Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1893)
- Date
- 1893-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448394--37330-2485389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
trcicr nicht bestehen kann, dann sind auch die Christen in der Kultur zurückgeblieben. Dann sind wir quitt, und die in der Kultur zurückgebliebenen Christen, haben den in der Kultur zurückgebliebenen Juden nichts aufzuzwingen. Wir verbieten unseren neuen afrikanischen Unterthanen auch nicht, was uns an ihren Sitten barbarisch scheint, sondern nur das was über allen Zweifel erhaben barbarisch ist. Wir würden z. B. den Eingeborenen von Kamerun keine Schlachtart verbieten, von welcher die Biologen und Physiologen von Stockholm bis Bologna behaupten, man könne bei ihr mit keinem Schein von Recht von einer Thierquälerei sprechen. Es gehört der ganze unverfrorene, instinktive Judenhaß der „Grenzboten" dazu, um den Juden das verbieten zu wollen, was man selbst afrikanischen Wilden gestattet. „Sind diese rituellen Absonderlichkeiten aber keine unzertrennliche Best andtheile der jüdischenReligion, sind sie vielmehr Merkmale eines läng ft untergegangenen,orientalischenStaatswesens von ausgeprägter Nationalität, so brauchen die Juden keinen Lärm zu schlagen, wenn wir sie höflich ersuchen. diese bei uns zuLande unpassenden Sitten endlich abzulegcn; denn sie behaupten ja, kein gesondertes Volk im Staate zu sein." Das Schächten ist ein sehr wesentlicher Bestandtheil unserer Religion. Aber einmal angenommen, es wäre nur ein unwesentlicher, ist das ein Grund es antisemitischen Allüren zu Liebe Preis zu geben? Das Unwesentliche würde sofort wesentlich durch das bloße Verlangen unserer Feinde es aufzugeben. Wir hätten längst kein Judenthum mehr, wenn wir im Laufe der Jahrtausende alles hingegeben hätten, was unseren Fcinden unwesentlich erschien. Wird man aber wirklich sofort ein gesondertes Volk, sobald man eine andere Methode hat die Thiere zu schlachten als Hans und Kunz, dann haben wir noch eine Masse gesonderter Völker in Deutschland, deren Entdeckung wir erst der antisemitischen Weisheit der „Grenzbolen" verdanken. Wenn in einem und demselben Schlachthause der eine mit dem Keulenschlag, der andere mit der Bouterole, der dritte mit der Schießmaske und der vierte mit dem Genickstich das Thier zu Boden streckt, so haben wir da im Nu hier und überhaupt soviel gesonderte Völker, als cs verschiedene Schlachtmethoden giebt. Unter solchen Umständen, werden es uns die „Grenzboten" nicht verübeln, wenn ihr „höfliches" Ersuchen von unseren Sitten zu lassen uns an jenen ungarischen Räuberhauptmann in Glacehandschuhen erinnert und an seine Art und Weise seine Opfer zu behandeln. Derselbe hielt die Postkutschen an, ersuchte die Insassen höflichst aussteigen und sich einer kleinen Visitation auf Werthsachen unterziehen zu wollen, aber alles in Ehren! Er setzte voraus, daß Niemand Schwierigkeiten mache, da er sonst zu seinem lebhaften Bedauern genöthigt wäre jeden niederzuschießen, aber alles in Ehren! Das ist so etwa die Grenzboten-Höfltchkeit, wie sie uns hier entgegen tritt. Doch die Höflichkeit der „Grenzboten" bleibt hierbei nicht stehen. Für sie lautet die Frage, um die sich alles dreht: „Wie bringen wir es fertig, daß die Trümmer der jüdischen Rasse, die das deutsche Bürgerrecht genießen, nach und nach in unserem Volke aufgehen? Die Juden halten sich zwar bereits für Deutsche; aber sie sind cs nicht der Gestalt und der Gesinnung nach. Daß die Juden ihre Rasseeigenthümlichkeiten durch achtzehn Jahrhunderte erhalten haben liegt in ihren rituellen Gebräuchen. Um den Rassentrotz der Juden zu brechen, müssen ihre rituellen Gebräuche fallen. Die tiefste Wirkung übt unter diesen rituellen Gtbräuchen der jüdische Taufakt aus; so wird hier Mizwas Mila bezeichnet. Die Christen haben zwar auch gewisse Zwangsmittel, die Gemeinschaft der Gläubigen zu erhalten, aber Bauer, das ist etwas anderes. Der Jude kann nicht in die Seele eines anderen Volkes aufgehen, weil sein Körper das Gepräge der Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme durch die Beschneidung hat. Der Artikelschreiber ist der Meinung, die Mißachtung des Europäers und besonders des Germanen gegen die Juden beruhe darauf, daß sie ihren Leib von anderen Menschen verstümmeln lassen. Deßhalb kann der moderne Staat die Beschnetdung nicht nur verbieten, er muß es sogar thun. Der moderne Staat wird es sich wohl noch zweimal überlegen, bevor er auf diese Grenzboten- Wetsheit eingeht. Aber daß man solche Anschauungen heute nur öffentlich zu vertreten und sie nothdürftig mit so fadenscheinigen Motiven zu verbrämen wagt, das ist sicher ein beachtenswerthes Charakteristikum unserer Zeit. Der Staat, der solche hohle Gedanken und rohe Anschauungen sich wirklich aneignen wollte mußte auf das Attribut modern verzichten. Es wäre eine Beleidigung für das Mittelalter, wenn man diese barbarische Rohheit der Gesinnung mittelalterlich nennen wollte. Wären die Juden wirklich nicht fähig Deutsche nach dem Geschmack der „Grenzboten" zu werden, so wäre das nichts weniger als ein Unglück. Vor einem solchen Germanenthum, wie es da gepredigt wird, wird ihr Heller Geist und ihr warmes Herz, womit sie der Himmel begnadet hat, auch für die Zukunft sie schützen.