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Der Israelit · 1893-11-02 · Heft 87 (2.11.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 87 (2.11.1893)
Date
1893-11-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1653 Gräfin Madeleine saß auf einem Schaukelstuhle in dem kleinen Salon, in dem sie ihre näheren Bekannten zu empfangen pflegte. Ihr gegenüber saß auf einem niedrigen Sessel Maibaum. Die Unterhaltung, die sie führten, mußteeine sehr interessante sein, denn die Wangen des jungen Mannes glühten, während das kleine Füßchen der Gräfin unaufhörlich in dem kostbaren Tiegerfelle wühlte. „Sie sind ein Schwärmer, Maybaum", sagte jetzt das junge Mädchen, kokett den Blick auf ihr gegenüber werfend. „Wenn ich Ihren Worten glauben sollte, müßte ich ja ein Ausbund von Schönheit, Tugend und Liebenswürdigkeit sein." „Für mich sind Sie die schönste, tugendhafteste und liebenswürdigste der Welt, für die ich bereit wäre, mein Leben zu opfern." „Habe ich nicht Recht? Sie schwärmen. —" „Ich schwärme nicht, Gräfin. Was ich Ihnen sage, ist der wahre Ausdruck dessen, was ich empfinde, und ich bedaure nur, daß ich nicht das Recht habe, ganz so zu sprechen, wie mein Herz empfindet." „Sie bedauern es? Ich finde es sehr gut. Am Ende ginge Ihr Herz mit Ihrem Verstand durch und Ihr Mund würde Dinge sprechen, die besser ungesprochen bleiben." „Warum sollte der Mund nicht aussprechen dürfen, was das Herz bewegt." „Weil es gar zu süß ist, ein unausgesprochenes Geheimniß mit einander zu haben." „Wie, war es möglich, sie wissen, wie ich Sie liebe und Sie —" „Ich weiß, daß Sie ein ganz lieber Mensch sind, den man sogar heirathen könnte, wenn er kein Jude wäre", entgegnete Madeleine ihn voll ansehend. „O, Madeleine", rief er aus, „Sie machen mich zum Glücklichsten der Sterblichen; darf ich hoffen, wenn ich die Taufe —" „Sie dürfen mich morgen nach R. begleiten, wohin wir einen Ritt unternehmen. Baron M. und seine Brüder, die Comtessen V. und W. werden mit von der Parthie sein. Und nun gehen Sie, au revoir.“ Der junge Mann entfernte sich, nachdem er einen Kuß auf ihre schlanke Hand gehaucht hatte. Er war überglücklich. Seine kühnsten Träume waren ihrer Verwirklichung um ein Erklekliches näher gerückt, denn die Bedingung, welche die Gräfin ihm gestellt hatte, war er bereit, sofort zu erfüllen. Was war die Taufe für ihn! Ob die paar Tropfen Wasser sein Haupt benetzten oder nicht, war einerlei; mit dem Judenthum hing er doch schon lange nicht mehr zusammen; längst hatte er sich von allem losgelöst, was das Judenthum angtng; die Taufe war also nur eine Consequenz seines jetzigen Lebens, die letzte, vor der er nicht zurückschreckte. Hastig eilte er durch die Straßen, hie und da einen Bekannten grüßend. Es trieb ihn nach Hause. Er mochte jetzt mit Niemand sprechen, und als er um die nächste Straßenecke bog, kam ihm ein leerer Wagen entgegen. Er rief den Kutscher an, stieg ein und in scharfem Trabe flog das Gefährt die Straße hinab, seiner Wohnung zu. Drei Jahre sind eine kurze Zeit für den, dessen Leben glatt dahineilt, wie der Spiegel des durch blühende Fluren und grünende Wiesen dahineilenden Bächleins. Er merkt nicht, wie sie entschwinden, man merkt es ihm nicht an, daß ste entschwunden. Wo aber Gram und Kummer am Herzen nagen, da graben sie ihre Runen ein und jeder Tag hinterläßt seine Spur, und wenn die Jahre um sind, dann haben Gram und Kummer ihr Werk verrichtet. Hohl und eingefallen sind die Wangen, gebeugt ist die Gestalt, gebleicht das.Haar, gesunken der Muth und einer wandernden Ruine gleich, schleicht der Mann durch's Leben. Wer Löb Maibaum und seine Frau vor drei Jahren gesehen hatte, und wer sie heute wieder sah, konnte sie nicht wieder erkennen. Furchtbar hatten Kummer und Sorge, um ihren einzigen Sohn an ihrem Leben genagt und ihre Zeichen ihnen in's Antlitz gegraben. Sie hatten ihren Sohn, ihr einziges Kind verloren und sie durften und konnten sich nicht freisprechen von Schuld. Hätte der Tod ihnen den Sohn geraubt, so daß er jetzt den Schlaf des Gerechten in der kühlen Erde schlummerte, so wäre das ein hartes Schicksal gewesen, aber sie hätten sich darein gesunden, denn gegen die Schickungen Gottes murren wir Juden nicht; sie sind ein Ausfluß Seiner väterlichen Liebe und sind, wie alles, was von ihm kommt, nur zu unserem Besten. Aber ihr Sohn lebte und trotzdem war er für sie verloren! Sie konnten ihn täglich sehen und trotzdem war er ihnen ein Fremder. Sie hatten ihn verloren durch eigene Schuld. Ihre allzugroße Liebe zu ihrem Kinde war lediglich Schwäche gewesen und diese Schwäche war es, die ihnen den Sohn geraubt. Zahllose Thränen und durchweinte Nächte brachten ihr Kind nicht zurück, und als nun gar das Gerücht ging, ihr Sohn wolle oder habe sich schon taufen lassen, um eine Gräfin zu heirathen, da warf sie der Schlag nieder. Nur langsam erholten sie sich. Wohl genasen sie, aber ihre Lebenskraft war gebrochen und Gabriel erfüllte alle die Pflichten an ihnen, die ihr eigener Sohn hätte erfüllen sollen. Er führte das immer noch ausgedehnte Geschäft fast ganz allein, pflegte und tröstete seine Pflegeeltern und wußte stets, wenn der gerechte Zorn gegen den verlorenen Sohn aufwallte,

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