Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1893)
- Date
- 1893-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448397--37394-2485456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1673 Reiter hervor und legten ihn auf den Boden. Das Pferd schien zwei Beine gebrochen zu haben; es war verloren. Was aber fehlte dem Reiter? Hatte ihn der Tod ereilt mitten in dem Frohsinn des Lebens? Regungslos lag er da; unkenntlich war sein Antlitz. Da trat einer der Herren hinzu und hob das Augenlied; noch war das Auge nicht gebrochen; noch war Leben in dem Verunglückten; jetzt galt es, rasch Hilfe herbeizuholen. Einer der Herren theilte den Damen das Entsetzliche mit und erklärte sich bereit, dieselben nach Hause zu begleiten. Einige andere ritten nach dem Dorfe zurück, um Hilfe herbeizuholen, während ein dritter Theil bei dem Verletzten blieb und sich um ihn und um das Pferd mühete. Gräfin Madeleine hatte, als sie Roß und Reiter in die Tiefe stürzen sah, einen furchtbaren Schrei ausgestoßen und wäre vom Pferde gesunken, wenn nicht einer der Herren sie rechtzeitig gestützt hätte. Wie ein bleiches Marmorbild saß sie auf ihrem Pferde und wartete klopfenden Herzens auf Nachricht. Endlich kam einer der zur Hilfe Geeilten wieder und theilte ihr mit. in welch' gräßlichem Zustande Maibaum sich befinde. Ein Schauder ergriff sie bei der Beschreibung der Verletzungen, die er erlitten. Ein Beben überflog ihre zarte Gestalt, sie fuhr sich mit der Hand über die Augen und ihren Lippen entschlüpften die Worte: Finis, pauvre homme!*) Darauf gab sie ihrem Pferde die Sporen und sprengte der Gesellschaft nach. Anfangs war man wohl etwas stiller wegen des Unglücksfalles, aber bald hatte der jugendliche Uebermuth auch das Entsetzliche vergessen und als man in das Weichbild der Stadt einritt, scherzte Madeleine, als ob nichts vorgefallen wäre. Ihr Helles Lachen erklang noch eine ganze Weile später aus ihrem Boudoir. Sie hatte sich köstlich amüsirt. Die in das Dorf zurückgeeilten Cavaliere hatten rasch einige Bauern zur Hilfe bereit gefunden. Ein zufällig im Dorfe anwesender Arzt schloß sich ihnen an und ein Leiterwagen, auf dem man einige Bund Stroh gelegt hatte, brachte die Männer bald zur Unglücksstelle. Der Verunglückte lag noch ebenso, wie sie ihn verlassen hatten. Der Arzt trat sofort zu ihm heran, um ihn zu untersuchen Er konnte aber keine genauere Untersuchung vornehmen und veranlaßte nur, daß er vorsichtig aufgehoben, auf den Leiterwagen gebracht und in das Dorf zurücktransportirt wurde. Bei diesem Transporte erwachte der Verunglückte nicht aus der Ohnmacht, die ihn umfangen hielt. Besinnungslos wurde er auf den *) Fertig! Armer Kerl! Wagen gehoben und besinnungslos lag er jetzt auf dem einzigen Fremdenbett des Gasthauses, woselbst der Arzt ihn untersuchte. Er konstattrte einen Arm- und Beinbruch und eine Gehirn- und Rückenmarkserschütterung, sowie einige innere Verletzungen, die den Transport zur Stadt lebensgefährlich und somit unmöglich machten. Die Verletzungen erwiesen sich als solche, daß sie an einem Aufkommen des Verletzten zweifeln ließen. Nachdem die Cavaliere, so gut wie sie vermocht, für die Pflege des Verunglückten gesorgt hatten, begaben sie sich auf den Heimweg. Baron N. ließ durch seinen Diener in der Wohnung Maibaums Bescheid sagen und damit war diese unangenehme Affaire für jene Herren erledigt. Schon am folgenden Morgen brachten die Zeitungen ausführliche Berichte über das Unglück. Gabriel erschrack, als er die Notiz las und suchte vor allen Dingen zu verhüten, daß die Eltern etwas davon erfuhren. Dann ließ er ich einen Wagen anspannen und fuhr in das Dorf hinaus, um für den Unglücklichen zu sorgen. Er nahm den alten langjährigen Hausarzt mit, um unter dessen Obhut den Patienten in die Stadt transportiren zu können und versah sich mit allem, was in einem solchen Falle nöthig werden konnte. In einer Stunde hatte man das Dorf und das Gasthaus erreicht. Erschüttert stand Gabriel vor dem Lager des Unglücklichen, der die Besinnung noch nicht wieder erlangt hatte. Peinlich genau und gewissenhaft untersuchte der Arzt den Verletzten und kam zu demselben Ergebniß wie sein College Tags zuvor. Ab eine Übersiedelung in die Stadt war nicht zu denken, da der besorgnißerregende Zustand des Kranken die absoluteste Ruhe erheischte. Eine Genesung hielt der Arzt nicht für ausgeschlossen, wenn auch für die Möglichkeit einer solchen bis jetzt nichts sprach. Natürlich mußte man eine ganz vorzügliche Pflege dem Kranken angedeihen lassen und dazu würde außer einem gut geschulten Warlepersonal die Mutter des Kranken sich am besten eignen. „Aber", sagte der Arzt, „Herr Maibaum lebte nicht im besten Einvernehmen mit seinen Eltern. Glauben Sie, daß die Mutter trotzdem —" „Ich glaube es nicht nur, nein ich bin fest davon überzeugt, daß die Mutter, sobald sie es erfahren hat, an das Schmerzenslager ihres einzigen Sohnes eilen und seine Pflege nicht fremden Händen überlassen wird. Es ist nur eine heikle Sache, den Unglücksfall den Eltern mitzutheilen." „Und doch muß es geschehen und Ihnen fällt diese Ausgabe zu." Gabriel erwiederte nichts. Nachdem'der Arzt seine Anordnungen getroffen und Gabriel sich ver-