Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1893)
- Date
- 1893-10-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1621 und seiner glänzenden, sozialen Stellung ein für alles Jüdische warm fühlendes Herz erhalten. Als vor ca. 3 Jahren noch Niemand in Rußland an eine Bedrohung der Schechita dachte, sah er sie durch seine in die höchsten Petersburger Kreise reichenden Beziehungen bereits herannahen und machte sie und das Schlachten der Thiere überhaupt zum Gegenstand einglhender physiologischer Studien. Sein eifriger Wissensdrang, verbunden mit einem ungewöhnlichen Scharfsinn und vielseitiger Gelehrsamkeit führte ihn bald zu überraschenden Entdeckungen, die sämmtlichen Physiologen, die sich bis jetzt über diese Frage geäußert, entgangen waren. Als nun im vorigen Jahre die Thierschutz- Vereine die Schächtangelegenheit auf ihre Tagesordnung setzten, hatte er durch frühere diesbezügliche wissenschaftliche Mitthetlungen in der Gesellschaft der Petersburger Aerzte die allgemeine Aufmerksamkeit bereits in dem Maße auf sich gezogen, daß er in die Kommission zugezogen wurde, welche zur Feststellung des besten Schlachtverfahrens eingesetzt worden war. Hier vertrat er nun die Sache der Schechita mit solcher Wärme und solchem Geschick, daß er auf dem allgemeinen Thterschutz-Congreß in St. Petersburg als Referent ernannt wurde. Vor mehr als 600 Personen trat er hier für das jüdische Schlachtverfahren ein, beleuchtete dessen Vorzüge, zeigte die Mängel der übrigen üblichen Schlachtmethoden, alles nur vom rein wissenschaftlichen Standpunkte ohne jede Rücksichtnahme auf das religiöse Moment und trug so über die Gegner des Schächtens einen vollständigen glänzenden Sieg davon. Die nach jeder Seite hin hochinteressanten Berichte hat Dr. Dembo in einer in russischer Sprache erschienenen Broschüre zusammengeftellt, die soeben auch unter dem Titel ncmn nvae in hebräischer Sprache erschienen ist. Demnächst soll auch eine Ausgabe in deutscher Sprache erfolgen mit neuen Zusätzen des illustren Verfasser». Dieser die kühnsten Erwartungen überfteigendc Erfolg hat Herrn Hofrath Dr. Dembo zum Gegenstand der allgemeinen Dankbarkeit, Hochachtung und Verehrung im jüdischen Rußland gemacht. Aber seine Mission ist noch nicht beendet. Es fehlt nicht an Gegnern nicht so sehr des Schächtens als der Schächter d. h. der Juden. Diese, welche sich in ihrer sicheren Hoffnung aus ein Schächlverbot durch das Auftreten eines gelehrten jüdischen Arztes getäuscht sehen, gaben ihre Sache nicht so leichten Kaufs verloren. In einigen Monaten soll ein zweiter allgemeiner russischer Thierschutz-Congreß in Warschau stattfinden. Da bet dieser Gelegenheit das inzwischen erfolgte Schächtverbot in Sachsen und in der Schweiz, jedenfalls gegen die Schechita in Rußland tn's Treffen geführt wird, so hat sich Herr Dr. Dembo selber nach Sachsen und in die Schweiz begeben, um die Verhältnisse dort auS eigener Anschauung kennen zu lernen. Diejenigen, welche bei dieser Gelegenheit die Ehre hatten, mit dem gefeierten Retter der Schechita in Rußland in persönlichen Verkehr zu treten, bedauern schmerzlich, den weisen Rath und die tiefe Einsicht dieses Mannes nicht damals zur Verfügung gehabt zu haben, als die Entscheidung der Schechita in der Schweiz bevorstand. Ich selbst war seiner Zeit leider erfolglos bemüht unsere maßgebenden Kreise für die Berufung dieses Mannes zu gewinnen. Heute darf man sich sagen: Es hat nicht sollen sein. — In Rußland, wo die Schechita in den jüdischen Gemeinden die Stellung und Beachtung einntmmt, die ihr gebührt, in Rußland ließ die Vorsehung zur rechten Zeit den rechten Mann erstehen, der die Anschläge vereitelte, welche die Gegner der Schechita ersonnen hatten. In Sachsen und in der Schweiz, wo dies leider nicht der Fall ist, blieb uns dieser rettende Schutz aus und wird so lange ausbleiben, bis wir nicht selber wieder hinsichtlich der Schechita und Bedika und der Beobachtung der Speisegesetze zu unserer von Gott gebotenen Pflicht ohne jeden Rückhalt zurückkehren. (Fortsetzung folgt.) ZeitrrngSrrachrichten and Eorrefpoadeazea. Deutschland. Berlin, 18 Oktober. In der ersten Nummer der „Deuschen Herrenzeitung" veröffentlicht Professor Karl Bleibtreu einen Aufsatz „Nationale Voruriheile", aus welchem folgende Sätze für unsere Leser von Interesse sein dürften: „Alle Untugenden, die man den Juden ausschließlich andichtet, entsprechen nicht der altjüdischen Geschichte, wo dies religiöse Hirtenvolk vom Handeltreiben nichts wußte und nicht den Phöniziern, sondern den Arabern glich. Umsonst, nach allgemeinen Gesichtspunkten nationaler Begriffe zu heischen. Wir sind allzumal Menschen und mangeln des Ruhmes. Der höher geartete Mensch findet seine moralische Befriedigung in Erkenntniß der Wahrheit und Erfüllung der Gerechtigkeit. Daß dieser Trieb mächtig in der menschlichen Natur, zeigt die leidenschaftliche Wärme, mit welcher die Nachwelt sich der Verkannten annimmt, an denen ihre Mitwelt gesündigt. Leider kommt solche Sühne oft zu spat; das ist der Lauf jder Welt. Wer die Berechtigung der antisemitischen Bewegung leugnet, setzt sich bösem Verdachte aus. Nur Verblendete oder Mitschuldige können leugnen, daß ein idealer Trieb (!) die Bewegung leitet, aller Auswüchse unbeschadet. Derlei Ausartungen hat jede Religion, Reformation, Revolution aafzuweisen. Die spanischen Inquisitoren wie die Schreckensmänner handelten in gutem Glauben. Anders steht die Sache, falls man nach Wahrheit forscht u»d ein gerechtes Urtheil schöpfen will. Da heißt es, nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Wenn die Antisemiten allen Ernstes alle Juden verfehmen wollen, so müssen sie erst Nachweisen, daß alle Jude schuldig sind, oder wenigstens,