Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-10-30 · Heft 86 (30.10.1893) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 86 (30.10.1893)
Date
1893-10-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448395--37351-2485411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1632 Gäste an christlichen Tafeln ausgesetzt sind, so daß es nicht nöthig ist, einzelne Belege dafür anzuführen. In einem Lande wie die Schweiz, wo der Fremdenverkehr wie vielleicht nirgends sonst entwickelt ist, ließe sich aus der Zusammenstellung solcher Fälle ein ganzes Buch füllen. Leute, die sonst Jahre lang sich nicht mehr um ibo und pid-ib gekümmert haben, frequentirten dieses Jahr die jüdischen Restaurationen in der Schweiz, weil die Provocationen, die sie an nichtjüdischer table d’höte zu erdulden hatten, unerträglich waren. — Zwei Tage vor der Schweizerischen Abstimmung über das Schächten, erließ der Vorstand des Berner Thierschutz-Vereins folgenden Aufruf: „Die Schlachtsrage, welche am 20. August dem Schweizervolke zur Abstimmung vorgelegt wird, wurde von unfern Gegnern, den Rabbinern und ihren Bundesgenossen, en Ultramontanen, gewaltsam in das religiöse Gebiet hinübergezogen, weil ihnen dies, obgleich unrichtig, am meisten Erfolg versprach. Man will unser Volk glauben machen, durch Bejahung der Frage werden die Israeliten in ihren religiösen Gefühlen auf das Tiefste verletzt. „Wie weit dies richtig sei, davon kannsich Jede rüberzeugen, der dieKur- und Badeorte, dteHotels, ia sogar nur Speisewirthschaften besucht. Ueberall kann er da zahllose Israeliten sehen, die an der gleichen Tafel mit den Christen ohne jeden Skrupel nicht koschere Speisen verzehren, sogar solche, die von einem gewissen, ihnen geradezu verbotenen, Thierchen stammen. „Es ist daher im Grunde nicht das hebräische Volk, welches sich unfern Bestrebungen widersetzt, sondern einzig ihre Priester, die Rabbiner, welche fürchten, durch Nachgeben etwas von ihrer unbeschränkten Macht über ihr Volk einzubüßen." Angemerkt verdient zu diesem Aufruf nur noch zu werden, daß der Präsident des Berner Thierschutzvereins Inhaber eines der ersten Hotels ist, das fast von allen jüdischen Geschäftsreisenden frequenttrt wird! Wie tief muß die Abneigung gegen die Theilnahme jüdischer Gäste an christlichen tadle« d'hote sein, wenn ein Hotelier selber so ge-^en sein pecuniäres Interesse spricht! Eine ähnliche Expcctoration des „Zofinger Tagblattes" druckte Me „Basellundschaftliche Zeitung" mit dem Zusatz ab: „Wir haben anläßlich des letzten Lieftaler Jahrmarkts genug Gelegenheit gehabt, Juden ungeschächtetes Fleisch essen zu sehen." Es ließe sich noch eine ganze Fülle ähnlicher Aeußerungen anführen, aber das bisherige dürfte genügen um zu constatiren, daß man kein Geheimniß ausplaudert, wenn man diesen Jammer öffentlich zur Sprache bringt. Daß die Wortführer der Judenheit dennoch so selten und so ungenügend ihr Wort in den Dienst dieser wichtigen Angelegenheit stellen, daß sie dieses Gebühren nicht nur nicht öffentlich, sondern auch in ihren Synagogen und Versammlungen nicht mit der ganzen erforderlichen Schärfe geißeln, daß sie es zum Theil noch nie erwähnt haben, hat seinen Grund in einer Feigheit, Augendienerei und einem Haschen nach Popularität, die noch widerlicher sind, als die zu rügenden Mängel. Lorbeeren sind ja für Niemanden zu holen, der die Dinge und speciell diese Dinge ungeschminkt beim rechten Namen nennt. Es sind bittere Wahrheiten, die Niemand gerne hört, die Demjenigen, der sie mit dem erforderlichen Ernst vertritt, leicht den Ruf eines Fanatikers und Zeloten etnbringeu. Aber es ist und bleibt doch eine große Erbärmlichkeit die Wahrheit aus solchen kleinlichen Erwägungen zu unterdrücken, wo ihr rückhaltloses Aussprechen eine solch erlösende That bedeutet! Welchen ungewöhnlichen Erfolg müßte es doch haben, wenn gerade diejenigen Rabbiner, Prediger, Lehrer und Vorstände, die sonst mit ihrem ganzen Leben nicht ans dem Boden des gesetzestreuen Judenthums sich bewegen, wenn diese vor ihren Brüdern, deren Vertrauen sie genießen, mit der Wahrheit nicht länger Versteck spielten und die Dinge aussprächen wie sie eben sind! Sw brauchten um der Wahrheit redlichen Ausdruck zu geben, sich nicht einmal in Gegensatz mit ihren sonsilgeu Principien und Anschauungen zu setzen, wenn sie den Thatsachen entsprechend erklären: Man kann von der Verbindlichkeit der Satzungen über ibo und denken wie man immer will, wie aber die Dinge heute liegen, fordert in unseren Tagen der esprit du corps deren gewissenhafteste Beobachtung im Hause und noch mehr im direkten Verkehr mit der Außenwelt, aus Reisen. Heutzutage braucht sich kein Jude mehr zu schämen zu essen, heute ist es erne Schande neiö zu essen, heute ist es Ehrensache für jeden jüdischen Mann, durch Beobachtung der jüdischen Speisegesetze öffentliches Aergerniß zu vermeiden. So gewiß ein jüdischer Wucherer oder Betrüger die Sache der gesammteu Judenheit bitterbös schädigt, so gewiß thut es Mit Rücksicht auf dre Agitation gegen die Schechtta jeder, der sich mit ostentativer Geringschätzigkeit persönlich über dasjenige hinwegsctzt, das wir nur aufrecht erhalten können, durch den Hinweis aus die Religions- und Gewissensfreiheit, welche durch ein Schächtverbot verletzt wird. Man kann eben nicht auf der einen Seile den Behörden gegenüber für die Schechita sich begeistern, für sie petitiontren und sonst eintreten, und auf der andern Seite sich selber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.