Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1893)
- Date
- 1893-10-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1814 Berlin, 20. Oktober. Die Christlich-Sozialen und die Evangelisch-Sozialen, die durch Herrn Stöcker und den Pfarrer Naumann aus Frankfurt a. M. vertreten werden, hielten gestern unter dem Vorsitz des Elfteren eine Versammlung ab, an der viele Mitglieder des evangelisch-sozialen Kongresses sich betheiligen. Man debattirte in dieser Versammlung über die Möglichkeit eines politischen Zusammenwirkens, wobei die Christlich-Sozialen sich von der konservativen Partei abzusondern hätten. Herr Stöcker will bet dieser Partei und bei der rein politischen Thätigkeit bleiben, während die evangelischen Arbeitervereine des Pfarrers Naumann sich nicht zu einer politischen Partei ausbtlden wollen. Man kam zu keinem Beschluß und begnügte sich mit der Hoffnung, daß in Zukunft ein Zusammengehen möglich sein werde. Rührend war, wie energisch sich Herr Stöcker wieder gegen den früher von ihm protegirten und mit moralischem Befähigungsnachweis ausgestatteten Ahlwardt aussprach, der schlimmer als die Sozialdemokraten alle Autorität untergrabe. In Amerika hat Stöcker die freudige Entdeckung gemacht, daß die Juden von den Christen gesellschaftlich gemieden werden und weder politischen Einfluß noch eine soziale Stellung haben. Berlin, 21. October. Zu einem erhebenden Feste für das Rabbiner-Seminar gestaltete sich die gestern stattgehabte Entlassungsfeier des nach Königs - bürg gewählten Herrn Rabb. Dr. E. Munk. Der Feier wohnten sämmtliche Docenten, Seminaristen und eine Anzahl von geladenen Gästen bei. Die Festversammlung fand in der Synagoge des Seminars statt. Nach Verrichtung des Minchagebets bestieg der Docent Herr Dr. H o ffm an n die Kanzel und hielt eine gehaltvolle Ansprache. Als Motto gab er dem Scheidenden den Satz roto D’a-n Trv„ auf den Weg mit. Er erläuterte diesen Satz dahin, daß das Interesse der Mehrheit höher gestellt werden müffe, als das des Einzelnen; der Rabb. müffe daher seine Gemeinde nur als einen Theil des gesammten Judenthums betrachten und bestrebt sein, im Sinne der Gesammtheit zu wirken. Hierauf ergriff Herr Dr. Petuchowski das Wort, um im Namen seiner Collegen dem Abgehenden einen Abschiedsgruß zu widmen. In gediegenen und kernigen Worten schilderte Redner den Ernst und die Wehmuth, von denen die Hörer beim Scheiden eines solchen Freundes erfüllt seien. Er hob die Verdienste hervor, die sich Herr Rabb. Dr. M. um seine Collegen erwarb und bedauerte von Herzen die Trennung deffelben von seinem Gefährten. Der Redner betonte aber auch die Freude, die er empfinde, daß es dem Freunde gelungen sei zum! geistigen Führer und Leiter einer Gemeinde berufen zu werden, die noch am ererbten Gute unserer Väter festhält, drückte den Wunsch aus, daß es dem Gefährten gelingen möge, der Welt zu beweisen, daß in den Vertretern des Seminars weltliche Bildung und religiöse Gesinnung sich vermähle. Anknüpfend an den Satz unserer Weisen ,,->visn Ditoi> i? ids' nuriD" wer von seinem Freunde Abschied nimmt, der rufe ihm zu, ziehe zum Frieden," wünschte er, daß Herr Dr. M. in seinem neuen Wirkungskreise nur Frieden stiften möge, wo Streit und Hader auszubrechen droht. Mit den Worten "-p oto w mm« ’yn tin schloß Herr Dr. Petuchowski seine glänzende Ansprache. Hierauf bestieg Herr Rabb. Dr. Munk die Kanzel. Er wisse wohl, sagte er, daß er einen schweren Kampf auf sich genommen habe, allein sein Wahlspruch sei stets gewesen: ,?'rv)'D"n", der Jude müsse, will er als Jude leben, ringen und kämpfen bis zum letzten Blutstropfen. Er glaube die nöthige Kraft zu besitzen, da er seinen Charakter nach dem seiner verehrten Lehrer gebildet habe. Er werde nie vergessen, was er dem Seminare zu verdanken habe, und stets der Lehren eingedenk bleiben, die er hier empfangen. Nachdem sodann Herr Dr. Berliner seiner Freude Ausdruck gab, daß Herr Dr. Munk so freudig und muthig den Kampf ausgenommen habe, richtete der Reklor Herr Rabb. Dr. I. Hildesheimer Worte des Abschieds an den abgehenden Zögling und überreichte ihm das Rabbiner-Diplom unter den besten Wünschen für seine fernere Zukunft. Mögen die Wünsche der Freunde des Herr Dr. Munk in Erfüllung gehen und möge es ihm gelingen in seinem neuen Amte in segensreicher Thättgkeit zu wirken. I. Nacht. Aus Bade«. Einer Anregung des Großh. Oberraths des Israeliten entsprechend, hat der G r o ß h. O b e r s ch u l r a t h sich dahin ausgesprochen, daß er, wenn auch bezüglich der Mittelschulen bestimmte Vorschriften darüber nicht bestehen, wie groß die Zahl der Schüler eines Bekenntnisses sein muß, damit von Anftaltswegen Religionsunterricht für dieselben ertheilt wird, doch keinen Anstand nehmen würde, hinsichtlich der Einrichtung destsraelitischen Religionsunterrichtes an Mittelschulen — vorausgesetzt, daß eine zur Erthetlung des Unterrichts geeignete Persönlichkeit an dem betreffenden Orte zur Verfügung stünde — in Anlehnung an die Vorschrift in § 23 des Elementarunterrtchtsgesetzes schon dann zu entsprechen, wenn die Zahl der Schüler anderbetreffenden Anstalt dauernd, d. h. während des Verlaufs von drei aufeinander folgender Schuljahren, die Zahl von 15 erreicht oder überschritten haben sollte.