Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 84 (23.10.1893)
- Date
- 1893-10-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1605 daß Neuwied ein für Antisemitismus wenig ergiebiges Feld bietet, da hier die verschiedenen Confessioncn ohne Hader leben, auch abgesehen von der Feigheit, solche Plakate unter dem Schutze der Dunkelheit anzukleben, muß es als eine Frechheit bezeichnet werden, daß der benutzte Klebstoff, Dextrin, in solcher Menge aufgetragen worden ist, daß die Häuser arg beschmutzt worden sind. Hoffentlich gelingt die Feststellung des Thäters. England. London, 17. Oct. Vor dem Polizeirichter in Aberdeen waren der dortige Rabbiner Littmann und ein Mann Namens Zamek angeklagt, beim Schlachten eines Ochsen gegen die Vorschriften zum Schutze der Thiere verstoßen zu haben. Es entspann sich dabei der bekannte Streit darüber, ob das Schächten grausamer ist als die Betäubung durch einen Schlag. Laien wie Sachverständige widersprachen sich dabei in der üblichen Weise und der Richter sprach schließlich die beiden Angeklagten frei, den Rabbiner, weil die Grausamkeit nicht erwiesen sei und Zamek, weil derselbe blos zugeschaut hatte. Feuilleton. Eine Uacht in Kiew. Von I. Sänger, Berlin. (Schluß.) An uns herangekommen, commandirte der schneidige Offizier: Halt! was sich jedoch nur aus mich bezog, denn mein Begleiter machte gar keine Miene weiter zu geben und stellte sich, schon ganz buckelig, ohne ein Wort zu sprechen, als wäre er eben deßwegen gekommen, in die vordere Reihe der Colonne, näher an den Schutzmann. Ich setzte meine Schritte fort. „Halt!" brüllte hinter mir der Lieutenant: „Zum — was bedeutet denn das!" Ich blieb stehen. „In die Reihe sich einstellen!" befahl der liebenswürdige Herr weiter. „Warum denn? Ich habe doch einen Paß?" „Na ja, den geben Sie her! Welcher Dieb hat denn keinen Paß? Marsch!" „Aber ich . . ." „Ja, Morgen, Morgen im Utschastok (Polizeiamt) werden Sie uns alles erzählen . . ." „Aber ich bin ja . . „Zum — Ich werde mich doch nicht mit Dir stundenlang hier unterhalten! Faßt ihn . . " Dieses „2)u" und die sofortige Ergreifung, durch 2 Schutzleute brachten mich in Wuth, aber ein Blick auf meine Nachbarn von beiden Seiten — und mein Zorn war verschwunden. Die Colonne besuchte noch mehrere Häuser, der Offizier klingelte, der Portier öffnete den Gästen; wir Alle mit einigen Schutzleuten blieben draußen, der' Offizier ging mit den Uebrigen hinein, und je nach der Größe des Hauses bekamen wir noch 10—20 Reisegefährten. Gegen 3 Uhr Nachts sind wir schließlich im Utschastok angelangt, ein grobes Gebäude, umgeben von einem sehr hohen Zaun, der dazu noch oben am Rande mit scharfen Nägeln beschlagen war. Als das eiserne Gitter hinter uns geschlossen war, verschwanden die Polizisten plötzlich. Kein Mensch kümmerte sich mehr um uns; wozu auch? Für die nächtlichen Gäste war ein Zimmer vorbereitet, in welchem jedoch nur 40 Menschen stehend Platz nehmen konnten. Die Frauen und die Kinder kamen zuerst hinein, dann noch einige Männer, ich war unter ihnen, die Uebrigen blieben auf dem Hofe. Von Schlafen konnte natürlich gar nicht die Rede sein, vielmehr entwickelte sich in unserem Zimmer die lebhafteste Unterhaltung. Alles sprach, lachte, weinte, stöhnte, sang und pfiff durcheinander. In einer Ecke weinte ein Kind. Die Mutter, eine junge, stark abgemagerte Frau, suchte es zu beschwichtigen: „Schweig' du Unhold, oder ich schlage dich . . . O, wäre ich lieber gestorben an dem Tage, da ich dich bekam!" und diese bitteren Worte begleitete sie mit Faustschlägen, als wollte sie durch die Qual des lieben Kindes ihre eigene Erbitterung erleichtern. „Et Weibel, Weibel, schlagen Sie doch nicht das schöne Kind!" ruft ihr ein heiterer Bursche mit fanatischem Gesicht aus einer anderen Ecke zu, „singen Sie ihm ein Liedchen. O, ich kenne ein schönes Liedchen:" An den Flüffen, an den Flüffen Babylons, da saßen wir vor Zeiten Und im Kiewer Polizei-Revier da sitzen wir nun jetzt. Dort saßen wir, dort weinten wir, da ZionS wir uns erinnerten, Jetzt sitzen wir und weinen nicht, weil Zions, oi Zions! erinnern wir uns nicht mehr. „Ha! Ha! Ha! Das Liedchen singen Sie ihm nur, Weibel... Hunde, Hunde sind wir Rabboiffai!" schloß er plötzlich mit tief bewegter Stimme. „Du lügst, Kerl! Wir sind schlimmer als Hunde, die schlafen jetzt ganz ruhig in ihren Ställen," und des ganze Auditorium lachte wie ein Mann. „Du, weißt Du nicht, was mit Chozkeln geworden ist?" frägt dieser laut.