Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 84 (23.10.1893)
- Date
- 1893-10-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Beilage;u M 84 des „Israelit". Leitender Artikel. Sidney Whiiman üöer die Juden *) Es ist schade, daß wir in unserer Abneigung gegen eine Rasse, die von unserer eigenen so weit verschieden ist, leicht ihre Tugenden aus den Augen verlieren und die Lehren übersehen, die wir aus ihnen ziehen können; denn diese Tugenden haben seltsamerweise Vieles mit dem christlichen Charakter gemein. Wahre Mildlhättgkeit, Einigkeit unter einander, starke Familienbande und ein lebhaftes Mitgefühl, den Aermsten ihrer Brüder zu helfen und sie in den Stand zu setzen, vorwärts zu kommen. Und was am häufigsten übersehen wird, ist die Thatsache, daß diese eigentlich christlichen Tugenden fast ebenso sehr die Ursache für den Erfolg des Juden sind, wie seine klar denkende Nüchternheit in Geldsachen, sein scharfer Instinkt für unsere schwachen Setten, seine Geschicklichkeit, sich dieselben zu Nutze zu machen und die Beharrlichkeit seiner Anstrengungen, die alle zusammen nur auf das eine Ziel des weltlichen Erfolges gerichtet sind. Und doch ist die verbreitetste Beschuldigung des Juden die, daß er im Geschäftsleben gewissenlos, unehrlich sei. Wir halten das für den unberechtigsten aller Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden. Wir haben erst das Maß unserer eigenen Gewissenhaftigkeit festzustellen. Inzwischen bleibt es eine feststehende Thatsache, daß die ärgsten Schwindeleien, welche während der letzten zwanzig Jahre in Paris, London und New- Aork vorgekommen sind, fast ausschließlich das Werk des Kaukasiers waren. Wir wollen sogar noch einen Schritt weiter gehen. Wenn wir uns die ererbten zweifelhaften Eigenschaften verwandter Nassen im Orient, zu denen die Juden gehören, vergegenwärtigen und an die Verfolgungen denken, welche sie so viele Jahrhunderte lang erduldet haben, so können wir den vielen ausgezeichneten Eigenschaften, die sie besitzen, den Zoll der Achtung nicht versagen. Wir unterhielten uns einst mit einem Oesterreicher über die Frage des Vertrauens im Geschäftsleben. „Vertrauen", sagte er, „ich habe zu Nie¬ *) Der Verfasser ist ein sehr bekannter englischer Schriftsteller, der mehrere Werke über Deutschland, die deutsche Armee und die deutschen Arbeiter verfaßt hat. Sein letztes Werk heißt: „Das Reich der Habsburger", das voriges Jahr erschienen ist. Er ist kein besonderer Freund der Juden. Um so wichtiger ist sein Urtheil über die guten Seiten derselben, das wir hier mittheilen. mandem Vertrauen." Das ist alles sehr schön; aber der katholische Priester hat Vertrauen zum jüdischen Banquier, denn er vertraut ihm die Gelder seiner Kirche an. Wir hörten von einem katholischen Priester, daß die Juden die Einzigen wären, denen er zu trauen Lust hätte. In einem Sinne ist der Jude, wenn er Erfolg haben will, versucht', Mittel anzuwenden, die der Christ nicht zu benutzen braucht. Er steht sich von vornherein einem Haß gegenüber. So muß er, wie klug er in Rechtsfragen, wie unterrichtet in den Wissenschaften, wie gewissenhaft als Geschäftsmann er sein mag, erst Deine Abneigung überwinden, ehe Du ihn verwendest. Und das Wunderbare ist, daß ihm das gelingt. Gelänge es ihm nur durch listige Kniffe , wie thöricht müßten dann die sein, die sich ihm erst widerfetzen und nachher anvertrauen! Es ist eine Thatsache, daß oft, wenn der Jude Erfolg hat, nicht Geld sein letztes Ziel ist, sondern eher die Achtung, die wir ihm versagen möchten, und die wir nur denjenigen gewähren, die Geld haben. Nein, wir glauben nicht, daß der Jude um einen Deut geldgieriger als der Christ ist. Im Gegentheil, nach psychologischen Gesetzen dürfte er weniger geldgierig fein, denn es liegt in der menschlichen Natur, das am höchsten zu schätzen, was am schwersten zu erreichen ist. Man beschuldigt ihn weiter der Anmaßung. Unsere Erfahrung ist, daß freimaurerische Gutmüthigkeit charakteristifcher für den Juden ist, als Arroganz, wenigstens gegenüber allen denen, die ihm ohne Ueberhebung begegnen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unter Juden aus verschiedenen Lebenskreisen weniger Arroganz herrscht als unter manchen Christen. Literarische Notiz. Zu den Hinzufügungen, welche auf den im Talmud, und zwar Sanhedrin Bl. 42, vorgeschriebenen Segensspruch bei der Erneuerung des Mondes, in späterer Zeit erfolgten, gehört auch der Satz; D'pi ti 1^2 nn. Die Quelle dieses Ausspruches ist im Talmud, Tractat Rosch-Haschana Bl. 25, enthalten. Dort wird nämlich erzählt, daß einst der Naßi Rabbi Jehuda den Rabbi Chija beauftragte, nach Entab zu reisen und die feierliche Verkündigung des Neumondes vorzunehmen. Zugleich übergab er ihm das Losungswort: Snis?» *]S m D’pi »n, welche R. Chija ihm nach vollführter Mission als Zeichen hiefür sagen lassen sollte. Raschi zur Stelle bringt eine zweite Erklärung und zwar