Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1893)
- Date
- 1893-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448397--37393-2485455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1672 statten für das Vertrauen, das sie in ihn gesetzt, und bald darauf hauchte er seine reine Seele aus. Trauernd umstanden daher alle Familienglieder die Bahre ihres Oberhauptes und weinten bittere Thränen, ob des großen Verlustes, den sie erlitten. Und was er uns gewesen, das bewies die heutige Beerdigung, an der alle Mitglieder der Gemeinde, Vertreter der Bezirkssynagogen und viele christliche Bürger von hier und Umgebung theil nahmen.- In beredten Worten schilderte der Herr Rabbiner das Leben und Wirken des Verblichenen und stattete ihm den Dank der Gemeinde ab. Kein Auge blieb thränenleer als der Verstorbene in das kühle Grab gesenkt wurde. — Möge ihm die Erde leicht sein und möge es gelingen, einen würdigen und eben so beliebten Nachfolger zu finden. n"3XJn -£• Vermischtes < Paris. General Hinstin, Gouverneur von Verdun, wurde zum Generalinspector der Geniearbeiten für Vertheidigung der Küsten ernannt. Fe« i I1 c io«. Der verlorene Sohn. & Erzählung von H. Berger. (Fortsetzung.) (Alle Rechte Vorbehalten.) Bald hatte man R. erreicht. Ein kleiner Imbiß sollte in dem Gasthofe eingenommen werden und die Gesellschaft stieg vom Pferde. Wie erstaunte man aber, als anstatt der ländlichen Bedienung befrackte Kellner erschienen und ein exquisites Picnic servirten! Feurig perlte der Ungarwein in den Crystallgläsern und sein herrliches Roth vereinte sich mit dem Corallenroth der schönen Frauenlippen und sein Feuer durchglühte ihre Adern, so daß Lebenslust und Lebensfreude aus den Augen blitzten. „Das war ein göttlicher Gedanke von Ihnen, Herr von Maibaum", sagte Baron F., „Ihre Weine sind exquisit, die Pasteten vorzüglich, das ganze Arrangement unübertrefflich. Ich beantrage, Sie zum maitre de plaisir für die kommende Saison zu ernennen." „Ich nehme den Willen für die That an und danke verbindlichst," entgegnete Maibaum lächelnd. „Die Idee zu dieser Parthte ging von der Gräfin Barsoviee aus; ihr gebührt also das Lob." „Nein, nein", entgegnete Madeleine lebhaft, „die Idee, einen Ausflug zu Pferde zu unternehmen, stammt freilich von mir, aber dieses opulente Picnic verdanken wir der Güte des Herrn Maibaum." Sie erhob ihr Glas mit dem funkelnden Ungar und trank lächelnd dem jungen Manne zu. Diesem wallte dabei das Blut siedend durch die Adern und der Blick, den er von dem schönen Mädchen auffing, erhöhte noch seine Aufregung. Gewiß, Madeleine liebte ihn so innig, wie er sie liebte und er durfte auf eine glückliche Zukunft hoffen. Mehr als je bevorzugte Gräfin Varsovice an diesem Tage den jungen Mann, so daß es der Gesellschaft auffiel und manche Neckerei über den verliebten Juden ihr Ohr traf. So oft sie ein solches Wort vernahm, erröthete sie und warf dem Sprecher einen finsteren Blick zu; ihre Freundin machte sie aufmerksam, daß man sie beobachte — vergeblich; sie trieb ihr Spiel weiter und als man sich vom Tische erhob, trat Maibaum an sie heran und sagte: „Morgen schon thu' ich Schritte zur Taufe." Ein glühender Blick war sein Lohn. Zum Nachhauseweg wählte man eine andere Straße. Es war schon dunkel, als man aufbrach und da die Straße fortwährend hart an einem Abhange vorbeiführte, mußten die muthwtlligen Reiter ihren Uebermuth zügeln. Vorsichtig ritten sie ihren Weg dahin und das silberhelle Lachen der Damen klang durch den stillen Abend. Der Muthwtlligsten einer war Maibaum; sein Uebermuth kannte keine Grenzen. Obschon Emir in keiner guten Laune war, zwang er ihn zu allerlei Kunststücken, welche das Thier an anderen Tagen stets ohne Zwang auf seinen Befehl hin ausgeführt hatte. Heute verweigerte er zum ersten Male den Gehorsam und Maibaum mußte sehen, wie ein spöttisches Lächeln über das Antlitz der Mitglieder der Gesellschaft flog. Darüber entbrannte der Zorn des jungen Mannes und er schlug mit seiner Reitgerte in die Flanken des edlen Thieres. Dieses jedoch, solcher Behandlung ungewohnt, wurde wild und versuchte auf jeder Weise den Reiter abzuwerfen. Dabei kam es dem Abgrund immer näher und der Retter wurde immer aufgeregter. Die übrigen Reiter riefen ihm erschreckt zu, doch von der aefährlichen Stelle wegzureiten — vergeblich. Das Pferd ging nicht vorwärts. Nun sauste die Reitpeitsche auf das spiegelglatte Fell; Emir stieg kerzengerade in die Höhe, überschlug sich nach hinten und stürzte, den Reiter unter sich begrabend, in den Abgrund hinab. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Lippen der Damen; die Herren sprangen von ihren Pferden, näherten sich dem Abgrund und blickten angstvoll hinab. Sie sahen das Pferd regungslos daliegen; vom Reiter jedoch sahen sie nichts. Sofort kletterten einige Herren hinab, um womöglich zu helfen. Sie zogen mit aller Mühe den unter dem Pferde liegenden bewustlosen und bis zur Unkenntlichkeit entstellten