Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 89 (9.11.1893)
- Date
- 1893-11-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Pose«, 30. Okt. Wegen eines Vergehens wieder die Religion verhandelte heule die Strafkammer gegen den Mauergesellen Josef Sobek aus Wronke. Der Angeklagte, der in der Synagoge zu Wronke beschäftigt war, legte ein Stück Wurstpelle in ein in der Synagoge befindliches Gebetbuch, indem er die Worte hinzufugte, er müffe die ganze Synagoge „tiefe" machen. Das Urtheil lautete auf 4 Wochen Gefängniß. Für die französischen Kolonien wurde ein neuer Posten creirt, und zwar der eines General-Inspektors für den öffentlichen Unterricht. Ein Glaubensgenoffe, Herr Wahl, der GeschichtSprofefsor an dem Lyceum Condorcet in Paris, wurde mit dem ehrenvollen Amte betraut. 8 * tt i 11 e t o «. Der verlorene Sohn. & Erzählung von H. Berger. (Schluß.) (Alle Rechte Vorbehalten.) Wer vermag es, die Regungen eines liebenden Mutterherzens zu erforschen, seine Gefühle und Empfindungen zu schildern, sein Pochen und Hämmern zu deuten. Was gibt es auf der Welt, das die Mutterliebe nicht entschuldigen und verzeihen könnte: Vergessen war aller Kummer und alle Sorge, welche der Sohn ihr seither bereitet; verziehen waren alle jene Schritte, die ihn seinem Glauben und seinen Eltern entfremdet hatten. Ihr Kind war unglücklich, war krank, war in Gefahr und keine Macht der Erde hätte sie hindern können von ihm fern zu bleiben. War er auch ein verlorener Sohn, so war er doch ihr Sohn, der Anspruch auf ihre Liebe zu machen hatte. Hätte die Botschaft von seinem Tode sie erreicht, sie hätte sich mit den Worten getröstet: borued dajan hoemes; gelobt sei der gerechte Richter. Aber ihr Sohn war nicht todt; er lebte, konnte genesen und ein braver und frommer Mensch, ein guter Jehudi werden. Die Mutter eilte nun rasch in das andere Zimmer. Aus ihrem Munde erfuhr der Vater, welches Unglück sein Kind betroffen und auch ihn traf der Schlag schwer. Er raufte sich sein Haar, riß seinen Bart und wollte sich, wie einst unser Urahn Jakob nicht trösten lassen Gabriel mußte endlich auch ihm alles erzählen und als er geendet, sagte der Vater: „Unser Platz ist bei unserem Kinde. Verwalte Du unser Haus und unser Geschäft; meine Frau und ich, wir wohnen draußen bei unserem Sohne und pflegen ihn bis seine Gesundheit wiederkehrt." Und ehe eine Stunde verging, beförderte ein eleganter Zweispänner die Eltern zu ihrem Kinde, während ein Lastwagen noch an demselben Tage alles hinausbrachte, was zur Bequemlichkeit der Eltern und zur Pflege des Patienten dienen konnte. Der Kummer um den verlorenen Sohn hatte die Eltern niedergebeugt; die Sorge um das erkrankte Kind richtete sie auf und die Hoffnung, den verlorenen Sohn wiederzufinden, gab ihnen Kraft die aufreibenden Strapatzen der Pflege eines solchen Kranken zu ertragen. Als die Eltern an das Schmerzenslager ihres Kindes traten, hatte sich nichts in dessen Zustand geändert. Die Bewußtlosigkeit dauerte fort und der Kranke erkannte keinen von seiner Umgebung. Am folgenden Tage kamen zwei Aerzte aus der Stadt und richteten die zerbrochenen Glieder ein. Auch bei dieser schmerzhaften Operation kehrte das Bewußtsein nicht wieder und nur hie und da entrang sich ein Stöhnen den bleichen Lippen und zeigte, daß noch Leben in dem Körper war. Für die Eltern war diese Stunde eine Stunde der höchsten Qual; aber auch sie ging vorüber und die Aerzte konnten, als alles vorüber war, den besorgten Eltern doch einen Schimmer von Hoffnung geben, daß ihr Sohn vielleicht genesen werde. Ein trauriges Amt, das Pflegeamt bet einem Kranken, der so wenig Aussicht auf Genesung hat. Tagelang saßen die beiden Eltern stumm an dem Lager ihres Sohnes und lauschten auf jede Lebensäußerung und unzählige Thränen rollten über die bleichen, abgezehrten Wangen der alten Leute, welche bang um das Leben ihres Sohnes zagten. Große Theilnahme fand das Ehepaar bei den Glaubensgenossen und kein Tag verging, ohne daß aus der Stadt gute Freunde gekommen waren, die sich nach dem Befinden des Kranken erkundigt hätten. Und wenn auch die Auskunft, die sie den Freunden geben konnten, nicht tröstlich war, so erfreuten solche Erkundigungen doch die Angehörigen und linderten ihren Schmerz, denn getheilter Schmerz ist halber Schmerz Nicht ohne Grund haben unsere Weisen das Gebot des Krankenbesuchs so Ihoch und wichtig erklärt. Wochen vergingen; in dem Befinden des Kranken trat keine Besserung ein. Wohl heilten die zerbrochenen Glieder, aber das Bewußtsein blieb fort und der Körper magerte zusehends ab. Den einzigen Trost für die betrübten Eltern bildete in dieser schweren Zeit unsere heilige Schrift und wenn der Muth sinken und Verzweiflung ihr Herz erfaffen wollte, da waren es die Worte der heiligen Thora, die sie aufrichteten und Balsam in die Wunden ihrer Herzen träufelten. Die herrlichen Psalmen des königlichen Sängers, die tiefernsten Sprüche Salomo's, das Buch Job bildeten den Stoff zu ihren Betrachtungen. In dieser Zeit lernten sie ihr gegenseitiges Gottvertrauen besser kennen und schätzen, als während der ganzen langen Zeit ihrer Ehe.