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Der Israelit · 1893-10-30 · Heft 86 (30.10.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 86 (30.10.1893)
Date
1893-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTV. Jahrgang. Beilage ju M 86 örs „Israelit“. Literarischer Wericht. Jüdische Leid-n. Von Prof. Dr. Walter Pohlmann, Neuwied-Berlin 1893. Heuser. 8. Der Vers. der Schriften „Das Judenthum und sein Recht" und das „Judenthum und seine Feinde", die so berechtigtes Aufsehen erregt und schnell einen großen Leserkreis sich erworben haben, tritt wiederum auf den großen Plan als edler Kämpfer für eine unterdrückte Menge, mit überzeugendem Worte die Niedrigkeit und Gemeinheit der antisemitischen Bewegung und die tiefen Schäden, die dieselbe der Kultur und dem Fortschritte und dem Ansehen des deutschen Vaterlandes schlägt, nachweisend. Zuerst geht der Verf. auf die Geschichte des Antisemitismus ein und zeigt, wie sorglos man diese Seuche hat stets weiter um sich greifen lassen, bis sie nun zu einer Bewegung herangewachsen ist, welche der gefährlichsten Demagogie, die sich gegen jeden Besitz und jede Autorität wendet, nicht das geringste nachgibt. Während sich alles zusammenthut, sobald eine physische Gefahr im Anzuge ist, ihr den Eingang zu wehren, hat man bei dieser psychischen Gefahr, welche die Seelen vergiftet, ruhig und sorglos sich verhalten und nichts gethan, dem Umsichgreifen des Giftes zu wehren. Die aber auftraten, der Gefahr zu wehren, die Wasser herbeitrugen, den ausgebrochenen Brand zu löschen, was mußten diese ertragen! Spott? Wäre es nur Spott gewesen! „Was sich an Gemeinheit und Bosheit in Tinte und Druckerschwärze zum Ausdruck bringen läßt, das bleibt den Leuten nicht erspart, die aus ihr Banner den Wahlspruch geschrieben haben: „„Gleiches Recht für alle."" Ganz natürlich. Jene rohe Horde der Antisemiten, die von Existenzen geleitet werden, welche zum größten Theil Schiffbruch im Leben gelitten, deren einziger Beweggrund für ihr Handeln Egoismus, Interesse ist, wie sollten die sich zu der hohen Idee aufschwingen können zu glauben, daß es Menschen gäbe, welche einzig und allein dem Guten um des Guten willen dienen. Es hieße wirklich Unmögliches verlangen, da eben kein Mensch aus seiner eigenen Haut heraus kann, von jenen Menschen den Glauben zu fordern, es schriebe einer zu Gunsten der Juden, ohne dafür klingenden Lohn etnzustreichen. Im Verfolg der Entwickelung des Antisemitismus zeigt nun der Vers., wie weit wir gegen das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts zurück sind. „Wir reden so gerne von der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts und von der christlichen Liebe; und doch sind diese beiden Begriffe so weit davon entfernt, mit der Wirklichkeit im Einklang zu stehen, daß der Philosoph sich eines schmerzlichen Lächelns nicht erwehren kann, sobald er diese Worte nennen hört. Es steckt in uns ein gut Theil unangenehmer Heuchelei und verderblich wirkender Selbstgerechtigkeit. Wäre unser neunzehntes Jahrhundert wirklich eine Zeit wahrer Kultur und christlicher Liebe, so wäre es nimmermehr möglich, daß die Leute, die sich nach dem Stifter der christl. Religion nennen, friedliche Mitbürger verfolgen, weil sie anderes Glaubens und anderes Stammes sind. „Wir sehen mit Geringschätzung auf das vorige Jahrhundert zurück; wir nennen die Zeit unserer Urgroßväter die Zopfzeit und halten uns für bester als die Zeitgenossen unserer großen klassischen Dichter, an deren Spitze ein Lesstng steht. Und doch lebten in der Seele dieser geschmähten Zopfträger hohe Ideale, die leider heute fast zu wesenlosen Schatten dahtngeschwunden sind. Unsere Urgroßväter schwärmten für eine Verbrüderung aller Völker auf Erden und nannten sich mit Stolz Weltbürger. Heute ist das Weltbürgerthum leider sehr in Verruf gekommen. Das übertriebene Nationalitätsgefühl, das allenthalben immer schlimmere Formen annimmt, hat den Begriff des Weltbürgerthums fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt." — Dieses Weltbürgerthum wiedrspricht durchaus nicht der Liebe zum Vaterland; man kann sein Vaterland über alles lieben, ohne daß man nach chauvinistischer Art auf alles Fremde mit Verachtung herabsieht. Der Verf. weist dann nach, wie das geeinte Deutschland in sich in Parteien, Jnteressegemeinschaften zerklüftet ist, und wie man dann noch eine Kluft zwischen „Ariern" und „Semiten" geschaffen habe, wie man also die Früchte, welche die Einigung bringen sollte, sich selbst vereiteü. Wir sind noch weit zurück; wer unser Jahrhundert das der Aufklärung nennen wollte, der denke an den Spiritismus, wie dieser Aberglaube einer alten heidnischen Zeit unzählige Menschengemüther beherrscht und deren Geist trübt. Der Antisemitismus ist auch eine solche Wahnvorstellung, in ihm lebt der alte Hexenglaube wieder auf, dem er aus ein Haar gleicht. Der Antisemitismus hat wette, weite Kreise erfaßt, die moralische Vergiftung zeigt überall im Leben traurige Spuren. Und so schließt der Verf. den ersten Theil der Schrift mit dem Mahnworte: „Daher ergeht an alle wahren Freunde des menschlichen Fortschritts die wiederholte Aufforderung, ihrerseits dieser schrecklichen Bewegung nicht mehr

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