Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1893)
- Date
- 1893-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448395--37352-2485412- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
über dieselbe hinwegsetzen. Das ist ein unerträglicher Widerspruch, eine Verletzung der Wahrhaftigkeit, die nicht von Segen sein kann, die uns die nichtjüdische Welt bereits öffentlich zum Vorwurf macht, die sich schon bitter gerächt hat und uns noch viel zu schaffen machen wird, wenn wir nicht schleunig, soweit es an uns ist, diesen Mißstand abstellen. Es müßte wunderbar zugehen, wenn eine ehrliche, entschiedene Vertretung dieses Standpunktes nicht den gewünschten Erfolg hätte. Freilich genügt es nicht mit einer laxen einmaligen Erwähnung dieses Gegenstandes, der man's allenthalben ansieht, daß sie nnr erfolgt, um einer unabweisbaren Pflicht genügt zu haben. Nicht einmal, hundertmal müßte diese Wahrheit bei jeder Gelegenheit in allen Variationen mit aller Innigkeit und Begeisterung wiederholt werden — und sie wird todtgeschwiegen! Es haben in Deutschland und sonst wiederholt Besprechungen und Versammlungen von Rabbinen und Notablen verschiedenster Richtungen stattgefunden, die lediglich der Berathung über Mittel und Wege galten, welche der Agitation der Schechita gegenüber einzuschlagen sind. Ob dieser hier vertretene Standpunkt bei diesen Anlässen zum Ausdruck kam, davon ist nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen. Hoffentlich ist es geschehen. Ist es aber nicht geschehen, dann wäre es gewiß dringende Pflicht das Versäumte so rasch und so entschieden als nur eben möglich nachzuholen. Es müßte ein ganz anderer Segen auf allen diesen Berathungen ruhen, wenn zur Bekämpfung der Agitation gegen das Schächten, eine Agitation für das Schächten, eine Agitation gegen den Genuß von nniDN nteNö, in unseren eigenen Reihen als erstes Mittel erkannt und anerkannt würde, wenn sich diejenigen, welche der guten Sache durch eine wirksame Vertretung nach außen dienen wollen, sich gegenseitig verpflichteten, in ihrem eigenen Kreise mit Aufgebot aller Kraft dafür eintreten zu wollen, daß diese himmelschreienden, inneren Schäden aufhören. — Erst wenn dieses geschehen ist, hätten wir ein Recht über die Schritte zu beratheu, um der Schechita auch bei ihren nichtjüdischen Verächtern Würdigung und Anerkennung zu verschaffen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten nud Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 22. Okt. Gestern starb hier nach schwerer Krankheit im 53. Lebensjahre der Rechtsanwalt Dr. Heinrich Wolfs kehl. Er gehörte zur demokratischen Partei und war Jahre lang Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, wie des Provinzialausschusses. Wolfskehl wurde in Mainz vom Volke nur der „ehrliche Heinrich" genannt, und diesen Namen verdient er; der Dahingeschiedene war ein reiner Charakter und von großer Herzensgüte. Heute fand das Begräbniß statt, an dem sich nicht nur die Kollegen Wolfskehls und seine Glaubensgenossen betheiligten, sondern auch der Oberbürgermeister Dr. Oechsner und Provinzialdirektor Rothe als Vertreter der Regierung; Angehörige aller Konfessionen befanden sich in dem Trauerzuge. Mainz. 27. October. Wie berechtigt unser Vorgehen gegen die versteckt antisemitische Presse ist, geht aus dem Hannoverschen Sp'el- und Wucherprozeß, der von der Presse aller Parteien mit großer Spannung verfolgt wird, deutlich hervor. Daß die ausgesprochen antisemitische Presse daraus eine das Judenthum compromittirende Affaire zu machen mit aller Kraft bestrebt ist, das wird Niemanden Wunder nehmen und das schadet auch Gottlob dem Judenthume nichts, stehen doch die in dem Prozesse eine Rolle spielenden jüdischen Angeklagten auf einer so niedrigen gesellschaftlichen Stufe, sind vielfach vorbestrafte Subjekte, daß jeder halbwegs vernünftige Mensch sich sagen muß, diese Leute haben mit dem Judenthum nichts zu thun. Wenn aber die heimlich antisemitische Presse mit ihren zahllosen jüdischen Abonnenten berichtet: angeklagt sind nur die Herren So und So, sämmtliche übrigen Angeklagten sind natürlich wieder Juden und wie die hämischen, scheinbar harmlosen Bemerkungen alle lauten, so ist dabei am Meisten zu bedauern, daß einer solchen Presse von unseren Glaubensgenossen nicht die gebührende Antwort durch Abbestellungen ihrer Abonnements und Inserate gegeben wird. Königsberg i. Pr., 25. October. Eine alberne Verhöhnung des Reichskanzlers wird von Dresdener Radauanttsemiten durch „Politische Bilderbogen" getrieben, die nach ganz Deutschland verschickt werden. Da stellt z. B. ein Bild dar. wie die Juden Cahn und Cohn unter dem Schutze Caprivis in Deutschland ungehindert betrügerische Bankerotte ins Werk setzen. Auf einem anderen Blatte stellt der Text den Reichskanzler als einen Ignoranten dar, weil er nicht verstehe, daß jemand Staatsmann und Landwirt zu gleicher Zeit sein könne. Das sind noch keineswegs die frechsten unter den Ausfällen. Der Verleger der Bilderbogen, Dewald, hat sich bekanntlich den Scherz gemacht, in dem gegen ihn eingeletteten Strafverfahren wegen Reichskanzlerbeleidigung die Ladung des Fürsten Bismarck als Sachverständigen zu beantragen; Fürst Bismarck solle beurteilen, ob staatsleitende und landwirtschast-- liche Thätigkeit gleichzeitig von jemandem betrieben werden können, ohne daß eine von beiden leidet.