Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1893)
- Date
- 1893-10-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1622 —.---.-771—^-"- daß das Judenthum als Prinzip für alle Makel unsrer Epoche verantwortlich sei, gelingen? Was heißt deutsch? Richard Wagner hat es so formulirt: „Deutsch sein heißt, etwas der Sache willen thun." Also Idealismus. Was heißt jüdisch? In der uns heut gebräuchlichen Benennung einer Gesinnung: eine Sache nur des persönlichen Profits halber thun. Also crasser Materialismus. Sollte nun wirklich der Juden lange Leidenszeit, ihr unerschütterliches Ausharren beim Glauben ihrer Väter wider alle Scheiterhaufen der Welt, keinen idealistischen Bodensatz in ihrem Charakter zurückgelassen haben? Uebrigens widerspricht die wahre jüdische Geschichte gänzlich der Annahme einer angeborenen materialistischen Gemüthsart. Das alte Judenthum strotzte von Pietismus und Puritanismus, und Spuren davon finden sich überall, wo der Jude noch in kleinen Gemeinden den Rabbis seiner Synagoge lauscht, überall, wo er noch nicht zu Macht und Wohlleben gelangte. Aber ist es der Jude allein, dessen Character dem Einfluß weltlicher Güter erliegt?! Greifet doch in den eigenen Busen, ihr Deutschen! Seid ihr denn „jüdischer" Gesinnung bar? Bricht sie nicht im Gegentheil urkrästig in eurer eignen Handlungsweise hervor? Wo sind sie, diese^ wackern Deutschen, die nur um der Sache willen ohne persöhnlichen Vortheil kämpfen und streben?! Ja, sie sind da, ohne Zweifel! Und fern sei es, abzuftreiten, daß dem deutschen Volke ein größeres Erblheil idealer Gesinnung zugefallen sein mag, als dem jüdischen. (!) Diese idealen Elemente aber liegen heute verkümmert am Boden, unterdrückt und gebrochen, und siegreich triumphirt der tonangebende Zeitgeist, den man fälschlich den „jüdischen" nennt. Dieser Geist lebt mächtig in Jedem, der heut im Kampf ums Dasein zur Oberfläche gelangt oder gelangen' will. Der Schaum und — Abschaum schwimmt oben, bis er zerplatzt; das Gold versinkt in der Tiefe, wenn nicht ein kühner Taucher es zur Sonne rettet." Amerika. Chicago. Am 23. September legte der griechisch-orthodoxe Erzbischof Latas von Zante dem dahier versammelten Weltparlamente der Religionen folgende Erklärung vor: „Im Osten ist unter der unwissenden Masse der Bevölkerung der Glaube verbreitet, daß die Juden für die Zwecke ihres religiösen Ritus das Blut christlicher Kinder benützen und, um sich solches zu verschaffen, vor der Begehung von Morden nicht zurückschrecken. In Folge dieses Glaubens brechen häufig Judenverfolgungen aus und die unschuldigen Opfer sind vielen Demüthigungen unterworfen und großen Gefahren ausgesetzt. Mit Rücksicht auf die Thatsache, daß solche irrthümliche Ideen auch unter den Unwissenden anderer Länder circuliren und im letzten Jahrzehnt sowohl Deutschland als auch Oesterreich der Schauplatz von Gerichtsverhandlungen gegen unschuldige Juden waren, die anaeklagt wurden, solche Ritualmorde begangen zu haben: richte ich als christlicher Priester an diesen Kongreß die Aufforderung, unsere Ueberzeugung zur Kenntniß zu nehmen, daß das Judenthum Mord jeder Art verbietet und daß keine seiner heiligen Autoritäten und Bücher den Mord oder den Gebrauch von Menschenblut sür rituelle Zwecke oder religiöse Ceremonien gebieten oder gestatten. Die Verbreitung einer solchen Verleumdung gegen die Bekenner eines monotheistischen Glaubens ist unchristlich. Der Ursprung dieser Verleumdung muß zurückgeführt werden auf die Einbildung der Römer, daß die ersten Christen Menschenblut bei ihren religiösen Verrichtungen benützten. Es ist unvereinbar mit der Pflicht des Christen, eine so schreckliche Anschuldigung unwiderlegt zu lassen und es liegt im Interesse des guten Rufes des Christen - thums, daß ich dieses Parlament auffordere, zu erklären, daß das Judenthum und die Juden des ihnen angedichteten Verbrechens ebenso unschuldig sind, wie es die Christen der ersten Jahrhunderte waren." Der Sitzung, in der diese Erklärung abgegeben wurde, präsidirte — das ist amerikanische Courtoifie — ein Jude: Rabbi Hirsch^ aus^Chicago. vermischtes. Köln, 24. Oct. (Sozialdemokratischer Parteitag.) Der entscheidende Pafius der heute eingegangenen Resolution über den Antisemitismus lautet: Die Sozialdemokratie bekämpft den Antisemitismus als eine gegen die natürliche Entwicklung der Gesellschaft gerichtete Bewegung, die jedoch trotz ihres reaktionären Charakters und wider ihren Willen schließlich revolutionär wirkt, weil die von dem Antisemitismus gegen die jüdischen Kapitalisten aufgehetzten kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen-Schichten zu der Erkenntniß kommen müfien, daß nicht blos der jüdische Kapitalist, sondern die Kapitalistenklaffe überhaupt ihr Feind ist und daß nur die Verwirklichung des Sozialismus sie ans ihrem Elend befreien karn. Würzburg. 19. October. Ein Strafmandat mit der Anweisung auf vier Tage Haft erhielt ein hier immatrikulirtcr Student, der unlängst kleine bedruckte Aufklebezettel mit der Bezeichnung „Kauft nicht bei Juden" öffentlich vertheilt hatte. _Anzeigen._ Für beit folgenden Theil ist die Redaetion nicht verantwortlich. >'°> Frankfurt a. M., Zeil 25, Israel. Cultusgegenstande.