juden! Mochte es brechen oder nicht. Sie hatte sich amüsiren wollen, und dazu war auch der Jude gut gewesen. Der Winter war vorüber. Rauh und harr hatte er auf der Erde gelastet und manches zarte Leben dahingerafft. Draußen in dem Gasthause, im Dorfe ringt sichein Leben durch und zwei beglückte Herzen beobachten jede Regung zum Besseren. Langsam wie sich das Frühlingsleben unter der Schneedecke entwickelt und die Banden des kalten Tyrannen nach und nach abschüttelt, langsam wie das Leben und Weben der wiedererwachenden Natur sich einstellt und die Oede des Winters verschwinden läßt, ebenso langsam kehrte das Bewußtsein des Schwerkranken zurück, stellten sich nach einander seine Geistesfähigkeiten wieder ein. Und zum zweiten Male genossen die Eltern an ihrem Sohne die Freude, das Erwachen des Geistes sehen und beobachten zu können. Wer vermöchte die Freude zu schildern, das Entzücken, die Wonne, die ihr Herz durchbebten zu beschreiben, als sie an seinem Blick sahen, daß er sie erkannt hatte! Als er gar zum ersten Male wieder nach so langer Zeit die Worte Vater und Mutter aussprach, da jubelten sie laut auf und umarmten sich und dankten Gott für die Gnade, die er ihnen au ihrem Kinde erwiesen hatte. Mehr noch wie man ein kleines Kind hütet und pflegt, hüteten und pflegten sie ihren genesenden Sohn. Tag und Nacht verbrachten sie an seinem Bette und sorgten, daß die Wärter nichts versäumten. Eines Tages kam Gabriel aus der Stadt und brachte Maiblumen mit. Ihr lieblicher Duft durchzog das Krankenzimmer und als der Patient aus einem kurzen Schlummer erwachte, blickte erlebhaft um sich. Seine Blicke durchflogen den kleinen Raum und als sie endlich auf den Blumen hasten blieben, überflog ein glückliches Lächeln sein von den Narben furchtbar entstelltes Antlitz. „Frühling!" hauchte er leise vor sich hin, „o möchte es auch für mich noch einmal Frühling werden!" Obschon er ganz leise gesprochen, hatte ihn die Mutter doch gehört und verstanden. Rasch faßte sie seine weiße Hand und blickte ihm liebevoll in's Auge und sagte: „Nur getrost, auch für uns wird es wieder Frühling werden." Und der Frühling kam mit Macht herein. Ueberall ein Knospen und Sprießen und ein Hoffen und Freuen, als ob es zum ersten Male geschehe, daß die Natur sich verjüngt. Und mit der verjüngenden Natur hält die Genesung des Kranken gleichen Schritt und wie überall in der ganzen Welt, so schafft sie auch 1 täglich Wunder. Schon hat der Kranke seine Sprache wieder und plaudert gemüthlich mit den Eltern, auch die Arme und Hände kann er wieder gebrauchen und nur die Beine sind noch gelähmt. Aber auch das wird wieder vergehen, wie ihm die Aerzte täglich versichern und er wird, wenn auch erst nach einiger Zeit wieder reiten und gehen können, wie zuvor. Das Peßachfest fiel in diesem Jahre sehr spät und als die Ueberschreitungsnacht herankam, fand sie auf ihrem Wege Blumen und Blüthen und anstatt des Blutes, welches sie einst bei unseren Vorfahren schaute, erblickte sie den Blüthenschnee, den ein stühzeitiger Frühling ihr in den Weg streute. In dem Gasthause im Dorfe wurde die Leil schimurim würdig begangen. Der Sedertisch war vor das Bett des Sohnes gestellt worden — er selbst hatte es so gewünscht — und wie einst, vor langen, langen Jahren begann der.Vater zu erzählen von jener uralten und doch ewig neuen Geschichte des Auszugs aus Egypten und wie einst richtete der Sohn Fragen an den Vater und dieser

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