Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1893)
- Date
- 1893-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1617 Schilderhäuschen postierte, trottelte der Junge die Straße entlang der Richtung der Synagoge zu. Das zierliche, in jorientalischem Siyl gebaute Gotteshaus war leicht zu finden. Es lag zwar in einer Seitenstraße, aber seine vergoldeten Kuppeln überragten sämmtliche Nebengebäude und waren weithin sichtbar. Trotz der frühen Morgenstunde hatten sich der Synagogendiener und einige fromme Gemeindemitglieder schon eingefunden, um vor dem eigentlichen Gottesdienst einige Psalmen und andere Gebete zu rezitieren. Der Knabe trat andachtsvoll in die Synagoge, und obschon er kein Gebetbuch besaß, in welchem die Psalmen standen, betheiligte er sich an der Recitation. Er kannte dieselben auswendig und mit unverhohlenem Erstaunen betrachteten die Männer den Knaben, der mit so großer Andacht an ihren Exercitien theilnahm. Die Stunde des Frühgottesdienstes war gekommen und die Anzahl der Beter hatte sich bedeutend vermehrt. Man achtete nicht mehr auf den Knaben, der in seiner Andacht bis zum Schluß verharrte. Erst als zum Schluß des Gottesdienstes, nachdem ein Abschnitt aus der Mischna vorgetragen worden war, alle Leidtragende das Xaääi86d äeradonon sprachen, hörte man die Stimme des Knaben Helle aus dem Chorus herausklingen. Der Gottesdienst war zu Ende. Der Synagogendiener schloß die Pforten des Gotteshauses ab und wollte sich in seine Wohnung begeben, als der Knabe an ihn herantrat. „Verzeihen Sie, mein Herr, ist in der Gemeinde Niemand, der mich in seinem Geschäft verwenden könnte und bei dem ich am Sabbat und Jom tos nicht zu arbeiten nöthig hätte? Ich beanspruche für's erste keinen Lohn. Essen und Trinken und Kleidung genügen mir." Der Synagogendiener betrachtete den Knaben forschenden Blicks vom Kopf bis zur Zehe, dann sagte er: „Was kannst Du denn leisten? Kannst Du lesen und schreiben?" „Nein; so werd' ich es aber lernen. Aber ich kann arbeiten mit meinen Händen." „Das ist wenig genug! Gehe zum Almosenier der Gemeinde, er wird Dir Almosen geben, was Dir zukommt." «Ich will aber nicht schnorren, nicht betteln. Ich will mein Geld verdienen und ich suche Arbeit." „Ei, so such Dir welche, kleine Kröte und lasse mich in Ruhe." Spruchs und wandte dem Knaben den Rücken zu. Dieser blieb zuerst verblüfft stehen, dann sagte er, sich langsam entfernend: „Freundlicher Mann dieses. Nimm Dir ein Beispiel daran, Gabriel, wie Du nicht werden willst." Von Haus zu Haus ging der Knabe, Arbeit suchend — vergeblich. Bei Glaubensgenossen und Andersgläubigen klopfte er an, niemand konnte oder wollte ihn beschäftigen und traurig schlich er über die Straße. Das Weinen war ihm nahe, als er an jeder Thüre abgewiesen wurde, oder wenn man ihm mürrisch ein Geldstück reichen wollte. „Wie hart ist es doch!" sagte er leise vor sich hin, „wie hart in der Fremde sein zu müssen. Wenn mein Mütterchen das gewußt hätte —" Thränen rannen über seine Wangen, und der Mut, mit dem er sein junges Herz gepanzert hatte, schwand und immer reichlicher stoffen die Thränen, so daß ihn die Vorübergehenden erstaunt und fragend ansahen. „Hart ift's! Sehr hart!" schluchzte er und setzte sich weinend auf einen Eckstein. Die Thränen erleichterten sein Herz, und als er jetzt aufblickte, sah er einen älteren Herrn vor sich stehen. „Warum weinst Du, Bürschchen?" fragte dieser nähertretend. Der Knabe gab keine Antwort. Scheu blickte er den Herrn an und wollte sich erheben und fortgehen. Doch der Mann hielt ihn am Arme fest und fragte abermals: „Warum Du weinst will ich wissen!" „Weil ich Niemand finde, der sich meiner erbarmt und mir Arbeit gibt." „So, so! Und was kannst Du denn arbeiten?" „Was man mich heißt. Gelernt habe ich außer Tenach mit Nascht nichts, aber ich will —" „Was willst Du?" „Alles lernen und ein tüchtiger Mensch werden " „Sehr löblich; sag es nur Deinen Eltern!" „Meine Eltern leben nicht mehr." „So sag es Deinem Vormund." „Ein armes polnisches Jüngelchen hat keinen Vormund." „Hm, hm, so ist die Sache. Seit wann bist Du hier?" „Seit heute Morgen." „Und hast den ganzen Morgen gebettelt?" „Nein, Herr, ich bettle nicht; wenn ich mein Essen nicht verdienen kann, hungre ich." „Und hast Du heute gehungert oder gearbeitet?" „Heute habe ich gefastet." „Also gehungert —" „Nein, gefastet, denn ich habe Jahrzeit um mein selig' Mütterlein." Der Herr blickte forschend in das hübsche offene Gesicht des Knaben und er mußte da etwas gesehen haben, was ihm gefiel, denn plötzlich sagte er: