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Der Israelit · 1893-10-30 · Heft 86 (30.10.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 86 (30.10.1893)
Date
1893-10-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1637 Die Mutter erzählte von dem Knaben, den der Vater nach Hause gebracht und den sie behalten wollten. Dem Sohn schien alles recht zu sein; er hörte nur halb auf das, was die Mutter sagte da er sehr ermüdet war, und als sie geendet, sagte er rasch und unvermittelt: „Mutter, ich brauche Geld." „Schon wieder, mein Sohn! Ich habe Dir ja gestern dreihundert Gulden gegeben." „Dreihundert Gulden! Welche Summe! Das brauche ich, Mütterchen, wenn ich bei meinen Freunden bin, in einem Tage." „Du hast theuere Freunde, mein Sohn" entgegnete die Mutter; „so leicht wird das Geld nicht verdient. Man muß sparsam sein!" „Wenn ich älter bin, Mutter, werde ich sicher sparsam. Du willst doch, daß ich in seinen Kreisen verkehren soll, und dieser Verkehr, mein Mütterchen, kostet Geld, vieles Geld. Die Herren Offiziere gehen nicht gerne mit Leuten um, die gewohnt sind ein Goldstück zu betrachten, ehe sie es ausgeben." „Und warum willst Du gerade mit solchen Leuten verkehren?" „Weil ich mein Leben genießen will, wie es einem Menschen zukommt, der in der Vermögenslage ist, in der wir sind. Was hat der Vater, was hast Du liebe Mutter vom Leben? Nichts wie Arbeit und Mühe. Da ihr das Leben nicht genießen könnt und nicht genießen wollt, so laßt mir dieses Vergnügen." „Und das Ende?" fragte bang die Mutter. „Das Ende, daß ich mit den Leuten bekannt werde und mein Geld auf leichtere Weise verdienen kann, als Du und der liebe Vater." „An dem leicht verdienten Geld ist keine Berocho“, erwiederte die Mutter. „Es heißt desejas apecho, im Schweiße Deines Antlitzes. —" „Ja, liebe Mutter, das galt für alte Zeiten, heute jedoch." „Heute heißt es ogil weesmach," tönte die Stimme Gabriels unvermuthet dazwischen. Beide sehen sich nach dem unberufenen Sprecher um und während die Mutter stirnrunzelnd sagte: „Du Naseweis, sollst schweigen, bis man Dich fragt", sagte der Sohn. „Ei, da ist 'ja auch meine Bekanntschaft von heute Morgen. Rabbi Löb Maibaums Haus findet jeder Schnorrer." „Ich bin kein Schnorrer", versetzte der Knabe, „ich will arbeiten und deßhalb hat mich der Herr mit nach Hause genommen." „So bist Du der Schlingel, von dem die Mutter mir erzählt hat. Na, sei brav und Du wirst's bei den Eltern gut haben." „So, Ihre Eltern sind das, und Sie, der feine Soldat sind der Sohn. Nun mög Lasedem Jisborach die Eltern gesund erhalten bis hundert Jahr." „Und ich?" „Ihr seid so a feiner Soldat, ihr werdet Euch schon selber helfen." „Meinst Du?" erwiederte lächelnd der Sohn, „nun will ich's versuchen." Die Mutier schalt ihn wegen dieses Hochmuthes und sträflichen Selbstvertrauens, aber sie war schwach genug, ihm wieder und immer wieder Geld zu geben. Sie wußte nicht, welch' ausschweifendes Leben ihr Sohn führte: denn seit er beim Militär war, wohnte er nicht mehr bei den Eltern, sondern hatte sich eine entzückende Junggesellenwohnung in der Nähe der Kaserne eingerichtet. Dadurch war er vollständig frei in seinem Verkehr und die noblen Herren und die schönen Damen, die nun bei ihm ein- und ausgingen, brauchten nicht die kritisch scharfen Blicke seiner Eltern zu fürchten. Als er die verlangte Summe von der Mutter in Händen hatte, ging er in das Comptoir zu seinem Vater, um mit diesem Geldgeschäfte, die er für seine Freunde vermittelte, zu ordnen. Löb Matbaum war ein sehr reicher Mann, der sich durch Fleiß und Sparsamkeit sein bedeutendes Vermögen erworben hatte. Er hatte große Militär- und Marinelieferungen und auch einen ziemlich bedeutenden Grundbesitz. Dabei war er streng reell und rechtlich und sowohl er wie auch sein Sohn genoffen in den Kreisen des high-life unbegrenztes Vertrauen. Großen Kummer bereitete es den Eltern, daß ihr einziger Sohn in religiöser Hinsicht nicht in ihre Fußtapfen trat, aber sie waren ihm gegenüber zu schwach gewesen, als er noch jung war, und jetzt war es zu spät ihn zu erziehen, sie -mußten froh sein, daß er nicht noch schlimmer war. So rächt sich elterliche Schwäche in der Erziehung der Kinder. Elastischen Schrittes verließ der junge Mann das Comptoir seines Vaters. Er hatte eS bei diesem durchzusetzen gewußt, daß er er ein Zweigcomptoir in seiner Wohnung errichten und auch auswärts speisen konnte Er wollte wohl noch täglich im Elternhaufe vorsprechen, aber geschäftliche Angelegenheiten sollte der Vater ihm nach seinem Militärdienst allein überlaffen und sich mit einer monatlichen Bilanz begnügen. Der Vater, dem die Geschäfte des Sohnes kein besonderes Vergnügen bereiteten, trotzdem sie in jeder Hinsicht reell und ehrenhaft waren, war endlich damit einverstanden und so war

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