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Der Israelit · 1893-10-23 · Heft 84 (23.10.1893) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 84 (23.10.1893)
Date
1893-10-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1606 „Ja, er sprang aus dem Fenster!" „Wieso?" „Na, weil er schon drei Mal ertappt wurde; wenn man ihn letzt wieder auffischte, müßte er drei Monate im Gefängnisse sitzen, um dann mit der Etappe nach seiner Heimath zu spazieren. Da sagte sich der brave Kerl: „Todt oder Noth! Von der Oblawa aufgcfischt werde ich gewiß, und den Kopf zerbreche ich mir vielleicht auch nicht", und als die Polizisten im Corridor waren, sprang er aus dem Fenster..." „Ist ihm Nichts passirt?" frugen Mehrere hastig. „Als wir aus der Straße waren, sah ich ihn liegen. Er schrie entsetzlich: „Mein Bein, mein linkes Bein." Wir wollten ihn aufheben, aber der Okolototschnik (Polizei-Lieutenant) meinte: „Die Oblawa ist nicht für kranke Juden da", und wir gingen weiter ..." Diese Erzählung wirkte auf alle Zuhörer erschütternd. „O, dummes Hasenvolk! O, Ihr feigen Knechte!" rief der fanatische Burs-he mit den Zähnen knirschend. Unter solchen und ähnlichen Gesprächen verging die ganze Nacht. Um 7 Uhr Morgens wurden wir alle nach dem Hof gerufen. Der schneidige Okolototschnik musterte „seine Aufgcfischten". Einer fehlte. Ich bemerkte sogleich die Abwesenheit meines Wirthen. Ein Regen von Schimpfwörter! ergoß sich aus dem Munde des edlen Offiziers über den Ober- Schutzmann. „Sag, wo hast Du den Judm hingethan!" „Euer Wohlgeboren, die Bestie entschlüpfte mir auf dem Wege . . ." „Du lügst, Du — Du hast ihn für einen Poltinnik (50 Kop.) freigelassen. Du sollst mir dafür Rede stehen!" „Euer Wohlgeboren! Euer Wohlgeboren!" bat der Schutzmann, „was liegt Ihnen an dem Inden? An einem Juden! Ich bringe Ihnen sofort zwei für einen." Und in der That, in 10 Minuten kehrte der Schutzmann mit 2 neuen Juden zurück. Gleich darauf erschien der Pristow (Hauptmann). Er übersah die ganze Schaar mit prüfendem Auge. „Iwan Petrowitsch", wandte er sich an den Lieutenant, „wer von diesen äußerte den Wunsch mich persönlich zu sprechen, — führen Sie sie zu mir in's Kabinet". Er gab also das Signal und entfernte sich. In der That äußerte bis dahin Niemand den Wunsch, den Hauptmann persönlich zu sprechen. Mein Nachbar belehrte mich sofort, vorausgesetzt, daß ich Geld in der Tasche habe, auch um Audienz zu bitten, um dem Prlstaw eine gewisse Summe zu überreichen (unter 10 Rubel geht's nicht) und die! Hälfte davon dem Okolototschnik, um nicht von hier > nach dem Polizei-Präsidium transportirt zu werden, J von wo cs schon nicht so leicht wegzukommen war. Die Bemittelteren schieden sich sofort aus der Masse aus und wurden zu zweien in's Bureau bineingelassen, wahrscheinlich, um dem Pristaw die - Mühe der Auseinandersetzungen mit jedem Einzelnen! zu sparen. Als ich mit meinem Nachbarn hinein-! gelassen wurde, ließ ich diesem den Vortritt. Der! Pristaw sieht durch's Fenster in die Ferne hinaus, der : Jude hinter ihm an der Thür; folgt ein Dialog: j „Na, wieder in Kiew?" „Euer Wohlgeboren, ich muß hier Waare einkaufen ..." z „Ja, sagt ihr Alle mit einander. Deiner Groß-! mutter wirst Du solche Märchen vorschwindeln ...; Und welcher Teufel bringt Euch nur hierher (hier! wird die Stimme lauter) . . . Weißt Du denn j nicht. . .?" j „Euer Wohlgeboren, wir sind bereit zu danken!" j Ein Knistern von Papier wird hörbar. I „Iwan Petrowitsch, geben Sie Ihm den Paß." j Mit mir fängt dasselbe Zwiegespräch an: | „Na, wieder einmal in Kiew!" « „Ich bin überhaupt zum ersten Mal hier..." I „Ja, das sagt ihr Alle miteinander ..." ff „Das habe ich gar nicht nöthig." | „Was heißt denn das? (Stimme lauter.)!? Wiffen Sie denn nicht, daß den Juden der Aufent- | halt in Kiew nicht gestattet ist?" j „Was geht mich das an?" § „Wieso?" I „Ich bin kein Jude." | Sein Wohlgeboren dreht sich um. k „Na ja, dann sind Sie einem Juden täuschend ähnlich . . . Iwan Petrowitsch, geben Sie diesem Herrn den Paß." Iwan Petrowitsch trug mir schon den Paß < entgegen. „Entschuldigen Sie! . . . Ein „kleiner" Fehler", bemerkt er mit einem tückischen Lächeln. — j Ja, ein Fehler! Die russischen Gesetze, die j russische Polizei und gar das ganze zarische Ruß- I land — ein colosialer Fehler! | ie Friedrichsdorfer Zwiebatkfabrik von B. Ehrlich, | Frankfurt a. M. wurde auf der Internationalen Aus- "i stellung für Hygiene und Nahrungsmittel für ihre ausgezeichnet | gute Zwiebacke und Bisquits mit der goldenen Medaille prämirt. i Briefkasten der Expedition. F. St. in Wange«. — A. 8. in B. — H. 8. — ] C. in P. Beträge empfangen. jjj

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