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Der Israelit · 1893-11-09 · Heft 89 (9.11.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 89 (9.11.1893)
Date
1893-11-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Eine noch gehässigere Notiz unter dem Titel: „Jüdische Grausamkeit beim Schlachten", bringt der „Daily Chronicle", von einem Juden P. Lewrenee, Hamilton, Mitglied des Kgl. Chirurgen-Vereins in London. Ich weiß nicht, ob zuständigersetts eine Entgegnung auf diese verlogenen Hetzereien erfolgt ist, wahrscheinlich wird es geschehen sein. Berlin, 4. Nov. Im ersten Berliner Landtagswahlkreis hat eine Versammlung der konservativen Wahlmänner stattgefunden. In dieser Versammlung war auch der Hausminister von Wedell erschienen und stellte in Anbetracht der Verhältnisse den Antrag, von der Aufstellung mehrerer Kandidaten abzusehen und alle Stimmen auf den Archivrath Dr. Bailleu zu vereinigen. Dr. Bailleu bekannte sich zum Tivoli- Programm der Konservativen. Es freue ihn, so meinte derselbe, in dem anwesenden Herrn Ravens einen für die konservative Sache begeisterten Kämpfer gefunden zu haben, dessen Wirken für die Partei in Berlin auch schöne Erfolge zeitigen würde. Herr Louis Ravens erklärte darauf dankend, er würde auch bei späterer Gelegenheit stets gern zur Annahme eines parlamentarischen Mandats bereit sein. Nach seiner Meinung müsse mit der Begründung patriotischer Vereine in viel größerem Maße als bisher vorgegangen werden: denn das Material, welches die Arbeiterbevölkerung inneres Vaterlandes biete, sei nicht schlecht, dafür geben ihm seine eigenen zahlreichen Arbeiter Gewähr; aber der Lässigkeit, mit der ein großer Theil unserer Arbeiter „ihrer Partei", nämlich der Sozialdemokratie, ausgeliefert werde, sei kräftig zu steuern. Zur Judenfrage verlangte Herr Ravene den Ausschluß jüdischer Lehrer aus Schulen, in denen christliche Kinder erzogen werden, und den Ausschluß der Juden vom Richteramt. Daß der königliche Hausminister an einer solchen Versammlung mit einem solchen Programm theilnimmt, bemerkt die „Freis. Ztg.", ist für uns interessanter, als der übrige Inhalt der Verhandlungen. — Marburg, 3. Nov. Wie stark der Rückgang der antisemitischen Stimmen trotz der eifrigsten Agitation Böckel's gewesen ist, erhellt aus folgender Zusammenstellung der Wahlresultate der Jahre 1888 und 1893. Im Kreise Marburg wurden 1888 gewählt: 66 konservative, 49 liberale und 39 antisemitische Wahlmänner, diesmal 116 konservative, 41 liberale und 39 antisemitische Wahlmänner, diesmal 116 konservative, 41 liberale und nur 19 antisemitische. Rückgang der Antisemiten mithin 20. In Frankenberg-Ktrchhain wurde 1888 Landrath Riesch mit 79 gegen 74 antisemitische Stimmen gewählt, bei den soeben vollzogenen Urwahlen sind 118 Wahlmänner für Landrath Riesch und nur 48 für Böckel gewählt worden. Rückgang der Antisemiten mithin um 26 Wahlmänner. Außer Rechnung ist dabei geblieben, daß sich die Zahl der Wahlmänner seit 1888 um 42 und 13 vermehrt und die Antisemiten Böckel'scher Observanz diesmal mit dem „Loose" Glück gehabt haben. Leipzig, 30. Okt. Der Kaufmann Scheinpflug und der frühere Malergehilfe Münch „erwarben" den hiesigen „Deutschen Verlag" (antisemitisch) für 10,000 Mark, ohne einen Pfennig Geld zu besitzen. Im Nu hatten die neuen „Besitzer" ihr Lager geräumt, d. h. dasselbe an einen Antiquar für 50 Mk. verkauft. 10 und 7 Monate Gefängniß waren der Lohn für ihre „erfolgreiche" Thätigkeit. Dresden, 2. Nov. Rektor Ahlwardt erschien gestern aus dem Gefängniß in Plötzensee vor dem hiesigen Amtsgericht als Kläger gegen den politischen Redakteur der „Dresdener Nachrichten" Dr. Lohan. Dieses Blatt huldigte längere Zeit dem Antisemitismus schärfster Ahlwardt'scher Richtung, ging dann aber vor der Reichstagswahl zu der sanfteren Tonart der sächsischen Konservativen der Gefolgschaft der Herren von Friesen und Mehnert wieder über und griff Ahlwardt scharf an. Unter Anderm ließ Dr. Lohan einen Artikel veröffentlichen, in dem die Persönlichkeit Ahlwardts mit den denkbar gröbsten Ausdrücken belegt wurde. Kurz darauf wurde es von den sächsischen Behörden Ahlwardt nicht mehr gestattet, in Sachsen seine bekannten Vorträge zu halten. Ahlwardt führte diese Verbote auf jenen Artikel zurück und verlangt hierfür und für die groben Bezeichnungen seiner Person Privatgenugthuung in einem Widerruf. Hierzu will sich Dr. Lohan keinesfalls verstehen. Er erklärte die Anwendung jener Ausdrücke nur wegen ihrer Form bedauern zu können, ober es sei ihm nicht möglich. Ahlwardt als einen Ehrenmann zu bezeichnen. Dr. Lohan erhebt gegen Ahlwardt die schon aus den letzteren früheren Prozessen bekannten Beschuldigungen und erbietet sich für seine Behauptungen den Beweis der Wahrheit anzutreten. Um dem verklagten Redakteur diese Möglichkeit nicht abzuschneiden und ihm zur Herbeischaffung des von ihm als sehr umfangreich bezeichneten Beweismaterials und der Zeugen Zeit zu geben, ward der Prozeß vertagt. Auch Ahlwardt will Zeugen zur Stelle bringen, „um der Welt zu beweisen, welchen schmachvollen Verleumdungen er von einer gewissen Presse ausgesetzt sei."

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