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Der Israelit · 1893-10-26 · Heft 85 (26.10.1893) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 85 (26.10.1893)
Date
1893-10-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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■:^- wwfrrj*--.; 1616 Dann sagte er wörtlich: „Die Juden sind bei uns in Deutschland mehr wie hier, eine doppelte Gefahr. Wenn ich mir die menschliche Gesellschaft als eine Linie denke, so sind sie an einem Ende die größten Schürer der sozialen Gefahr durch Anhäufung von Reichthum und am anderen Ende Schürer der Revolution. Ich erinnere an Marx und Lasalle, die Väter der Sozialdemokratie! Die Stellung ist unverträglich, daß ein Volk, welches sich in der Minderheit befindet, die soziale Frage durch den Mammondienst verschärft und gleichzeitig das Volk zur Revolution aufruft. Ich liebe die Juden, aber ich bin gegen die Anmaßung derselben. Sie, eine halbe Million unter 50 Millionen dürfen die Kirche nicht zerstören, und wenn sie dies versuchen, dürfen wir ihnen zurufen: das dulden wir nicht. Ich habe nie angegriffen, nur vertheidigt, und es ist merkwürdig, daß man immer nur das Christenthum, nie das Judenthum angreift, und legt man einmal die Sonde an diese, dann gibts ein allgemeines Geschrei. Was die Juden hier sind, weiß ich nicht, aber ich kenne sie in meinem Vaterland. Wenn erst einmal die Juden zurückkehren in's gelobte Land, dann wird ihnen wohl sein und uns noch wohler!" -£• Vermischtes. Berlin, 18. Oktober. Der Kaufmann Josef Heymann, Inhaber der bedeutenden Getreidefirma M. Neufeld u. Co., hat aus Anlatz seiner heute stattfindenden silbernen Hochzeit dem Magistrat den Betrag von 10,000 Mark übersandt. Die Verwendung dieser Summe soll derart stattfinden, daß 20 Ehepaare ohne Unterschied des Glaubens, welche 25 Jahre verheirathet und hilfsbedürftig geworden, aber der öffentlichen Armenpflege noch nicht verfallen sind, und denen damit eine Hilfe geschieht, mit je 500 Mark bedacht werden sollen. Hamburg, 5. Oktober. Der israelitischen Stiftungsschule. der wegen der politischen Thätigkeit ihres Direktors die Berechtigung zur Abhaltung des Examens für den einjährigen Dienst entzogen war, ist diese Berechtigung nunmehr provisorisch wieder erlheilt wurden, da der Direktor Drähnert aus dem Collegium der Bürgerschaft ausgetreten und den bezeichneten Unzulässigkeiten abgeholfen worden ist. Aeuilletor». Der verlorene Sohn. Erzählung von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) Die Morgendämmerung war über die Stadt heraufgekommen und hatte von Neuem Leben in die während der Nacht vereinsamten Straßen gebracht. Die Milchverkäufer, die Brodträger marschirten in Colonnen aus und verschwanden in den Häusern. Die Straßenkehrer beendigten schnell ihre Arbeiten und verschwanden rasch mit den von Kehricht schwer beladenen Wagen. Hie und da sah das verschlafene Haupt eines Mädchens aus dem Fenster, verschwand aber bald wieder, wenn die frische Morgenluft sich erhob und sich bestrebte, mit ihrem eisigen Kuß Rosen auf die blassen Wangen der Frühaufsteherin zu zaubern. Träge schritt die Schtldwache vor ihrem Häuschen auf und nieder und blickte nach der Richtung, aus welcher die Ablösung kommen mußte. Nachlässig hatte sie das Gewehr über die Schulter geworfen und als sich eine der übermüthtgen Milchmädchen mit einer Neckerei an sie wandte, brummte sie dieselbe ärgerlich an, so daß diese erschreckt ausrief: „Huh, welch ein Brummbär!" Kaum war das Mädchen fort, da tönte ein feines Stimmchen hinter dem Schilderhause her: „Herr Soldat! Herr Soldat!" Ueberrascht wandte sich der Soldat um und erblickte einen Knaben von vierzehn Jahren, der mit ängstlicher Miene jetzt fragte: „Herr Soldat! wissen Sie nicht, wo die Synagoge ist." „Gewiß, weiß ich es." „Wollen Sie mir's nicht sagen? Ich bin die ganze Nacht gelaufen, um heute Morgen rechtzeitig dazu sein und Kaddisch sagen zu können." Der Soldat lächelte, als er sah, daß der kleine Junge seine Religion errathen hatte und fragte: „Woran hast Du denn gesehen, daß ich Jude bin." „Sie sind Jude! Gott soll Sie hundert Jahr leben und gesund lassen. Hab' ich doch gedacht, so eine Nas hat nur einer von unsere Leut'. Ich Hab heut' Jahrzeit und will zur Schule gehen." Lächelnd vernahm der Soldat die Worte des Jungen und sagte ihm bereitwillig, wo die Synagoge war. Der Junge dankte und wollte gerade weglaufen, als ihn der Soldat noch einmal zurückrief: „Woher kommst Du denn und wohin willst Du?" „Hat der Herr Soldat auch schon gesehen, daß ich fremd hier bin! Gott, welche Chochmoh! Ich bin ein armer, jüdischer Jung aus W. in Polen. Vater und Mutter sind gestorben uud so bin ich gegangen in die Welt, um zu gründen mir eine Existenz." Wieder sah der Soldat den Knirps an, der so unternehmend vor ihm stand und sagte: „Komme heute Mittag nach vier Uhr zu Rabbi Löb Matbaum, dann können wir uns weiter unterhalten." Die Schritte der die Schildwache ablösenden Soldaten ertönten jetzt in der Nähe und während sich die Schildwache in strammer Haltung vor das

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